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Frau Karin, wie geht Kartoffeln kochen?

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2008: Hinz&Kunzt-Ausgaben 179 – 190, Archiv, Hinz&Kunzt 179/Januar 2008

Die neuen Eltern-Kind-Zentren werden regelrecht überrannt. Der Hilfebedarf in Alltagsfragen ist enorm.

(aus Hinz&Kunzt 179/Januar 2008)

Die Frage wäre wohl jedem peinlich: Wie kocht man eigentlich Kartoffeln? Welche Mutter gibt schon gern zu, dass sie vor der Geburt ihres Kindes allenfalls Miracoli-Spaghetti und Yum-Yum-Tütensuppen „gekocht“ hat? „Hier bei uns ist keine Frage zu peinlich, wenn sie dem Wohl der Familie dient“, sagt Karin Behland vom Eltern-Kind-Zentrum Hohenhorst-Jenfeld. „Wir haben hier eine Atmosphäre, in der alles angesprochen werden darf.“ Bis zu 16 Eltern mit ihren Kindern zwischen null und drei Jahren kommen täglich zu „Frau Karin“, wie die Leiterin des Cafés von einigen Müttern genannt wird. Auf dem liebevoll gedeckten Tisch stehen immer eine Kanne Kaffee und Tee bereit, für die Kinder gibt es Apfelschnitze oder einen Keks.
Und natürlich das Spielzimmer mit Rutscheautos, Klettergeräten und Tobematten. Ihre große Stärke, so Karin Behland, sei Spontaneität. Die braucht sie auch, denn sie weiß nie, wie viele Mütter oder Väter mit welchen Problemen vorbeischauen. Da fragt ein Vater: „Ich glaube, bei mir ist eingebrochen worden. Ich bin aber nicht sicher. Was soll ich tun?“ Andere klagen über ihre Vermieter, über Schimmel in der Wohnung. „Mein Baby schreit jede Nacht, ich bin fertig… “ Die Pädagogin muss auf alle Lebenslagen reagieren. Einmal die Woche helfen ein Straßensozialarbeiter und eine Kinderkrankenschwester. Es kommen Familien aus Afghanistan, Afrika und Korea, viele Mütter besuchen einen Sprachkurs im Zentrum, während Karin Behland auf das kleine Kind aufpasst. Besonders beliebt sind die Kochkurse, auch weil hinterher zusammen gegessen wird. „Keines der Gerichte darf mehr als fünf Euro für die ganze Familie kosten“, so Karin Behland, „mehr können sich die Familien nicht leisten.“ Erst im Sommer hat das Eltern-Kind-Zentrum eröffnet, aber, so die Pädagogin: „Man kann sagen, der Laden brummt.“

Ähnliches berichten auch die Mitarbeiterinnen des Zentrums in Lohbrügge, die an drei Öffnungstagen sogar 90 Besucher zählen. In einigen Zentren geht der Bedarf sogar weit über die bloße Beratung in Erziehungsfragen hinaus: Oft stehen den Mitarbeiterinnen schlicht hungrige Eltern und Kinder gegenüber. „Ich darf das eigentlich nicht, weil das Konzept keine Essensausgabe vorsieht, aber ich schmiere den Leuten auch ein Brötchen, wenn sie Hunger haben. Ich kann doch niemandem tolle Tipps geben, wenn dem der Magen knurrt“, so eine Erzieherin.

„Die Anzahl der Familien in schwierigen Lebenslagen wird noch steigen“, glaubt Monika Thissen von der Arbeiterwohlfahrt. „Wir sind sehr froh, dass die Stadt die Eltern-Kind-Zentren ermöglicht. Aber es ist ein Unding, dass sämtliche Mitarbeiter nur Zeitverträge haben. Die Zentren sind ja nur ein Projekt, das bis Ende 2008 befristet ist. Die Situation für die Träger und Mitarbeiter ist sehr unsicher, was es auch schwierig macht, qualifiziertes Personal zu finden. Wir brauchen Pädagogen mit einer gewissen Lebenserfahrung und Persönlichkeit, die den Job meistern können. Dann sollen die Zentren auch noch ganzjährig geöffnet haben, aber es gibt kein Kontingent für Urlaubs- oder Krankheitsvertretung.“

Die geforderte Planungssicherheit mag die Sozialbehörde aber nicht geben. „Es gibt momentan noch keine weitere Planung für die Eltern-Kind-Zentren“, so Sprecherin Jasmin Eisenhut. „Bislang werden für 22 Zentren insgesamt 4,1 Millionen Euro bereitgestellt. Aber es kann gut sein, dass das Angebot ausgebaut wird, wenn die Zentren so gut angenommen werden.“ Das müsse der Senat entscheiden.

Der täte gut daran, den engagierten Eltern-Kind-Zentren vor Ort mehr Personal zu bewilligen, da sind sich alle Wohlfahrtsverbände und Mitarbeiter einig. Wenn er es denn ernst meint mit dem Kampf gegen Kinderarmut und Verwahrlosung.

Petra Neumann

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