Squatting Days in Hamburg : Eskalation bei Hausbesetzung

Am Wochenende finden in Hamburg die internationalen Hausbesetzertage „Squatting Days“ statt. Mit Workshops, aber auch direkten Aktionen, wollen die Aktivisten gegen Leerstand protestieren. Das finden wir gut. Allerdings eskalierte die erste Hausbesetzung.

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Gegen Mitternacht rückte die Polizei an und begann mit der Räumung des besetzten Hauses in der Breite Straße 114.

„Hausbesetzung in der Breite Straße 114 in Altona.“ Die Nachricht macht die Runde. Vor Ort: Ein Banner mit dem Schriftzug „besetzt“ hängt aus dem Haus. Hinter den Fenstern im oberen Stockwerk bewegen sich schwarz vermummte Gestalten. Wie die Römer in einem Asterix-Comix nähern sich Polizisten in Schildkröten-Formation dem Gebäude. Ein Feuerlöscher, Farbeimer, Bauschutt und unzählige Böller prasseln auf ihre Schilder nieder. Im Sekundentakt explodieren daneben die Kanonenschläge. Eine Kettensäge heult auf, mit ihr wollen sich die Beamten den Weg durch die Eingangstür bahnen. Als der Versuch scheitert, brandet Applaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf. Dort haben sich etwa 200 Unterstützer versammelt. Ein skurriles Szenario: Wie aus einem Dokumentarfilm zu Häuserbesetzungen in Berlin in den 1980er Jahren.

Doch wir leben im Jahr 2014. Nach vier Stunden hat sich die Polizei den Weg durch das verbarrikadierte Gebäude gebahnt. Die Aktion ist beendet. Symbolische Besetzungen gab es zuletzt häufiger in Hamburg. Neu war dieses Mal die Vehemenz, mit der die Aktivisten das Haus verteidigt. So richtig wir bei Hinz&Kunzt auch regelüberschreitende Aktionen finden, die sich gegen Leerstand und Wohnungslosigkeit richten, so wichtig finden wir es, dass die Mittel angemessen bleiben. Und wer Knallkörper zwischen Polizeibeamte wirft, der nimmt Hörschädigungen und Knalltraumata in Kauf.

Ersten Presseberichten zufolge wurden mehrere Polizeibeamte beim Einsatz zum Teil schwer verletzt. Auch zahlreiche Unterstützer wurden im Verlauf der Nacht verletzt, weil die Polizei mit Pfefferspray gegen sie vorging.  Eine Stellungnahme der Polizei steht noch aus. Man befinde sich in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft, heißt es aus der Pressestelle. Einem Sat1-Bericht zu Folge wird jetzt wegen versuchter Tötung ermittelt. Allerdings traf die Polizei im Gebäude offenbar niemanden mehr an. Die Bild berichtet: „Als die Polizei in das Gebäude gelangte, waren die Randalierer geflohen. Wenig später wurden fünf Personen im Umfeld des Hauses festgenommen.“

