Regisseur Fatih Akin

„Meine Filme sind so etwas wie ein Wohnzimmerplatz“ – Fatih Akin im Hinz&Kunzt-Gespräch über seine Zeit als Schüler, sein Lebensgefühl, das Dorf seiner Vorfahren in der Türkei und seine Heimat Hamburg

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

202-Akin

Hinz&Kunzt: Fatih, bei deinen Filmen hat man das Gefühl, man trifft oft wieder ­dieselben Personen, fast ist es, als würde man Freunde treffen.
FATIH AKIN: Meine Filme sind schon so etwas wie ein Wohnzimmerplatz, wie ein Zuhause. Mein persönliches natürlich, aber auch ein kollektives. Ich glaube, letztendlich sind das so großzügige Filme, dass sich viele darin wiederfinden können, dass man Dinge miteinander teilen kann – wie bei Facebook.
Es ist so ein Lebensgefühl.

H&K: Wo liegt denn dein Wohnzimmer?
AKIN: Ich bin in der Schanze geboren, in der Nähe der Roten Flora. Damals sah es da noch ganz anders aus. Die Schanze ist jetzt hip geworden, sie hat nur noch wenig damit zu tun, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne. Mit Ottensen ist das genauso: Mit Ottensen bin ich auch ein Leben lang verbunden, weil meine Mutter ab 1980 dort Lehrerin war und mein Vater dort in einer Fabrik gearbeitet hat. Da, wo heute das Mercado steht, war früher Hertie – und es war alles viel türkischer.

H&K: Ottensen wurde früher ja auch Klein-Istanbul genannt. Vermisst du diese alte Welt? Obwohl du ja auch Teil der ­neuen bist …
AKIN: Da möchte ich dir widersprechen, ich bin ja mein Leben lang schon dort. Ich hab den Wandel mitgemacht, und dank meines Lebensstandards kann ich mir die Mieten leisten und musste dort jetzt nicht wegziehen. Aber ich vermisse diese alte Welt schon. Die Veränderungen haben ja übrigens nicht nur
damit zu tun, dass sich die Türken die Mieten nicht mehr leisten können. Die Strukturen der Familien haben sich verändert. Wenn früher gekocht wurde in türkischen Familien, dann für 15, 20 Leute. Das gibt es heute nicht mehr. Keiner kocht mehr für eine Großfamilie, es gibt keine Großfamilien mehr.

H&K: In Soul Kitchen gibt es wieder eine Großfamilie – aus Freunden und Wahlverwandten – und das Essen spielt eine Hauptrolle.
AKIN: Essen ist so ähnlich wie Sex, ei­ner der Triebe, die uns am Leben ­erhalten. Wenn wir nicht essen würden, würden wir sterben. Und wenn wir uns nicht fortpflanzen würden, würden wir aussterben. Deswegen hat die Natur uns so versehen oder der liebe Gott oder wer auch immer, dass das Essen und der Sex Genussmittel sind. Wir bekommen auch was fürs Essen: Wir bekommen Glückshormone. Und Lebenserhaltung hat auch mit Liebe zu tun, weil es ohne Liebe kein Leben ­geben würde. Da ich den Menschen liebe, muss ich natürlich auch Essen lieben. Menschen wie Victoria Beckham – beispielsweise –, die ganz wenig essen und das wahrscheinlich hinterher noch auskotzen, die lieben sich selber nicht. Und deswe­gen sind sie auch nicht in der Lage, ­andere zu lieben. Daran scheitert unsere Ge­sell­schaft.

H&K: In Soul Kitchen leben alle zusammen, Deutsche, Deutsch-Griechen, Griechen und Türken. Da gibt es keine Parallelwelten, sondern alle leben in einer Welt.
AKIN: Ich habe auch nie eine Parallelwelt erlebt. Und ich kann auch nicht
behaupten, ich bin die große Ausnahme. Vielleicht war es auch früher weniger parallel, ich weiß es nicht genau. Dabei waren meine Eltern nicht fixiert ­darauf, uns sehr deutsch zu erziehen. Im Gegenteil, meine Eltern haben immer befürchtet, dass wir das Türkische verlieren und haben deswegen zu Hause immer mit uns türkisch gesprochen. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Wenn es das nicht gegeben hätte, hätten wir noch viel mehr Schwierigkeiten, uns in der Türkei zurechtzufinden. Aber deswegen wurden wir nie Außenseiter in dieser Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass diese Parallelwelten einen ethnischen Hintergrund haben. Mit Sicherheit hat das mit sozialen Schichten zu tun, mit Armut. Und vor allem geht es um Geld.

H&K: Und um Bildung.
AKIN: Bildung, natürlich. Meine Eltern waren auch arm, als sie hier angefangen haben, aber sie haben sehr hart ­gearbeitet, damit – Klischee – wir es besser haben. Und wir hatten es besser. Und da meine Mutter Grundschul­lehrerin war in der Türkei, ­wusste sie um den Stellenwert der Bildung. Auch wenn wir eine Realschulempfehlung bekommen hätten, hätte sie auf jeden Fall aufs Gymnasium gepocht.

