Einer für den anderen

Kabarettisten-Julklapp für Flüchtlingskinder

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezemer2002)

Julklapp ist eine schöne Sache, weil es einen zwingt, sich ernsthaft mit seinen Mitmenschen zu beschäftigen. Man zieht einen Zettel, auf dem zum Beispiel der Name der Kollegin steht, und muss sich plötzlich fragen, worüber die sich zur Weihnachtsfeier denn wohl freuen würde. Dieser Gedanke inspirierte auch Lisa Politt von „Herrchens Frauchen“.

Gemeinsam mit einem Dutzend Kabarettisten-Kollegen veranstaltet sie in diesem Jahr eine Art Kunst-Julklapp. Im Vorfeld des Abends zieht beispielsweise der Sänger und Songwriter Eddy Winkelmann den Namen der legendären Prinzessin von Barmbek, Andrea Bongers, und muss ihr ein Lied schreiben, das sie dann vortragen kann. Frau Bongers wiederum könnte die heikle Aufgabe zufallen, dass sie ein Stück für den Polit-Kabarettisten Thomas Ebermann vorbereiten muss. „Ich mache alles, aber singen bestimmt nicht“, hat der, ebenso wie sein Kollege Rainer Trampert, schon mal vorsorglich angekündigt. Was er stattdessen zum Besten geben wird, wer welchen Zettel mit wel-chem Namen gezogen hat, und was sich Stefan Gwildis möglicher-weise für Gunter Schmidt ausgedacht hat, bleibt die Überraschung des Abends.

Fest steht, dass am Ende eine kabarettistische Revue mit dem Titel „Ein Stück in ihren Schuhen“ entstanden ist. Der Titel leitet sich von der alten Indianer-Weisheit ab: „Beurteile nie einen anderen, bevor Du nicht einen Tag in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Das wollen die beteiligten Künstler nicht nur für ihre eigene Arbeit in Anspruch nehmen, sondern durchaus politisch verstanden wissen, denn mit dem Erlös ihrer Julklapp-Revue werden jugendliche Flüchtlinge in Hamburg unterstützt.

Wie es ist, in deren Schuhen zu laufen, kann sich vermutlich kaum jemand vorstellen: Unter traumatischen Bedingungen sind sie Krieg und Hungerkatastrophen entronnen, um dann, „getrennt von ihren Familien in einer Bürokratie zu landen, die ihnen misstrauisch und ablehnend begegnet“, sagt Gunter Schmidt von Herrchens Frauchen. Nicht nur, dass die Kinder ständig von Abschiebung bedroht sind, es fehle ihnen auch im Alltag an allem, was sonst als Selbstverständlich-keit im Leben eines Jugendlichen gilt: Bildung, ein sicheres Zuhause und ab und an eine neue Jeans.

Die unbegleiteten Flüchtlinge haben, sagt Gunther Schmidt, per Gesetz nur das Recht, zwei Jahre zur Schule zu gehen. „Für Schulbücher bekommen sie gerade mal 15 Euro pro Jahr.“ Auch eine Arbeitserlaubnis, die sie bräuchten, um eine Lehre zu machen, würden sie in der Regel nicht bekommen.

Im vergangenen Jahr haben „Herrchens Frauchen“ und ihre Kollegen mit einer Benefizaktion soviel Geld gesammelt, dass in der Jugend-wohnung der Flüchtlinge ein Computer mit Internetanschluss angeschafft werden konnte – oft die einzige Möglichkeit, mit der Heimat Kontakt aufzunehmen. Gerade jetzt, wo die Sparmaßnahmen im Bund und in der Hansestadt die Situation zusätzlich verschärfen, will „Ein Stück in ihren Schuhen“ nicht nur Geld locker machen, sondern auch dazu beitragen, dass man sich mal wieder ernsthaft mit seinen Mitmenschen beschäftigt.

Sigrun Matthiesen

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