Obdachlose im Winter

Es ist kalt: Mindestens 14 obdachlose Männer sind in diesem Winter in Deutschland schon erfroren, einer davon in Hamburg. Denn auch hier schlafen etliche bei Minusgraden draußen – wie die Hinz&Künztler Klaus und Klaus.

(aus Hinz&Kunzt 204/Februar 2010)

Die tiefschwarze Nacht weicht einem Dunkel- und dann einem Himmelblau, der unberührte Schnee glitzert. Am frühen Morgen ist es wunderschön an der Alster – und bitterkalt. Atemberaubend.

Für Felix-Klaus Wolf und Ralf-Klaus Gramlich, die sich Klaus und Klaus nennen, ist der Anblick zur Gewohnheit geworden. Die Winterlandschaft ist das Erste, was sie sehen, wenn sie frühmorgens aufstehen. Klaus und Klaus übernachten gleich um die Ecke. In Schlafsäcken. Auf Isomatten, unter denen sie Pappkartons ausbreiten. Die beiden 46 und 44 Jahre alten Männer sind zufrieden mit ihrer Platte. „Hier ist es windgeschützt und schneit nicht rein.“
Seit Klaus und Klaus Anfang Januar nach Hamburg gekommen sind, schlafen sie draußen. Erst stellten sie ihr Zelt an den alten Elbbrücken auf. Doch weil sie im Naturschutzgebiet kampierten, mussten sie ihre Platte bald räumen. Beim Abbau ging das Zelt kaputt. Die äußere Plane riss, weil sie an der Innenhaut festgefroren war. Klaus und Klaus gingen für eine Nacht in eine Notunterkunft. Dort wurden sie getrennt und mit Fremden in Zimmer gesteckt. So kamen sie nicht zur Ruhe. „Ich konnte stundenlang nicht einschlafen“, sagt Felix-Klaus. „Und bin dann ständig aufgewacht.“ Ralf-Klaus ging es genauso. „Mit dem Wetter kommen wir besser klar als mit Stress und Schlaflosigkeit“, sagen die beiden Freunde.

01HK204_Titel_05.indd„Wenn jemand eine lange Zeit draußen verbringt, dann wird das sein Standard. Das macht der Gewöhnungseffekt“, sagt Dr. Frauke Ishorst-Witte, Ärztin in der Tagesaufenthaltsstätte Pik As. „Das A und O beim Draußenschlafen ist die Ausrüstung. Ein hochwertiger Schlafsack, der auch für hohe Minusgrade geeignet ist, und eine Isomatte müssen sein.“ Wichtig sei außerdem zu wissen: Schnaps und Korn sind falsche Freunde. „Alkohol erweitert die Gefäße. Das kühlt den Körper aus.“ Zudem merken Alkoholisierte auch bei eisiger Kälte nicht, dass sie vielleicht schon unterkühlt sind. Das sei zwar ein gewünschter Effekt, „aber hochgefährlich“, sagt Ishorst-Witte. Helfen würden alkoholfreie Heißgetränke und reichhaltiges Essen. Denn das Übernachten im Freien kostet den Körper extrem viel Energie. „Die fehlt dann am anderen Ende.“ Nach Jahren auf der Straße seien die Knochen verschlissen, auch harmlose Erkrankungen wie Erkältungen verliefen schwerer, die Erholung dauere länger. Lungenentzündungen sind bei Obdachlosen die häufigste Todesursache.
„Die Krux ist die Kombination aus Kälte und Draußenschlafen. Wenn er nicht bewegt wird, fährt der Körper total runter“, sagt Ishort-Witte. Und auf der Platte fehlt es an allem, was warm macht: Es gibt keine Gelegenheit, Tee oder Kaffee zu kochen, zu baden oder zu duschen. Von einer Heizmöglichkeit ganz zu schweigen. Verpflegung und Körperpflege müssen Obdachlose täglich neu organisieren.

