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Geldgierige Vermieter

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 165/November 2006

Wie Investoren ehemalige Sozialwohnungen verkommen lassen

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Wenn Investoren Sozialwohnungen aufkaufen, klingeln beim Staat die Kassen. Die Mieter hingegen kämpfen oft gegen Schimmel oder steigende Mieten, wie Michael Cordero und Ann-Kathrin Thüringer für das Polit-Magazin „Panorama“ recherchiert haben.

Die guten Tage sind vorbei. Gut 30 Jahre alt sind die Eisenbahnerwohnungen in Hamburg-Wilhelmsburg. 2004 wollte die staatseigene Wohnungsbaugesellschaft modernisieren. Dann kam der Verkauf. Das marode Anwesen ging an den amerikanischen Investor Fortress. Seither tut sich nichts, sagen die Mieter. Seit Jahren kämpfen sie gegen kalte Wände, feuchte Stellen und den Schimmel. Seit die amerikanischen Investoren eingestiegen sind, fühlen sie sich im Stich gelassen. „Man wird irgendwie behandelt, als wenn man gar nicht dazugehört“, sagt Mieter Hans-Walter Höfs. „Wir zahlen unsere Miete, aber es wird nichts getan. Das finde ich nicht richtig.“

Einige Kilometer weiter. Hamburg-Steilshoop – Hinterlassenschaften sozialen Wohnungsbaus. Dieses Gebäude hat eine Fortress-Tochter gekauft. Heidi Liebchen wohnt seit acht Jahren in dem Hochhaus. Bis zum Jahreswechsel zahlte sie, dank Sozialbindung, eine günstige Miete. Dann kam die Erhöhung: Trotz immer wieder schimmeliger Wände zahlt sie nun 19 Prozent mehr.

Während sie ordentliche Reparaturen fordert, behaupten die Vermieter, ihr „Lüftungs- und Heizverhalten“ sei falsch. Heidi Liebchen: „Die wollen nur noch Geld rausziehen, Gewinne machen, die wollen verdienen an uns. Wie es uns Mietern dabei geht, das ist denen vollkommen egal.“Vor zwei Jahren wurde Heidi Liebchens Wohnung mit bundesweit 81.000 anderen verscherbelt. Sie gehörten der Rentenversicherung – jetzt gehören sie Fortress. Gegenüber „Panorama“ sagt der Investor, man prüfe Sanierungsmaßnahmen. Christian Ude, Oberbürgermeister der Stadt München, meint: „Private Anleger haben nur ein Interesse, den größtmöglichen Profit aus einer Wohnanlage herauszuholen!“ Und Franz-Georg Rips vom Deutschen Mieterbund beobachtete eine bedenkliche Entwicklung: „Es sind neue Investoren auf dem Markt erschienen, die Wohnungen, wie jede andere Ware auch, handeln, kaufen, verkaufen. Deren Ziel es ist, mit Wohnungen möglichst schnell, möglichst viel Geld zu machen. Das haben wir in den letzten 50 Jahren in Deutschland in der Wohnungsbewirtschaftung nicht erlebt.“

Die neuen Eigentümer hatten versprochen, sich in Steilshoop sozial zu engagieren, eine millionenschwere Stiftung zu gründen. Aber wann? In den städtischen Mietshäusern im Viertel wird saniert. Doch alleine kann die städtische SAGA das problematische Viertel nicht in den Griff kriegen. Sprecher Mario Spitzmüller: „Wir haben jetzt einen Partner im Stadtteil, wo wir seit einem Jahr etwa beobachten können, dass das Engagement zurückgefahren wird. Sie sehen es in den Außenbereichen. Es sind Kleinigkeiten, aber sie sehen Veränderungen, wenn sich ein Unternehmen nicht mehr so engagieren will vor Ort, wie es das bisher getan hat.“Auch in München wollten die so genannten Heuschrecken landen, Häuser einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft kaufen. Doch anders als im Rest der Republik blieben die Stadträte hart. Nicht einfach, denn die Investoren versuchen es mit allen Mitteln, berichtet Oberbürgermeister Christian Ude: „Die bedienen sich immer so genannter Türöffner, das sind abgehalfterte oder abgewählte Staatssekretäre oder Minister, Bürgermeister oder Stadtdirektoren. Ich hatte ja auch schon einmal einen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten hier. Die wünschen einen Höflichkeitstermin, weil sie doch mal ein wichtiges Amt hatten, und wenn sie im Amtszimmer sitzen, stellen sie sich vor als Türöffner eines großen Finanzinvestors.“

Im Londoner Finanzviertel kennt man alle diese Tricks. Jonathan Short ist einer der Investoren, der Deutschland entdeckt hat. Ein idealer Markt: Immobilien zu lächerlichen Preisen. Und gefügige Politiker – als Türöffner oder als williges Opfer: „Die Mieter sollten mal darauf schauen, wer all ihre Wohnungen verkauft hat“, meint Short. „Es sind nicht die internationalen Investoren schuld – falls Schuld der richtige Begriff ist. Es sind die Eigentümer, die die Wohnungen verkauft haben. Die Mieter haben eigentlich ein Problem mit den Verkäufern, nicht mit den Käufern!“

Niemand weiß das besser als die Mieter des Weingarten-Viertels im badischen Freiburg. Fast 8000 städtische Wohnungen will der grüne Oberbürgermeister verkaufen. An so genannte Heuschrecken wie in Dresden – fürchten die Mieter. Im Freiburger Rathaus bleiben die aufgebrachten Bürger unverstanden. Der angefeindete Oberbürgermeister, Dieter Salomon, verweist auf die Lage seiner Stadt: „Wir haben jahrelang Schulden gemacht, über unsere Verhältnisse gelebt. Die städtischen Wohnungen werden dafür sorgen, dass wir 26 Millionen Zins und Tilgung, die wir jedes Jahr zahlen, nicht mehr zahlen müssen.“ Eine Hoffnung, die nicht in Erfüllung gehen wird, meint Lutz Freitag vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen: „Nach allen Erfahrungen, die wir mit dem Verkauf öffentlicher Unternehmungen generell, aber speziell auch von Wohnungsgesellschaften haben, schmilzt dieses Geld dahin wie Schnee in der Sonne.“ Auch der Münchner Oberbürgermeister Ude zweifelt am Sinn des Ausverkaufs: „Es ist ein sehr kurzfristiger Gewinn, mit dem man heute die Bilanz schönt, morgen aber wohnungspolitisch nichts mehr zu sagen und zu tun hat!“

135.000 Wohnungen in Hamburg sind in Besitz der städtischen Wohnungsgesellschaft SAGA/GWG. Der Senat versichert immer wieder, er plane nicht, den städtischen Wohnungsbestand oder Teile davon zu verkaufen. Das hat in Hamburg bislang nur die FDP gefordert. Menschen, deren Vermieter sich nicht um die Beseitigung von Wohnungsmängeln kümmert, helfen die Mietervereine. Mehr Infos im Internet unter www.mieterverein-hamburg.de und www.mhmhamburg.de

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