Ein Leben für die Poesie

Marlisa Pflüger schreibt seit ihrer Kindheit Gedichte. Jetzt bat die 90-Jährige zu einer Lesung zugunsten von Hinz&Kunzt.

(aus Hinz&Kunzt 207/Mai 2010)

„Da sind meine Bücher“, sagt Marlisa Pflüger und zeigt auf sieben kleine Staffeleien, auf denen je ein Buch ruht. „Ich hab eigentlich schon immer Gedichte geschrieben; schon als Schulkind, zu Feiern und Aufführungen, zu Geburtstagen und Hochzeiten, von der grünen bis zur goldenen.“ Ans Veröffentlichen dachte sie nie. Bis eine Freundin sie sanft bedrängte und sie mit dem Inhaber eines kleinen Verlages zusammenbrachte.
Gerne macht sie auch Lesungen: Wie neulich, als sie einlud und statt Eintritt um eine Spende für Hinz&Kunzt bat. 160 Euro kamen dabei zusammen. „Ich will mit den Lesungen und auch meinen Büchern ja kein Geld verdienen“, sagt sie. „Ich mache das, weil es mir so viel Spaß macht.“

Aus lauter Jux und Tollerei: Sieben Bände mit eigenen Gedichten hat Marlisa Pflüger bislang veröffentlicht. Ihre Verse kann man auch auf ihrer HomEpage im Internet lesen
Aus lauter Jux und Tollerei: Sieben Bände mit eigenen Gedichten hat Marlisa Pflüger bislang veröffentlicht. Ihre Verse kann man auch auf ihrer HomEpage im Internet lesen

Marlisa Pflüger ist dieses Jahr 90 Jahre alt geworden. Sie kann wahrlich auf ein bewegtes Leben zurückblicken, das schon ungewöhnlich begann. Denn geboren wird sie 1920 in Caracas, Venezuela. „Meine Großmutter war eine Blohm und mein Vater hatte in der Firma zu tun. Als wir 1925 nach Deutschland gingen, konnte ich kein Wort Deutsch, und heute kann ich kein Wort Spanisch mehr“, erzählt sie. Sie geht auf eine Altonaer Privatschule, ihr
Elternhaus liegt genau gegenüber. Sie macht das Abitur, meldet sich zum
Arbeitsdienst, denn sie will unbedingt studieren. Dann beginnt der Zweite Weltkrieg, sie verlobt sich, bekommt mit 20 ihr erstes Kind. „Von meinem Abitur habe ich nicht viel gehabt“, sagt Marlisa Pflüger ernst, denkt nach. „Wir haben völlig normal gelebt, der Krieg war ja Alltag. Aber jedes Weihnachten haben wir gehofft, dass es die letzten Kriegsweihnachten sein mögen, doch dann folgte noch ein Jahr und noch eins. Wir waren so selig, als es endlich vorbei war.“
Aber auch die Nachkriegszeit bringt Schmerzhaftes mit sich: Mit 33 Jahren lässt sie sich scheiden, drei Kinder hat sie da. „Mein Mann hatte eine andere, wie das eben so ist“, sagt sie knapp. Schnell aber hellt sich ihr Gesicht wieder auf: „Ich habe mit 50 das große Glück gehabt, jemanden kennenzulernen, der wirklich zauberhaft war.“ Ihr zweiter Mann ist ein begeisterter Segler. Als Erstes segeln sie nach Norwegen, schippern dort wochenlang durch die Schären. Er bringt ebenfalls drei Kinder mit in die Ehe: „Durch diese zwei Familien habe ich heute eine beneidenswert große Familie – mit elf Enkelkindern, das elfte Urenkelkind ist unterwegs“, sagt sie strahlend.
Dazu kommt ein großer Freundeskreis – und eben ihr Hobby, das Gedichteschreiben, das sie immer wieder packt. Sie holt ihr aktuelles Tagebuch, in das sie alles einträgt, schaut kurz hinein: „Einmal in die Lüfte fliegen / auf einer kleinen Wolke liegen / einmal frei und ungebunden … na ja, und so weiter – das ist das neueste Gedicht.“ Demnächst wird sie es in ihren Computer tippen, fertig schreiben. In ihrem Alter arbeitet sie am Computer? Aber natürlich! Und sie sagt mit fester Stimme: „Es gibt doch heute keine jungen Leute mehr ohne Computer, oder?“

PS: Selbstverständlich hat Marlisa Pflüger eine Homepage. Und zwar: www.marlisa.de

Text: Frank Keil
Foto: Kathrin Brunnhofer

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