H&K: Was für ein Schüler warst du denn?
AKIN: Ich war ein sehr ungezogenes Kind, sehr temperamentvoll und habe viel Quatsch gemacht. Dennoch waren meine Lehrer in der Grundschule davon überzeugt, dass ich aufs Gymnasium sollte. Ich kam dann auf das Gymnasium Allee in Altona, das hatte schon damals eine hohe Ausländerquote. Von 28 Kindern waren wir zehn mit einem aus­ländischen Hintergrund, davon mindes­tens fünf türkische Kinder.
Diese ganze Diskussion um „die haben keine Chance, die werden ausgeschlossen“, womöglich gibt es das, ich habe es aber nicht erlebt.

H&K: Du kennst Adam Bousdoukos, deinen Ko-Autor und den Hauptdarsteller von Soul Kitchen schon seit eurer ­gemeinsamen Schulzeit …
AKIN: Adam und ich kennen uns seit der fünften Klasse. Er war in meiner
Pa­rallelklasse und in der siebten kamen wir in eine Klasse. Wir waren beide nicht so gute Schüler, und wir wurden getrennt, weil wir zusammen nur
Unfug ge­macht haben. Einer von uns muss­te sit­zen bleiben, und weil Adam die schlechteren Noten hatte, war das Adam. Und da uns auch das nicht wirklich trennen konnte, weil wir uns dann eben auf dem Schulhof getroffen oder gemeinsam geschwänzt haben, mussten uns die Lehrer leider wieder trennen – und Adam kam auf eine andere Schule. Das alles hat aber nichts damit zu tun, dass Adam Grieche ist: Er hat die
schulischen Leistungen nicht gebracht, das war alles. Wenn es eine Fremdenfeindlichkeit gab, haben wir die nicht zu spüren bekommen.

H&K: Deine Familie kommt aus der Nähe von Trabzon in der Türkei. Das Dorf hast du erst als Erwachsener kennengelernt.
AKIN: Wir haben Drehorte für „auf der anderen Seite“ gesucht. Zur gleichen Zeit las ich die Biografie von Bob Dylan. Und siehe da, er schreibt, dass auch seine Großeltern aus Trabzon kom­men … Es waren Juden aus der Ukraine, aber dann gab es die
na­tionalistische Bewegung in der Türkei, und deshalb sind Bob Dylans Großeltern erst nach Istanbul gegangen und dann in die USA ausgewandert. Ich bin dann nach Trabzon gefahren und habe das Dorf meiner Großeltern und meiner Vorfahren besucht. Es war ein wunderschönes Dorf, sehr filmisch. Ich hab’s eingebaut in „Auf der anderen Seite“. Die Dorfbewohner haben mir erzählt, dieses Dorf wird es nicht mehr lange geben, das gibt es jetzt seit 600 Jahren – und jetzt ist Schluss damit. Warum? Weil das türkische Umweltministerium beschlossen hat, dort eine Mülldeponie zu errichten. Diese Leute sind alle betrogen worden, weil es hieß, es wird eine ganz moderne Müllanlage und es wird nicht stinken. Pustekuchen! Es gibt eine stillgelegte Kupfermine, und in dieser Mine wurde der Müll dann deponiert: Krankenhausmüll, chemischer Müll, Haushaltsmüll. Das Dorf lebt eigentlich von Tee, aber
keiner kauft mehr den Tee, weil der jetzt natürlich verschmutzt ist. Das
Ungeziefer wühlt eben sowohl im Tee rum als auch im Müll. Was passiert? Die Leute ziehen in die Stadt, sie haben nix mehr, wovon sie leben könnten. Unser Dorf ist ein Opfer in so einem Schachspiel, so eine Art Bauernopfer.

H&K: Inzwischen machst du eine Langzeitdokumentation über das Dorf und seine ­Bewohner. Viele haben sich gefreut, dass endlich jemand ihre Sorgen ernst nimmt.
AKIN: Für viele bin ich natürlich ein Kind des Dorfes. Und irgendwie bin ich mit allen über 30, 40 Ecken verwandt. Die Leute sehen auch alle aus wie ich oder ich wie sie. Trotzdem tut sich mancher schwer damit.

H&K: Weil du vermeintlich etwas Negatives über das Dorf schreibst und es im Ausland verkaufst? Macht dir das etwas aus?
AKIN: Ich versuche, so nüchtern und so emotionslos wie möglich daranzugehen. Das ist wie beim Boxen: Wenn ich mich emotional zu sehr reinsteigere, fange ich an, Fehler zu machen.

H&K: Du boxst?
AKIN: Ja. Und wenn ich konzentriert
boxe, mit Augen auf, dann sehe ich auch den Schlag und kann eher ausweichen und mich eher wegducken. So muss man damit umgehen, weil es letztendlich ein Kampf ist.

H&K: Ist dieses Dorf auch deine Heimat?
AKIN: Ich hab nicht so etwas wie zwei Heimaten. Meine Heimat ist hier.
Ich bin hier geboren, leb hier ganz gerne – und fertig aus. Die Türkei ist die Heimat meiner Eltern, und ich habe
eine starke Bindung zu meinen Eltern, ich empfinde Verantwortung ihnen
gegenüber und Liebe. Und so ähnlich ist meine Beziehung zur Türkei, es ist eigentlich eher eine familiäre Beziehung, wie man sie zu Eltern hat, die man eben nicht ins Altersheim packt, sondern um die man sich kümmern muss und auch möchte. Es ist eine Verantwortung – und auch eine Pflicht.

Interview: Birgit Müller
Foto: Daniel Cramer

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