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Judith Rakers

Ein krasser Rollentausch

28. November 2013 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 250/Dezember 2013

Der Schlüssel zum Glück – noch hält Judith Rakers ihn in der Hand. Dann gibt sie ihn ab, wenn auch zögernd. „Es ist sicher besser so“, sagt sie, „sonst gerate ich noch in Versuchung.“ In Versuchung, nach Hause zu gehen: Es ist ihr Wohnungsschlüssel, auf den sie für einen Selbstversuch verzichtet. Ein Schlüssel, der Schutz und Geborgenheit bedeutet und der für die meisten eine Selbstverständlichkeit ist. Aber eben nicht für alle.

(aus Hinz&Kunzt 250/Dezember 2013)

Hungrig, ausgelaugt und müde – so zieht Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers durch die Innenstadt. Nachts schläft sie mit anderen Obdachlosen unter  der Kersten-Miles- Brücke. „Da habe ich mich wenigstens ­sicher gefühlt“, ­erzählt sie.

Hungrig, ausgelaugt und müde – so zieht Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers durch die Innenstadt. Nachts schläft sie mit anderen Obdachlosen unter der Kersten-Miles-Brücke. „Da habe ich mich wenigstens ­sicher gefühlt“, ­erzählt sie.

„1300 Obdachlose gibt es in Hamburg“, sagt Judith ­Rakers. „Und die Dunkelziffer liegt noch viel höher.“ Die Tagesschau-Sprecherin sieht sie täglich, Menschen, die „Platte“ machen, Bettler. „Manchmal kostet es Überwindung, nicht achtlos vorbeizugehen“, gesteht sie. „Aber mir ist das Schicksal dieser Menschen nicht egal. Ich will hinschauen.“ Deshalb dieses Experiment: 30 Stunden lang führte ­Judith Rakers im Februar das Leben einer Obdachlosen. Ohne Wertsachen, ausgestattet mit Spenden von der Kleiderkammer, Isomatte und Schlafsack – unauffällig begleitet von einem Kamerateam. „Ich wollte nachspüren, was es heißt, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein“, sagt sie.

Schon lange engagiert sich Judith Rakers für Obdachlose, seit zwei Jahren ist sie Botschafterin von Hinz&Kunzt. „Ich habe mich oft gefragt, welche Gründe zu Obdachlosigkeit führen“, erklärt sie. „Und ob es jeden von uns treffen kann.“ Aber die bloße Suche nach Antworten reichte ihr nicht mehr. Schuld daran ist Gunni. Judith Rakers traf die 52-Jährige in einem Wohncontainerprojekt für obdachlose Frauen. Gunni erzählte, wie sie nach Gewalterfahrungen auf der Straße landete, wie ihr Gästezimmer von Männern angeboten wurden – gegen Sex. Aber sie sagte auch: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie es auf der Straße ist. Nicht, wenn du es nicht selber erlebt hast.“

Nun erlebt Judith Rakers es selber, erste Station ist die Kleiderkammer. „Schon da hatte ich ein mulmiges Gefühl.“ Sie gibt ihre persönliche Habe ab, aber nicht nur das: „Ich lasse sogar mein Gesicht hier“, sagt sie beim Abschminken.Ein Scherz, natürlich, aber auf der Straße fühlt sie sich wirklich unsichtbar. Sie hat Hunger und kein Geld, sucht nach Pfandflaschen, beginnt zu betteln. „Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hat mich jemand beachtet“, sagt sie. 3,50 Euro landen in ihrem Becher. „Da habe ich vor Rührung geheult.“ Berührend ist auch ihre Begegnung mit Alex, 46, die seit vielen Jahren Platte macht. „Du musst dich dichtkippen wie die Bekloppten, um das hier zu ertragen“, sagt sie knallhart. Und die wichtigste Regel für Frauen: „Immer jemanden an der Seite haben. Sonst bist du hilflos.“

Ein Croissant wird zum Luxus

Hilflos fühlt sich Judith Rakers am Abend, müde und ausgelaugt. Sie hatte auf ein Bett in der Übernachtungsstätte „Frauenzimmer“ gehofft, doch alle Plätze sind belegt: „Der Deal war, dass ich niemandem ein Bett wegnehme, der wirklich darauf angewiesen ist.“ Also wieder raus, in die Kälte. Unter der Kersten-Miles-Brücke trifft sie auf Ricky und ihre Truppe. Ricky will nicht erzählen, weshalb sie auf der Straße lebt. Aber sie und ihre Freunde nehmen Rakers in ihre Runde auf, bieten ihr einen Schlafplatz an, teilen Getränke und ­Lebensmittel. „Ihre Hilfsbereitschaft hat mich überwältigt“, so Judith Rakers. „Eigentlich sind sie ja selber auf Hilfe angewiesen.“ In der Nacht findet sie kaum Schlaf, es ist zu laut und zu hell. „Aber ich habe mich wenigstens sicher gefühlt.“

Letzte Station ist am nächsten Tag Hinz&Kunzt: Zusammen mit Hinz&Künztlerin Bea zieht sie los, um Zeitungen zu verkaufen. Wieder erlebt sie das Gefühl von Ausgeschlossenheit und Nichtbeachtung. „Ich habe Bea bewundert, die trotzdem immer gelächelt hat.“ Am Ende wird sie ein Exemplar los, von den 1,90 Euro gönnt sie sich ein Croissant: „Ein ­Luxus. Das ging nur, weil ich das Geld nicht mehr zusammenhalten musste.“ Endlich sind die 30 Stunden rum. Judith ­Rakers kehrt nach Hause zurück, freut sich, „zurück im eigenen Leben“ zu sein. „Krass“ sei ihr Rollentausch gewesen, „von dieser Erfahrung werde ich noch lange zehren.“ Vor allem eins habe ihr der Versuch gezeigt: „Dass Obdachlose höchsten Respekt verdienen. Respekt, Würde und Achtung.“

Die Reportage „Schicksal obdachlos“ mit Judith Rakers läuft am Freitag, 6.12., um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen.

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