Fernweh im Stehcafé

Auf der Spur der unbekannten „Tschibofreunde“: das ungewöhnliche Reise- und Fotoprojekt der Hamburgerin Kerstin Schomburg

(aus Hinz&Kunzt 148/Juni 2005)

Die Hamburger Fotografin Kerstin Schomburg fand 17 Postkarten, die ein Mann an seinen „Tschibofreund“ geschrieben hat – und fuhr los, um sich die Urlaubsorte heute anzusehen. Mit ihren Fotos haben wir unseren Schwerpunkt „Fernweh“ bebildert.

Die Männerfreundschaft spielt sich zwischen Kondensmilch und fein gerösteter Bohne ab. Der eine muss zur Kur nach Bad Salzuflen und ist Hannover-96-Fan. Der andere hat Bindehautentzündung und eine Frau, die Ruth heißt. Wenn sie nicht im Stehcafé sind, schreiben sie sich Postkarten: „Lieber Tschibofreund“, beginnen die, dann kommen Sätze wie „Einen schönen Gruß aus dem Odenwald, wo ich gerade Urlaub mache“, und dann „Bis bald bei Tschibo.“

Mehr ist über die Tschibofreunde nicht bekannt. Wahrscheinlich wüsste selbst das niemand, wenn nicht die Hamburger Fotografin Kerstin Schomburg 17 der Urlaubskarten in einem Trödelladen in Hannover gefunden hätte. Geschrieben vor 20 Jahren, eingeworfen in Bad Salzuflen, dem Odenwald, dem Berchtesgadener Land, Griechenland und Montenegro – spießige Ansichtskarten aus spießigen Urlaubsorten. Deren sechseinhalb Zeilen neben Urlaubsgrüßen den Mikrokosmos deutscher Stehcafés offenbaren.

Kerstin Schomburg fand das klasse: „Das ist ein so unaufgeregtes Leben, Kleinstadtwohlstand eben.“ Die Postkarten erinnerten sie ein wenig an ihre Kindheit: „Meine Eltern hatten einen Bauernhof“, erklärt die 37-Jährige, „deswegen sind wir nie in Urlaub gefahren.“ Zum Ausgleich brachten ihr Freundinnen kitschige Andenken von ihren Reisen mit.

Die Ansichtskarten der unbekannten Tschibofreunde brachten die Fotografin auf eine Idee: „Ich wollte wissen, wie es da heute aussieht.“ Typische Kur- und Urlaubsorte, die vor 20 Jahren „in“ waren, dann aber aus dem Bewusstsein verschwanden.

So kam es, dass sich Kerstin Schomburg auf die Spur des Tschibofreundes begab und ihren Urlaub drei Jahre lang an Orten verbrachte, die sie normalerweise nie besucht hätte. Sie machte die Tagesausflüge mit, von denen der Tschibofreund schwärmte. Sie versuchte in den Hotels zu übernachten, die auch er nutzte. Und sie fand, was zu erwarten war: „Überall herrschte gepflegte Langeweile“, so Schomburg. Wenn sie nicht fotografierte, verbrachte sie viel Zeit im Hotelzimmer vor dem Fernseher.

Fotografisch lohnten sich die Orte dafür umso mehr: „Ich mag diese Wandelhallenästhetik“, erklärt Schomburg. Klare Linien in den Kurhallen Bad Salzuflens. Eingeschweißte Zahnputzbecher in Hotels. Oder Bettenburgen aus Beton. Bilder vom Habitat der Tschibofreunde dieser Welt.

Dem echten Tschibofreund ist sie allerdings nie begegnet. Kerstin Schomburg stand schon vor dem Haus der Empfängeradresse – der Name auf dem Klingelschild stimmte aber nicht mehr. „Wahrscheinlich ist er von einer Reise nicht mehr zurückgekommen“, vermutet sie. Als dann sein Haushalt aufgelöst wurde, kamen die Postkarten in den Trödelladen. Schon vor 20 Jahren stand es mit seiner Konstitution wohl nicht zum Besten, fragte ihn sein Tschibofreund aus dem Urlaub im Odenwald doch mitfühlend: „Wie geht es dir gesundheitlich, liegst du schon wieder im Krankenhaus?“

Befreundete Autoren machten sich zusätzlich Gedanken über die Psyche der Männer, deren Welt sich um die Tchibo-Cafés dreht. Erfanden Geschichten über die beiden Freunde und ihr Leben zwischen Kururlaub und Stehcafé. Zusammen mit ihren Fotos machte Schomburg daraus das Buch „Der Tschibofreund – Wie es wirklich war“ – zugleich ihre Diplomarbeit in visueller Kommunikation.

Im Buchhandel ist das Werk bisher aber nicht erhältlich. Die Einzelexemplare, die Kerstin Schomburg drucken ließ, sind mit 75 Euro zu teuer, um viele Käufer zu finden. Auch Tchibo hat das Buch nicht im Programm, dabei hätte Schomburg sogar auf das volksnahe „s“ im Titel verzichtet und aus den „Tschibofreunden“ kurzerhand „Tchibofreunde“ gemacht, um der Corporate Identity des Konzerns zu genügen. Es half nichts, bei ihrem letzten Anruf war das Buch immer noch nur „ganz oben“ auf irgendeinem Stapel. Auch Verlage winkten bisher ab: Für einen Bildband hat der Tschibofreund zu viel Text, für ein normales Buch zu viele Fotos.

Dabei würde sich der Druck schon wegen jenem älteren Herren lohnen, dem eines Tages im Regal einer Buchhandlung der Titel auffällt. Er würde stehen bleiben und sich im sicher schon schütteren Haar kratzen. Und beim nächsten Mal bei Tchibo seinen Freunden eine unglaubliche Geschichte erzählen können: Dass da doch tatsächlich jemand 20 Jahre später auf seinen Spuren zwischen Bad Salzuflen und dem Odenwald gereist ist. Und dass es seine Korrespondenz zur Literatur gebracht hat.

Marc-André Rüssau

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