Wanderarbeiter-Ausstellung

Bericht aus Moldawien

Tausende Kinder wachsen in Moldawien elternlos auf, weil Mutter und Vater keine Arbeit finden und im Ausland Geld verdienen müssen. Die Fotografin Andrea Diefenbach hat einige jahrelang begleitet. Am 10. Februar berichtet sie im Museum der Arbeit über ihre Erlebnisse.

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Trost per Telefon: Die Mutter von Carolina verdient in Italien als Altenpflegerin 850 Euro im Monat.

In einer Fotoreportage ­zeigt ­Andrea Diefenbach zerrissene Familien: Kinder, die in ­Moldawien ohne Beistand von Erwachsenen auf­wachsen – und deren Mütter und Väter, die als Arbeits­migranten in Italien leben. Unsere Geschichte aus Hinz&Kunzt 245/Juli 2013:

Sind so kleine Hände … Und so viele davon, viel zu viele, strecken sich jetzt in die Höhe. „Wessen Eltern leben in Italien?“, hatte die Lehrerin in einem Dorf in Moldawien gefragt. Ihre Schüler zögern erst, doch nun melden sie sich, immer mehr von ihnen, mit einer „Mischung aus Stolz und Verlegenheit“, wie Andrea Diefenbach beobachtet. Am Ende zeigt sich, dass rund zwei Drittel der Kinder ohne Eltern aufwachsen, teilweise schon seit Jahren. „Das war ein richtiger Schock“, erinnert sich Andrea Diefenbach. Die Fotografin hatte zwar in Vorbereitung ihres ­Besuchs bereits einiges über Arbeitsmigration gelesen. Sie wusste, dass in Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas, viele ­Eltern aus purer Not ihre Kinder verlassen, um in Westeuropa Geld zu verdienen. „Aber auf einmal selbst in die Gesichter lauter alleinlebender Sechsjähriger zu schauen – das war etwas ganz anderes.“

2008 erlebte Andrea Diefenbach diese Szene, zweieinhalb Jahre arbeitete sie anschließend an ihrer Fotoreportage „Land ohne Eltern“, die mittlerweile auch als Buch erschienen ist. Immer wieder reiste sie für Gespräche und Fotoaufnahmen nach Moldawien, besuchte die betroffenen Kinder, teilte ihren Alltag, reiste außerdem nach Italien, um dort mit den Eltern zu sprechen, deren größter Wunsch es ist, ihre Kinder „schnellstmöglich“ wiederzusehen. „Jedes einzelne Schicksal berührt mich bis heute“, sagt die 39-Jährige. „Deswegen fiel es mir auch so schwer, dieses Fotoprojekt abzuschließen.“

Da war zum Beispiel Olga, eine Zwölfjährige, die sich ganz allein um ihre beiden jüngeren Schwestern kümmerte. Die große Verantwortung, die auf ihren Schultern lastete, schien sie gar nicht zu spüren. In einem Brief an ihre Mutter schrieb sie: „Mama, nun komme ich schon in die 7. Klasse. Das heißt, ich gehöre jetzt zu den Großen. Dabei bin ich doch noch so klein.“ Überhaupt dieses „Weitermachen“, dieses „Funktionieren“: „Oberflächlich haben sich die Kinder gut mit der Situation abgefunden“, erzählt Andrea Diefenbach. „Niemand hat von Einsamkeit gesprochen oder gar den Eltern Vorwürfe gemacht.“

Die Eltern hingegen würden häufig von Schuldgefühlen geplagt. „Doch da ihnen Geld und Visa fehlen, um ihre Kinder mitzunehmen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als alleine zu gehen.“ Die meisten würden mithilfe von Schleusern illegal nach Italien oder in andere Länder der EU einreisen, um dort als Erntehelfer, Putzfrauen oder auf dem Bau zu arbeiten. Viele auch als Altenpfleger: „Sie kümmern sich also um Fremde, während ihre eigenen Kinder selbst Hilfe bräuchten.“

Was das für die Zukunft Moldawiens bedeute, sei heute noch gar nicht abzusehen: „Hier wächst gerade eine ganze Generation heran, die nie ein stabiles Familienleben kennengelernt hat“, sagt Andrea Diefenbach. „Den Kindern fehlen ihre wichtigsten Bindungs- und Vertrauenspersonen, es kommt zur totalen Entfremdung.“

Immerhin: Einige Eltern kehrten zurück, andere holten ihre Kinder nach, sobald sie einen legalen Aufenthaltsstatus erhielten – doch das dauere durchschnittlich drei bis acht Jahre. Bis dahin bleibe den Familien nur der Kontakt per Telefon oder Internet. Und per Paket: „Für viele Eltern ist das der einzige Weg, den Kindern ihre Liebe zu zeigen“, erzählt Andrea Diefenbach von ihren Beobachtungen. Über ein Liefersystem mit Minibussen werden deshalb regelmäßig nicht nur nötige Dinge wie Waschmittel oder Hygieneartikel in die Heimat geschickt, sondern auch Süßigkeiten und Spielzeug. Eine kleine Freude im arbeitsreichen und oft genug auch überfordernden Alltag für die Kinder.

Träume für die Zukunft, Hoffnungen oder Wünsche hätten die meisten von ihnen allerdings schon lange nicht mehr. „Stattdessen haben sie resigniert, sie glauben, dass sie selbst einmal Arbeitsmigranten werden.“ Auf Andrea Diefenbachs Frage, was die Jungen und Mädchen später gerne machen würden, wie sie gerne leben würden, bekam sie jedenfalls oft nur ein Schulterzucken zu sehen. Und folgenden Satz zu hören: „Ich gehe doch sowieso irgendwann nach Italien.“

Text: Maren Albertsen

Andrea Diefenbach, 39, arbeitet als freie Fotografin, unter anderem für Die Zeit, Geo und den Stern. Ihre Serie über die moldauischen Arbeitsmigranten wurde vom Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot Stiftung sowie dem Grenzgänger-Programm der Robert Bosch Stiftung gefördert. Ausgezeichnet wurde sie dafür mit dem n-ost Reportagepreis 2012. Mit dem Bildband „Land ohne Eltern“ (Texte von Nicola Abé, ­Dumitru Crudu, Grigore Vieru. Kehrer Verlag, 124 Seiten, 39,90 Euro) war sie unter den Gewinnern beim PDN Photo ­Annual 2013 in der Kategorie Fotobücher (www.pdnphotoannual.com). Mehr Infos unter www.andreadiefenbach.com

Die Fotoausstellung zum Thema „Wanderarbeiter“ zeigt das ­Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, noch bis zum 2. März 2014. 

Veranstaltung mit Andrea Diefenbach und Geo-Redakteurin Susanne Krieg im Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, Mo, 10.2.,19.30 Uhr, 6/4 Euro

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