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Freunde – 90 Jahre und kein bisschen leise

6. April 2011 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009

Mit Rat, Tat und Geld: Margarete Bäth unterstützt Obdachlose in Hamburg. Seit Jahren spendet sie regelmäßig auch an uns

200-Margarethe Bäth(aus Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009)

Da sitzt sie nun, mit ihren 90 Jahren, die man ihr überhaupt nicht ansieht. Margarete Bäth ist extra bei Hinz&Kunzt vorbeigekommen, um eine Geldspende abzugeben. Sie scheut eben keine Mühe, wenn es darum geht, Obdachlose zu unterstützen. Seit 15 Jahren macht sie das nun schon. Damals wurden im Pfarrgarten ihrer Gemeinde, der Auferstehungskirche in Barmbek Nord, drei Container aufgestellt, in die Obdachlose einzogen, um heil über den Winter zu kommen. „Wir haben damals eine kleine Gruppe gebildet, wir wollten uns den Leuten nicht aufdrängen, aber wir wollten uns auch um sie kümmern.“ Also trifft sich Margarete Bäth, zusammen mit anderen, einmal in der Woche mit den Obdachlosen im Gemeindesaal. Sie bringen mal etwas zu essen mit, mal spielen sie zusammen und kommen immer mehr miteinander ins Gespräch: „Da habe ich viele Schicksale erfahren und weiß seitdem, dass das nicht immer Leute sind, die Schuld daran haben, in welche Misere sie gekommen sind.“
Eine Begegnung hat sich ihr besonders eingeprägt: Ein junger Mann, der Weihnachten nicht nach Hause fährt, sondern allein in seinem Container zurückbleibt. „Ich bin Heiligabend rübergegangen, ich wollt’ ihn ja nicht ausfragen, das gehört sich ja nicht, aber er hat mir dann erzählt, dass er nicht zu seinen Eltern fährt, weil die nicht wussten, dass er obdachlos war, und er hatte Angst, dass das bei seinem Besuch rauskommen könnte.“ Margarete Bäth macht eine kurze Pause: „Das geht einem ganz schön unter die Haut, wenn man selbst ein schönes Zuhause hat, und alles ist in Ordnung.“
Dabei ist es ihr eine Herzensangelegenheit, sich zu engagieren und einzumischen. Nur so im Schnelldurchlauf: Sie ist mit dabei, als das Beschäftigungsprojekt „Rathauspassage“ entsteht, wo sie bis heute gerne essen geht. Sie ist lange Mitglied der Synode der Nordelbischen Kirche, und im Bürgerverein in ihrem Lieblingsstadtteil Barmbek ist sie bis heute als Beisitzerin tätig. Auch Hinz&Kunzt kennt sie von Anfang an, hilft und spendet. Und kann sich dabei auf die Unterstützung ihrer Familie verlassen: Als sie unlängst ihren 90. Geburtstag feierte, bat sie um Spenden für Hinz&Kunzt. 725 Euro kamen zusammen, die sie heute persönlich vorbeibringt. „Wir sind in unserer Familie alle so gestrickt, dass wir uns für andere interessieren. Für mich ist das selbstverständlich.“
„In einem langen Leben erlebt man manches“, sagt sie nachdenklich. Sie wird 1919 in Lübeck geboren, da ist der Erste Weltkrieg zwar vorbei, aber die Folgen sind überall zu merken. Sie wächst in der Weimarer Republik auf, erlebt das Erstarken der Nazis, die Jahre des Nationalsozialismus und den Krieg, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind: „Mein Bruder hat gerade noch mitbekommen, dass seine Frau Zwillinge bekommen hat; dann ist er irgendwo verschollen, wir wissen nicht, wo er abgeblieben ist.“ Sie erlebt, wie die Kinder ohne ihren Vater aufwachsen: „Deshalb bin ich auch eine ganz strikte Kriegsgegnerin geworden“, sagt sie, die von ihren Nichten immer wieder befragt wird, wie es denn damals war, und die dann immer zu ihr sagen: „Mensch Omi, schreib das doch mal alles auf.“ Damit hat sie jetzt angefangen: „Es sind ja nur noch wenige da, die von diesen Zeiten erzählen können, die das am eigenen Leib erlebt haben.“
1958 zieht sie von Lübeck nach Hamburg. Wohnt heute einfach gerne in Barmbek, in einer kleinen, stillen Straße, inmitten von jungen Familien mit Kindern, genießt ihren Garten. „In ein Altenheim – was soll ich denn da jetzt schon?“, fragt sie. „Ach, nee: Ich könnte nicht den ganzen Tag da rumsitzen, und ich müsste da dauernd basteln, nee, das wär’ nichts für mich“, setzt sie lachend fort. Und sie erzählt lieber von ihrem Enkel, der gerade viel zu Demos geht: „Das muss man in dem Alter machen, sonst ist man nicht jung gewesen! Und wenn es ihm nicht mehr gefällt, na, dann macht er eben etwas anderes.“ Und sie nimmt ihre Handtasche, klappt sie auf und sagt: „So, nun hab ich viel zu viel erzählt, und nun lass mich mal das Geld loswerden.“

Text: Frank Keil
Foto: Mauricio Bustamante

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