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„Er soll wissen: Ich bin immer für ihn da“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 178/Dezember 2007

Unser Hexenhäuschen hat zwei Menschen wieder zusammengebracht, die jahrelang keinen Kontakt mehr zueinander hatten: Hinz&Künztler Peter Konken und seine Schwester Katrin Johnsen
(aus Hinz&Kunzt 178/Dezember 2007)

Heute noch kommen Katrin Johnsen die Tränen, wenn sie sich an den Tag erinnert, an dem ihr Bruder Peter spurlos verschwand. „Ich konnte es einfach nicht begreifen“, sagt die 42-Jährige. Fünf Jahre ist das her.

Bis dahin hatte Peter Konken jahrelang in einer Wohnung in der Nähe gewohnt und hatte in der Zimmerei gearbeitet, die Katrins Mann Andreas gehört. „Bei allen war er beliebt, er hat gut gearbeitet, war zuverlässig“, sagt sie.

Was war passiert? Peter Konken hatte einen Arbeitsunfall gehabt. Seine Hand ist seitdem nicht mehr lange belastbar. Das berufliche Aus für den Tischler. Peter Konken musste Frührente beantragen.

„Ich fühlte mich völlig hilflos“, sagt der 48-Jährige. Alles entglitt ihm, nirgendwo sah er mehr einen Sinn. Er vergrub sich immer mehr und begann zu trinken. Immerhin gelang es ihm, nach außen den Schein zu wahren. „Aber irgendwann habe ich mich nur noch geschämt“, sagt Peter Konken. Nur ein paar Habseligkeiten packte er in seine Tasche, zog die Haustür hinter sich ins Schloss und lief zum Bahnhof. Nicht mal ein Briefchen hat er hinterlassen.

Katrin Johnsen war verzweifelt. Überall fragte sie nach ihrem Bruder, doch der blieb verschollen. Irgendwann machte sie sich daran, die Wohnung aufzulösen. Der nächste Schock: Die Wohnung war „nicht gerade aufgeräumt“.

Aber Katrin ist weit entfernt davon, ihrem Bruder Vorwürfe zu machen. „Ich bin eher schockiert darüber, dass ich nichts gemerkt habe“, sagt sie. Peter Konken hatte alles getan, um sie nicht merken zu lassen, was sich bei ihm abspielte, das weiß Katrin heute. „Wenn ich gesagt habe, heute Abend komme ich gegen sieben Uhr zum Klönen zu dir, stand er kurz vor sieben vor meiner Tür“, sagt sie. „Warum sollte ich da misstrauisch werden?“

Obwohl ihr Bruder fünf Jahre älter ist als sie, war sie gewohnt, ihn zu bemuttern. Oft machte sie ihm die Wäsche, lud ihn zum Essen in die Familie ein. „Alle mochten ihn ja, auch mein Mann und die Kinder.“

Und vielleicht wollte Katrin Johnsen auch das mit Peter nachholen, was sie als Kind vermisst hatte: eine intakte große Familie.

Sechs Geschwister waren sie daheim gewesen. Aber so etwas wie Geborgenheit haben Katrin und Peter nie erlebt. Der Vater schuftete wie ein Wahnsinniger als Lkw-Fahrer, kam immer erst spät abends nach Hause. Schließlich mussten sechs Kinder ernährt und das Haus abbezahlt werden. Die Mutter war Vertriebsleiterin in einer Versicherung. „Wir waren uns meistens selbst überlassen“, sagt Peter. Die älteren Geschwister kochten für die jüngeren. „Immerhin haben wir trotzdem alle einen Schulabschluss gemacht.“ Die Mutter verwaltete auch das Familiengeld. „Unser Vater bekam nur ein Taschengeld“, so Peter Konken. Die Mutter war zuständig für das Abbezahlen der Raten für das Haus. Eines Tages kam die ganze Familie von einem Großeinkauf. „Da sahen wir im Gemeindekasten unseres 300-Seelen-Dorfes, dass unser Haus zwangsversteigert werden sollte.“ Für alle, bis auf die Mutter, ein Schock. „Sie hatte das ganze Geld ausgegeben, aber die Raten nicht bezahlt.“

Das war das Ende. Die Eltern, die sich sowieso oft stritten, ließen sich scheiden. Die großen Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt schon ausgezogen. Katrin, eine Schwester und ein Bruder „mussten mit der Mutter gehen, sie nahm sie einfach mit“, erzählt Peter. Er selbst blieb beim Vater. Bis zur Zwangsversteigerung blieben sie noch im Haus. „Unter dem Teppich fanden wir die Mahnungen“, sagt er. „Wir waren all die Monate zuvor drüber gelaufen.“

Sein Vater ist nicht darüber hinweggekommen. Er trank immer mehr. 1984 hängte er sich auf. Weder Peter noch Katrin können über diese Zeit reden.

