Freiheit hinter Gittern

Vera, 50, verkauft Hinz&Kunzt in Hamburgs Kneipen.

(aus Hinz&Kunzt 240/Februar 2013)

Seit Vera eine Freundin hat, hat sie keine Angst vor Gewalt in der Beziehung mehr.

Dass Vera wegen Drogenschmuggels einmal in einem argentinischen Gefängnis einsitzen würde, hätte sie sich vorher nicht vorstellen können. Drei Jahre, zwei Monate und zwölf Tage war sie im Knast, bevor sie im Januar 2004 entlassen wurde. Heute sagt sie über die Jahre in Gefangenschaft: „Ich habe mich das erste Mal in meinem Erwachsenenleben richtig frei gefühlt.“

Denn davor war Vera 17 Jahre mit ihrem Ex-Mann zusammen. „So richtig freiwillig war das nicht“, erinnert sie sich an den Beginn der Beziehung. „Er ist an mir kleben geblieben und ich hatte nicht die Kraft, ihn loszuwerden.“ Also hat sie sich auf ihn eingelassen. Später konnte sich Vera nicht mehr aus der Beziehung lösen: „Ich hatte das Selbstbewusstsein dafür gar nicht.“ Schließlich hat sie ihn sogar geheiratet. Sie hat damals viel gekifft, er hat mit Drogen gehandelt – das hat sie bei ihm gehalten: „Ich war ihm hörig und süchtig.“ Vera wurde geschlagen und hat Dinge erlebt, über die sie nicht reden möchte. Dinge, die für sie schlimmer waren als der Knast: „Ich war nie im Krankenhaus, aber es hat öfters mal weh getan.“

Am Ende, so hoffte sie, würde ein schönes Leben in Indien stehen. Denn der Traum ihres Ex-Mannes war es, dort ein Restaurant zu eröffnen. „Ich habe immer geglaubt, dass ich in diesem Traum auch vorkomme“, sagt Vera. Kam sie aber nicht: Ihr Ex verschwand ohne sie. Jedoch nicht, ohne vorher andere Drogendealer um deren Geld zu betrügen, berichtet Vera. Von ihr wollten die Kriminellen das Geld dann wiederhaben. „Das war mafiamäßig“, sagt sie. „Ich hatte Angst, dass ich da nicht mehr heile rauskomme.“ Im Dezember 2000 drängten die Dealer Vera dazu, Kokain von Argentinien nach Peru zu schmuggeln. Dabei wurde sie erwischt, später deswegen zu einer Haftstrafe verurteilt.

Ihre Zeit im Knast saß Vera tapfer ab, lernte derweil viel über die argentinische Kultur und Sprache. Danach hat sie ihre Freundin kennengelernt, mit der sie seitdem zusammen ist. Vorher hatte Vera noch nie eine Liebesbeziehung mit einer Frau. „Das fand ich als Lebensform angenehmer, als mit einem Kerl zu Hause“, sagt sie. „Bei einer Frau weiß ich, dass ich keine Gewalt erfahre.“ Fast zwei Jahre lebten die beiden nach Veras Freilassung in Argentinien, bevor sie das Land verlassen musste: Veras Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen, und sie bekam keine Unterstützung vom Staat mehr. Ihre Freundin musste sie zurücklassen – vorerst.

Den Absprung aus Argentinien schaffte Vera nur zufällig: Der Pfarrer einer deutschen Kirchengemeinde in Südamerika bezahlte ihr den Flug und machte einen Neustart in Deutschland möglich. Im November 2005 überquerte Vera den Atlantik in Richtung Hamburg. In ihre Heimatstadt Essen wollte sie nicht mehr zurückkehren: „Wegen der Drogenleute.“ In Hamburg kam Vera zur Ruhe. Sie fand mit Unterstützung der Wohnungslosenhilfe eine Bleibe, in der sie bis heute zufrieden lebt. Ohne Unterstützung wäre sie so weit nicht gekommen: „Ich habe sehr viel Hilfe erfahren“, sagt sie.

Hinz&Kunzt: Wie möchtest du in fünf Jahren leben?
Vera: Eigentlich wie jetzt, nur mit meiner Freundin! Die möchte ich gerne nach Deutschland holen.

H&K: Hast du einen Lieblingsplatz in Hamburg?
Vera: Ich könnte stundenlang am Uhlenhorster Kanal beim Winterhuder Weg sitzen und auf das Wasser gucken!

Text: Benjamin Laufer
Foto: Mauricio Bustamante

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