Tagsüber lassen Klaus und Klaus ihr Hab und Gut beim „Stützpunkt“, einer Einrichtung der Caritas. Am Tag verkaufen sie Hinz&Kunzt oder sind unterwegs von Einrichtung zu Hilfepunkt, zum Beispiel dorthin, wo es ein warmes Mittagessen gibt. Obdachlose sind im Winter Kälte und Nässe wochenlang ausgesetzt und wärmen sich höchstens mal ein bis zwei Stunden in einer Hilfeeinrichtung auf. Dort raten die Mitarbeiter jedem, der jetzt noch draußen schläft, sich an eine Notunterkunft zu wenden.
Doch nicht alle lassen sich unterbringen. Die meisten müssen dort in Mehrbettzimmern mit Fremden schlafen, Einzelzimmer gibt es nur für psychisch Kranke mit Attest. Viele Bewohner haben Alkohol- oder Drogenprobleme, es ist laut und unruhig. Dazu kommt die Angst, bestohlen zu werden. So wählen manche die Platte, eine gefühlte Freiheit statt der Enge von Notschlafplätzen.
Mindestens 14 obdachlose Männer sind in diesem Winter in Deutschland bereits erfroren, so die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) bei Redaktionsschluss. Auch in Hamburg starb ein 53-Jähriger an der Kälte. Er wurde im Januar tot im Alten Elbpark gefunden. Die BAGW fordert, dass wohnungslose Menschen nicht aus Bahnhöfen und Gebäuden vertrieben werden dürfen und verlangt „menschen­würdige Unterbringung“ mit einem „Mindestmaß an Privatsphäre“. Diesem Appell schließt Hinz&Kunzt sich an (siehe Seite 3). Vor allem im ländlichen Raum und in Klein- und Mittelstädten sei das Hilfeangebot immer noch unzureichend, so die BAWG.
Klaus und Klaus entscheiden sich immer wieder für die Platte. Aber sie geben zu: „Es gibt Besseres, als im Winter auf der Straße zu schlafen.“ Eine Unterkunft mit vier Wänden fänden sie toll: „Vielleicht eine alte Gartenhütte, die wir uns herrichten können.“ Auch über eine kleine Wohnung würden sie sich freuen. „Aber das wäre ja Luxus.“ Am wichtigsten ist es den beiden zusammenzubleiben. Sie sagen, sie seien eigentlich Einzelgänger. Doch seit sie sich kurz vor Weihnachten in Freiburg über den Weg gelaufen sind, sind sie unzertrennlich. Nach zwei gemeinsamen Nächten unter einer Brücke war klar: „Wir zwei, das passt.“

Sie haben die gleichen Vorstellungen vom Leben und Überleben auf der Straße: „Mit jemandem, der betrunken ist oder Drogen nimmt, könnte ich das nicht machen“, sagt Ralf-Klaus, und der andere Klaus nickt. Und: „An erster Stelle stehen Essen und Trinken. Erst dann kaufen wir Tabak.“ Ärger wollen sie um jeden Preis vermeiden. Es kommt für sie nicht infrage, schwarzzufahren oder die Platte dreckig oder unaufgeräumt zu hinterlassen – sogar einen Taschenaschenbecher haben sie. So einig waren die beiden sich selten mit jemandem. So beschlossen sie, sich gemeinsam durchzuschlagen und legten für die Bahnfahrt nach Hamburg zusammen. Sie wollten weg aus Süddeutschland, wo beide herstammen und die alten Bekannten und Verwandten viel zu nah sind. Ihr altes Leben haben sie längst hinter sich gelassen.

Felix-Klaus verließ seine Familie 2002 und lebt seitdem auf der Straße. Er fuhr aus Bayern mit dem Fahrrad nach Hessen, den Main und den Rhein entlang, bis in die Schweiz, wieder hoch in den Schwarzwald, machte einen Abstecher ins Elsass und landete in Freiburg. Der gelernte Dachdecker und Metzger lebte meistens vom Pfandflaschensammeln und von einer kleinen Unfallrente – sofern er eine Adresse angeben konnte, an die der Scheck geschickt werden sollte.
Ralf-Klaus ist vor 17 Jahren weg aus Deutschland. Nachdem seine Ehe gescheitert war, lief er zu Fuß von Baden-Württemberg nach Spanien, lebte auf Gibraltar, in Frankreich und England. Er kehrte erst Ende vergangenen Jahres zurück nach Deutschland, um seinen Reisepass erneuern zu lassen. Denn Klaus hat einen Traum: „Ich möchte in Asien leben, in Thailand oder Vietnam, und mir dort etwas aufbauen.“ Den anderen Klaus hat er damit angesteckt. „Ich würde sofort mitgehen“, sagt er. „Das Klima dort tut bestimmt auch meinen Knochen gut.“
Felix-Klaus stöhnt, als er am Abend seinen 30 Kilo schweren Rucksack schultert. „Nicht schon wieder.“ Vor ihm liegen ein Marsch zur Platte und eine Nacht im Schlafsack. Minusgrade sind vorhergesagt, eventuell soll auch Schnee fallen. Hübsch wird das aussehen.

Text: Beatrice Blank

Foto: Mauricio Bustamante

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