Peter stürzte sich wie sein Vater in die Arbeit, blendete alle Probleme aus. An der MS Europa hat der Tischler mitgebaut, teure Luxusjachten ausgebaut. „Ich bin rumgekommen“, sagt er. „Sogar in Moskau war ich.“ Monatelang war er auf Montage. Wenn er zu Hause war, ging er gerne in die Disco, mit seinem Freund Andreas beispielsweise. Und eines Tages stellte er Andreas seine kleine Schwester Katrin vor.

Katrin war damals 18 Jahre alt, und sie verliebte sich in den Zimmermann. Die beiden heirateten. Und Katrin gelang das, was sie sich immer gewünscht hatte: Sie wurde mit Andreas glücklich und bekam drei Kinder.

Auch Peter ging es gut – zumindest eine Zeit lang. Er heiratete, seine Tochter wurde geboren. „Wir hatten ein Haus mit Wiese, so richtig idyllisch“, sagt er, „mit Hunden, Katzen, drei Pferden.“ Und wie sein Vater hat er gearbeitet bis zum Umfallen. „Unter 7700 Mark netto kam ich nicht nach Hause.“

Doch dann zerbrach seine Ehe, und sein ganzes Leben fiel in sich zusammen wie ein

Kartenhaus. Er begann „richtig zu saufen“. „Ich habe den Arsch nicht mehr hochgekriegt“, sagt er. Und verlor alles: das Haus, den Job, sein Kind. Zeitweise schlief er in seinem Auto, bis er auch das verlor.

Wer weiß, was noch passiert wäre, wenn er damals seine Schwester Katrin und seinen Schwager Andreas nicht gehabt hätte. Die nahmen ihn in die Familie auf. Waren sogar richtig froh, dass er in der Zimmerei mitarbeitete. Peter fing sich wieder, so schien es wenigstens – und er war bei allen beliebt.

Aber da war noch viel, was er nicht verkraftet hatte: „Seit der Scheidung habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Tochter“, so Peter Konken traurig. Irgendwann, sagt er, irgendwann will er den Mut aufbringen und sich mal bei ihr melden. „Irgendwann, wenn ich mich nicht mehr so sehr schäme.“

Scham war es auch, warum er sich nicht mehr bei seiner Schwester Katrin meldete, nachdem er ohne ihr ein Wort zu sagen aus seiner Wohnung verschwand. „Sie hat so viel für mich getan, meine kleine Schwester, und ich habe es ihr gar nicht gedankt“, sagt er zerknirscht.

Vier Jahre lebte Peter Konken draußen oder in Männerwohnheimen. Vor einem Jahr hat er wieder „ein Bein an den Boden“ gekriegt. Er war bei Hinz&Kunzt gelandet, hat sogar eine Kirchenkate bekommen. „Demnächst“, so hatte er sich schon im vergangenen Jahr vorgenommen, würde er sich wieder bei Katrin melden. Ganz bestimmt. Wer weiß, wie lange „demnächst“ noch gedauert hätte. Wäre er da nicht Katrin in die Arme gelaufen. „Ich bin normalerweise nie in der Innenstadt“, sagt sie. Nie. Nur an diesem einzigen Tag,

weil sie zum HVV-Kundenzentrum an der Steinstraße musste. Und da stand plötzlich Peter vor ihr. „Ich habe mich wahnsinnig gefreut“, sagt sie, und die Tränen steigen ihr

wieder in die Augen. „Ich bin fast ins Schaufenster gefallen, so erschreckt habe ich mich“, sagt Peter. Dann nahmen sich die beiden

einfach nur in die Arme.

Seitdem haben sie wieder Kontakt. Vorsichtig. „Ich werde mich nicht aufdrängen“, sagt Katrin. „Er muss kommen und sagen, wenn er Hilfe braucht. Aber er soll wissen, dass ich immer für ihn da bin.“

Und Peter brauchte tatsächlich Hilfe.

Allerdings andere, als Katrin und Andreas

Johnsen es erwarteten. Peter Konken wollte nämlich zusammen mit anderen Hinz&Künztlern und Hausmeister Jens Jiske das Hexenhäuschen bauen und brauchte dringend einen Platz dafür. Und die Johnsen besitzen immerhin eine Zimmerei …

Peter strahlt, wenn er über die Tage in „seiner“ alten Werkstatt spricht. „Es hat so einen Spaß gemacht, dort zu sein, mit den alten Kollegen, mit Andreas und vor allem mit Katrin“, sagt er. Und stolz ist er, stolz, dass er das mit dem Hexenhaus hingekriegt hat, stolz, dass sein Arm mitgespielt hat – und stolz darauf, dass er sich nicht mehr schämen muss.

Birgit Müller

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