In Altona ist bereits in der Nacht wieder Ruhe eingekehrt. Trotzdem bleiben die Probleme um Wohnungsnot und steigende Mieten bestehen. Die Gewalt bei der Hausbesetzung darf nicht von den bestehenden Problemen ablenken. Die Breite Straße 114 und 116 stehen weiterhin leer. Der Eigentümer will abreißen und neu bauen. Allerdings ohne Sozialwohnungen. Seit Jahren ist das ein Streitthema. „Der Bezirk hat die Chance verpasst, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, so Mieter-Helfen-Mietern-Anwalt Mark Meyer im Mai 2013 gegenüber Hinz&Kunzt. Damals kam es am Rande des Hafengeburtstags zu einer ersten symbolischen Besetzung. „Es bleibt der Eindruck, dass es den politisch Verantwortlichen zu keinem Zeitpunkt darum ging, die Häuser zu erhalten“, sagt Meyer. Zuspruch erhielten die Aktivisten von der Linken: „Wenn der Senat versagt, kommen Hausbesetzungen wieder in Mode und das ist gut so“, sagt Norbert Hackbusch, Bürgerschaftsabgeordneter aus Altona.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren in Hamburg neben der erfolgreichen Besetzung des Gängeviertels eine Zunahme symbolischer und kreativer Aktionen. Mit lauter Technomusik feierten im Juni 2013 hunderte Partygäste im ehemaligen Spiegelhochhaus. Auch bei den Squatting Days ist kreativer Protest gefragt: Am Donnerstag versammelten sich etwa 50 Menschen mit schwarzen T-Shirts und dem Aufdruck „Solidarische Raumnahme“ in der Kantine der Finanzbehörde. Kaffee trinkend wollten Stadtteilaktivisten und Mitarbeiter aus Kulturzentren wie dem Kulturhaus Eppendorf, dem Kulturhaus Süderelbe und dem Brakula in Barmbek auf die Belastung ihrer Einrichtungen durch hohe Mieten und einem zunehmenden „Profitzwang“ aufmerksam machen. Später überreichten sie in der Pressestelle eine Erklärung mit ihrer Forderung nach einer Absenkung der Mietbelastungen und eine Stärkung der Stadtteilkultur. „Wir haben die Erklärung angenommen“, so Daniel Stricker, Pressesprecher der Finanzbehörde. Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen. „Bei uns kann jeder ein Kaffee trinken, da freut sich der Pächter.“

Die Aktivisten machen weiter. Mit einer Demonstration unter dem Motto „Selber handeln – Gegen eine profitorientierte Stadtentwicklung“ wollen sie am Samstag ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Die Aktivisten rechnen nach eigenen Angaben mit 500 Teilnehmern.

Text und Foto: Jonas Füllner

6 Kommentare zu “Eskalation bei Hausbesetzung

  1. “ Die Gewalt bei der Hausbesetzung darf nicht von den bestehenden Problemen ablenken. “
    Wieso lenkt der Autor des obigen Artikels denn dann von den bestehenden Problemen ab, in dem er sich auf Boulevard-Niveau über die vermeintlich neue Dimension der Gewalt auslässt? Dass etliche Demonstranten verletzt wurden, wird dagegen nur in einem Nebensatz erwähnt.

  2. Es ist klar, dass die Form einer Besetzung immer mit der Frage der politischen Vermittelbarkeit verbunden ist.
    Aber ob Technopartys und Glitzer die einzige Möglichkeit sind auf die politschen Probleme zu reagieren, wage ich zu bezweifeln!
    Des Weiteren ist es fraglich, ob eine so innige Verbrüderung mit der Polizei notwendig und produktiv ist. Im Angesicht der Gewalt der Polizei z.B. gegenüber Flüchtlingen oder Menschen ohne Wohnung, der rassistischen Polizeiarbeit und der massiven Polizeigewalt auf den letzten Demonstrationen halte ich dies für mehr als unpassend!
    Eine tatsächliche Analyse der Situation, der politischen Sinnhaftigkeit und Aktualität dieser Kämpfe wäre spannender gewesen als diese Form der Auseinandersetzung!

  3. Das ist ein wirklich banaler Text – inhaltlich nichts neues, aber eine weitere von hunderten Positionierungen zur ewigen Militanzdebatte. Um einen Beitrag zu gutem Journalismus zu leisten hier noch ein paar (Gegen)argumente, die zwar ebenfalls schon hundertfach formuliert wurden, aber bei einseitigen „Kommentaren“ wie diesem hier mal wieder fehlen:

    > Und wer Knallkörper zwischen Polizeibeamte wirft, der nimmt Hörschädigungen und Knalltraumata in Kauf.
    Welchem Demonstranten/Welcher Demonstrantin ist es zu verübeln, sich nicht zum wiederholten Mal Pfefferspray aus nächster Nähe ins Gesicht sprühen zu lassen, sich die Arme verdrehen zu lassen, sich zwischen die Beine treten zu lassen, sich mit dem Tonfa verprügeln zu lassen, sich die Zähne ausschlagen zu lassen und so weiter, und so fort? Jonas kennt all diese Szenen und Berichte zur Genüge – inklusive ihren ausbleibenden Folgen für die Straftäter im Dienst. Unter anderem aus diesem Grund ist doch ein Teil der Linken in den 80ern, als passive Bewaffnung nicht mehr möglich war, auf Mollis aus der sichereren Distanz ausgewichen! Ja, es hat auch nicht zur Weltrevolution geführt – aber die Akzeptanz, dass auch Militanz eine legitime Form von Protest ist (eben insbesondere in Anbetracht all der anhaltenden Berichte von „Polizeigewalt“) sollte doch auch bei H&K möglich sein, oder? Statt dessen auf Stammtischniveau das „Problem“ auf das Werfen von Böllern und Knalltraumata bei Polizisten zu reduzieren ist ein trauriges Niveau für ein kritisches Magazin.

