Feldpost: Briefe von der Front

Mal komisch, mal beklemmend – aber immer ehrlich: Ein Buch mit der Feldpost von deutschen Soldaten in Afghanistan wird bei den Vattenfall-Lesetagen vorgestellt.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

„Gestern Abend mit einem komischen Gefühl meine Ausrüstung fertig gemacht. Es geht nach Kundus. In den Krieg? Jedenfalls sterben dort Menschen“, schreibt der Oberstleutnant Boris Barschow.
Seit 2002 sind deutsche Soldaten im Einsatz in Afghanistan. Nicht nur ihren Angehörigen gehört berichtet, wie es in Feldlagern wie Masar-i-Scharif zugeht, fanden fünf Autoren des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Sie sammelten und veröffentlichten Briefe deutscher Soldaten im SZ-Magazin Weihnachten 2009. Das daraus entstandene Buch erzählt von Leben und Tod, unverfälscht und unkommentiert.
„Die Beiträge zeichnen ein facettenreiches Bild: Mal sind sie komisch, mal total beklemmend – aber immer offen und ehrlich“, sagt Martin Langeder, einer der Herausgeber. Es ist zum Lachen, wenn ein Soldat zerknirscht seinen hohen Pommes-Konsum gesteht. Es geht mitten ins Herz, wenn ein anderer von einem Fünfjährigen erzählt, der abends von seiner Arbeit als Automechaniker kommt. Es berührt, wenn die Soldaten sich ausmalen, wie gemütlich es gerade daheim ist.
Morgens ist das Erste ein Blick auf die Flaggen. Stehen sie auf halbmast? Dann sind in der Nacht Kameraden gestorben. Dann wird es kein guter Tag. Abends Frust, weil im Fernsehen „Die Super Nanny“ wegen der Zeitverschiebung erst nach Zapfenstreich läuft.
Niemand kann authentischer vom Einsatz erzählen als die, die in ihm kämpfen. Davon überzeugt, setzten die fünf Autoren ihr Projekt auch gegen den Willen der Bundeswehr durch: Nach anfänglicher Zustimmung zögerten die Presseoffiziere, schließlich gab es eine Absage. Gegen Ende des Projekts forderte der Presse- und Informationsstab der Bundeswehr sogar, „keine Briefe an uns weiterzugeben, um so unser Projekt zu verhindern“, so Herausgeber Martin Langeder.
Über soziale Netzwerke und Soldatenblogs im Internet gelang es ihm und seinen Kollegen dennoch, Briefe von 30 Soldaten zu sammeln. Zensiert wurden diese nur von den Schreibern selbst, die allzu persönliche Details strichen.
Die Soldaten offenbaren ihre Ratlosigkeit – und ihre Angst: „Tot. Das Unerwartete ist geschehen (…). In meinem Bauch (…) breitet sich eine lähmende Leere aus.“
Viele Soldaten fühlen sich „alleingelassen von der Politik“ und unverstanden, sagt Langeder. So übernahmen sie mit der Herausgabe ihrer Feldpost die Aufgabe der Pressestelle ihres Dienstherrn, intern auch Informationsverhinderungsstab genannt. Wo Menschen im Kampf sterben, wissen sie, da ist Krieg. Ohne Fragezeichen.

Text: Beatrice Blank

„Feldpost: Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan“. Lesung und Gespräch mit den Herausgebern vom SZ-Magazin und dem Brief-autor Oberstleutnant Bertram Hacker. Im Rahmen der Vattenfall-Lesetage, Theaterbar Zentrale im Thalia Theater, Do, 7. April, 19 Uhr, 7 Euro. Karten unter www.vattenfall.de/lesetage
Das Buch ist erschienen im Rowohlt Verlag und kostet 17,95 Euro.

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