Es ist heiß!

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

Keine Dusche, nichts zu trinken, kaum Klamotten: Wie Obdachlose unter der Sommerhitze leiden

30 Grad und mehr:  Wer wie Frank kein Dach über dem Kopf hat, muss leiden.
30 Grad und mehr: Wer wie Frank kein Dach über dem Kopf hat, muss leiden.

Frank ist denkbar unpassend gekleidet. Bei mehr als 30 Grad trägt er eine schwarze Jeans und derbe schwarze Turnschuhe. Der 50-Jährige hat keine andere Wahl: „Ich bin auf das angewiesen, was ich in Kleiderkammern bekommen kann.“ Doch dort sind kurze Hosen, luftige Hemden und Sandalen längst vergriffen. „Engpässe haben wir vor allem bei Sommerschuhen“, sagt Ole Harms von der Tagesaufenthaltsstätte Herz As. Also schwitzt Frank jetzt in denselben Schuhen, in denen er im Winter kalte Füße bekommen hat.
Genauso heftig wie vor ein paar Monaten die klirrende Kälte setzt Obdachlosen jetzt die extreme Hitze zu. Wie alle anderen auch schwitzen sie bei so hohen Temperaturen stark. Nur dass sie kaum Klamotten zum Wechseln haben. Und keine Dusche, unter die sie mal eben springen können. Die Folge: „Einige unserer Leute riechen gerade wirklich sehr streng“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Frank bestätigt: „Die Hygiene ist mein größtes Problem. Ich rieche alle paar Minuten an mir, damit ich es sofort merke, wenn ich anfange zu müffeln.“
Obdachlosen bleibt nur die Möglichkeit, sich bei Tagesaufenthaltsstätten wie dem Herz As zu duschen. Rund 50 Mal am Tag wird diese zur Zeit genutzt. Es kann aber passieren, dass Frank gar nicht mehr an die Reihe kommt, wenn er sich nicht rechtzeitig anstellt.
Dem Hinz&Künztler fehlt es an allem, womit die heißen Tage für ihn erträglicher werden könnten. Viel Wasser zu trinken wäre wichtig, das weiß er. Aber er kann nicht einfach den Wasserhahn aufdrehen. Und das billige Mineralwasser aus dem Supermarkt „ist total warm“ – wie und wo sollte er es kühlen?
Frank ist erschöpft vom ständigen Unterwegssein in Hitze und Staub. Zumal ihn die Nächte auf der Straße zusätzlich Energie kosten. Viele Hitzegeplagten träumen jetzt davon, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen. Für Obdachlose ist es nicht erholsam, sich nach einem anstrengenden Tag auf den Boden zu legen und dort ungeschützt vor Mücken und anderen Insekten mehr zu dösen als wirklich zu schlafen.
Bisher hat Frank alle Wege zu Fuß bewältigt, um Geld zu sparen. „Das schaffe ich bei den Temperaturen jetzt nicht mehr“, sagt er. Er hat sich deswegen vor Kurzem eine HVV-Monatskarte geleistet. Gleichzeitig hat er weniger Geld in der Tasche, weil er es nicht mehr so viele Stunden an seinem Verkaufsplatz in Winterhude aushält. „Ich kann erst ab 15 Uhr stehen, mittags knallt da die Sonne voll drauf.“ Trotzdem verkauft er dort täglich Hinz&Kunzt – um seine Stammkunden nicht zu verpassen.
Was ihm helfen würde? Frank lacht bitter. Er braucht nicht mehr und nicht weniger als alle anderen Menschen, um den heißen Sommer gesund zu überstehen: täglich eine kalte Dusche, luftige Kleidung und die Möglichkeit, sie zu waschen, einen Kühlschrank, eine Matratze, auf der er sich ausstrecken kann und eine Tür, die er hinter sich schließt, um seine Ruhe zu haben. „Eine Wohnung“, sagt Frank. „Ich brauche eine Wohnung.“

Text: Beatrice Blank
Foto: Mauricio Bustamante

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