    > Ersten Presseberichten zufolge wurden mehrere Polizeibeamte beim Einsatz zum Teil schwer verletzt.
    Wie kann ein kritischer Geist in dieser Stadt „erste Presseberichte“ unhinterfragt als glaubwürdige Argumentation verwenden, insbesondere wenn er die „ersten Presseberichte“ vom angeblichen Angriff auf ne Polizeiwache Anfang des Jahres selber mitverfolgt hat? Vermutlich nur der schnellen Schlagzeilenmeldung wegen! Eigene Recherche ist zu viel verlangt in Zeiten geringer Budgets, richtig? Aber wie wäre es, dann einfach gar nichts zu schreiben, statt das eigene Niveau so zu senken?!
    Und wieso wird die Kategorie „schwer verletzt“ nicht hinterfragt?
    Meinen Presseberichten zufolge heißt „schwer verletzt“, dass der Polizist/die Polizistin seinen/ihren Dienst nicht fortsetzen wollte und sich statt dessen ins Krankenhaus begeben hat. Ohne weitere Hintergrundinformationen besagt das NICHTS über die tatsächliche Schwere einer möglichen Verletzung aus! Gute, kritische Recherche heisst aus meiner Sicht, genau diese Lücke der Unwissenheit zu füllen – anstatt den selben Fehler immer wieder machen und den eigenen Stammtischparolentext basierend auf „ersten Presseberichten“ zu schreiben!

    > Die Gewalt bei der Hausbesetzung darf nicht von den bestehenden Problemen ablenken.
    Aha. Merkt ihr selbst, oder? Statt das Militanzticket zu fahren könntet ihr ja über die bestehenden Probleme berichten. Aber wahrscheinlich sind die LeserInnen-Zahlen dann nur ein Bruchteil dessen, die dieser Bericht erzeugt? Und ja, ich merke es auch selbst: Diesen Text kommentiere ich, andere über „bestehende Probleme“ nicht. Wir lernen also gemeinsam: Gewaltdebatte geht immer! Also spart Euch doch einfach die implizite proforma-Bekundung, dass ihr *eigentlich* lieber über das *eigentliche* Problem berichten wollen würdet!

    > Auch bei den Squatting Days ist kreativer Protest gefragt: Am Donnerstag versammelten sich etwa 50 Menschen
    > mit schwarzen T-Shirts und dem Aufdruck „Solidarische Raumnahme“ in der Kantine der Finanzbehörde.
    Hui. Das ist ja was. Und ein weiteres kollektives Lernen: Was hat es gebracht? Eine Randnotiz in einem Gewaltdebattenartikel. Also nahezu nichts. Intelligente Menschen ziehen Schlüsse: Militanzfreier Protest bringt eine Randnotiz. Militanter Protest bringt eine Schlagzeile. Und so bewirkt Jonas mit seinem Text, was er zu verhindern glaubte…

  4. @Hausbesetzer und gegen alles seiende:
    Rummotzen – gegen alles sein – nichts als gut empfinden – Gerüchte ohne Hintergrund in die Welt setzen (Anwalt Mark Meyer) – Menschen in Lebensgefahr bringen – bleibende Gesundheitsschädigungen von Menschen in kauf nehmen – all das und noch viele weitere Dinge könnt ihr und seid eurer Ansicht nach auch noch gut darin –

    Wie wäre es mal mit konstruktiven Vorschlägen – Beteiligung am Steuersystem und nicht immer nur Steuergelder verschwenden –

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