Gesichter einer Stadt

Menschen waren seine Leidenschaft, Hamburg ist sein Hobby: Als Porträtfotograf gehört Werner Bokelberg zu den ganz Großen, als Sammler historischer Aufnahmen der Hansestadt bringt er nun eine Fotobox heraus. Ein Teil des Erlöses geht an Hinz&Kunzt.

(aus Hinz&Kunzt 217/März 2011)

Werner Bokelberg
Werner Bokelberg

Ob er sich noch an sein erstes richtiges Foto erinnern kann? Aber ja: Es ist das Jahr 1954, Werner Bokelberg ist 16 Jahre alt und geht zur Schule. Er versammelt ein paar Mitschüler, gruppiert und fotografiert sie. Einige Abzüge schickt er an die Jugendzeitschrift Rasselbande nach Hamburg. Ganz locker schreibt er in seinem Begleitbrief: „Anbei übersende ich Ihnen elf selbst geknipste Bilder. Vielleicht könnten Sie das eine oder andere verwenden.“ Das können sie, eines der Bilder landet auf der Titelseite. Als nächstes kann er ein Foto von Christine Kaufmann verkaufen, damals noch ein Kinderstar. Immer wieder gelingt ihm in den nächsten Jahren ein schönes Porträt – für das Titelblatt der „Rasselbande: „Ich hab mich bei unsin Wiesbaden vor den Filmstudios herumgetrieben; es war gar nicht so einfach, am Pförtner vorbei aufs Gelände zu gelangen.“

Die Filmfirma Constantin
wird auf ihn aufmerksam, gibt ihm einen Vertrag: „Ich wurde Starfotograf, weil ich die Stars am Filmset fotografierte.“ Bokelberg reist von Drehort zu Drehort. Fünf Jahre lang.

„Wunderbare Jahre in Hamburg“

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, als der Herausgeber des Stern, Henri Nannen, Anfang der 60er seine Fotos entdeckt: „Er hat mich nach Hamburg bestellt, und es war klar, dass ich bei ihm anfangen soll; es wurde also gar kein Bewerbungsgespräch, wir haben uns einfach unterhalten. Und dann begannen wunderbare Jahre in Hamburg.“ Bokelberg schätzt die Freiheit, die er beim Stern hat. Er reist viel, ist zuständig für Mode, für Schauspieler und Künstler. Er fotografiert Romy Schneider und Andy Warhol; lichtet Pablo Picasso ab und Salvador Dalí, der ihn im Brokatmantel und mit Zipfelmütze empfängt. Einmal wird er nach München geschickt, in ein Haus, wo eine Kommune wohnt: „Ich habe das, was die da taten, nicht als politisch verstanden: Die haben schöne Musik gemacht und da war ein hübsches Mädchen.“ Das Mädchen ist Uschi Obermaier. Sein Foto von ihr, barbusig, selbstbewusst, mit wehenden langen Haaren, ist heute eine Ikone der 68er-Bewegung.

Wie viel Zeit seine Geschichten brauchen und was sie kosten, spielt eine untergeordnete Rolle: „Nannen hat nie eine Geschichte gedruckt, die ihn nicht interessiert hat. Hat ihm eine Geschichte gefallen, dann kam sie ins Blatt; wenn nicht, landete sie im Papierkorb.“ Das sei immer noch billiger gewesen, als die Leser zu enttäuschen.

Doch auch diese Zeit
endet und Bokelberg wechselt in die Werbung: „In den Illustrierten ging die Aufbruchsstimmung langsam vorbei; die war jetzt in der Werbung ausgebrochen.“

Eine kleine Digitalkamera als Notizbuch

Fotografiert er noch? Er beugt sich vor und angelt nach einem länglichen Etwas auf seinem Schreibtisch: eine kleine Digitalkamera. „Ich benutze sie wie ein Notizbuch. Manchmal mache ich ein paar Aufnahmen, wenn das Licht besonders schön in meinen Raum fällt.“ Seine Mitarbeiterin speichert die Bilder regelmäßig auf dem Computer ab: „Aber ich schaue sie mir nicht wieder an. Würde man davon einen Abzug machen, das Ergebnis wäre enttäuschend.“

Überhaupt hadert er mit der digitalen Fotografie. Damit, dass man keinen Film mehr einspannen muss, dass die Qualität so lau ist und dass alles so schnell geht: „Heute ist das Bild sofort da, und außerdem schauen dir gleich fünf Leute über die Schulter und jeder hat einen Kommentar parat“, sagt er. „Die Fotografie hat ihren Zauber verloren“, setzt er hinzu.

Als habe er geahnt,
dass das passieren wird, fängt er mit dem Beginn seiner Karriere an, Fotos zu sammeln: Bilder aus den Anfangstagen der Fotografie, ab 1839, als die Fotografie erfunden wurde: „Mich hat beeindruckt, dass man damals für die Aufnahmen Belichtungszeiten von einer bis zwei Minuten brauchte. Die Leute mussten also extrem lange still sitzen. Und ich selbst hab damals oft mit einer 1000stel Sekunde fotografiert! Danach habe ich versucht, wenigstens mit einer 60stel zu fotografieren.“

Natürlich interessieren ihn
auch Bilder aus dem frühen Hamburg: „Es gab damals in Hamburg Bildersammler wie Hamburgensien-Meyer mit seinem Geschäft in der Poststraße, wo ich fündig wurde. Vieles habe ich in Antiquarien entdeckt, die es heute kaum noch gibt.“

Eine Fotobox zugunsten von Hinz&Kunzt

Nun liegt eine silberne Fotobox vor uns mit 48 historischen Hamburg-Fotos: „Hamburg in frühen Photographien 1842–1891“. Fotos von der Alten Wache am Stadtdeich oder dem Anlegeplatz der Dampfschiffe bei St. Pauli. Menschen sind nur ganz am Rand und ganz klein zu sehen. Einen Teil der Einnahmen aus dem Verkauf dieser Kassetten spendet er an Hinz&Kunzt.

Warum auf den frühen Bildern
kaum Menschen zu sehen sind? Bokelberg kann das erklären: „In Hamburg war man damals nicht an den Menschen interessiert, sondern an der Umgebung.“ Das sei zum Beispiel in Frankreich, etwa in Paris, ganz anders gewesen: „Hier waren die Fotografen mehr an den Leuten interessiert, deswegen sind immer Menschen auf den Fotos zu finden und man erfährt mehr über ihr Leben.“

Ist das womöglich typisch hanseatisch? Er wiegt den Kopf ein wenig, sagt lachend: „Ja, könnte sein.“ Man müsse aber bedenken, dass ein früher Fotograf wie Georg Koppmann im Auftrag der Hamburger Baubehörde akribisch Haus für Haus abgelichtet habe, und der habe sich eben mehr für Giebel und Eingangsportale begeistert. „Dafür allerdings finde ich seine Bilder sehr romantisch“, sagt Bokelberg. „.Sie haben ein großes Gefühl.“ Wie seine eigenen Arbeiten auch.

Text: Frank Keil
Foto: Daniel Cramer

Die Fotobox „Hamburg in frühen Photographien 1842–1891“ können Sie per Mail unter bokel@bokelberg.com oder telefonisch unter 45 27 25 bestellen. Unbedingt Hinz&Kunzt dazuschreiben! Dann bekommen wir vom Preis (19,90 Euro) eine Spende von 4,90 Euro.

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