Ein Geschenk der Kirche

Ein Geschenk der Kirche an die Stadt: Seit Dezember dürfen 40 Obdachlose in einem ehemaligen Altenheim in Ottensen leben – eine Entlastung für das Winternotprogramm. Das ist allerdings trotzdem voll.

(aus Hinz&Kunzt 228/Februar 2012)

„Es war wie ein Weihnachtsgeschenk, ich war richtig gerührt“, sagt Elke Wrage und schaut aus dem Eine-Welt-Laden der Christianskirche hinüber zum Rumond-Walther-Haus. Dort, im ehemaligen Altenheim der Gemeinde, leben seit Dezember 40 Obdachlose, hauptsächlich Paare und ältere Menschen. „Ich finde es so schön, dass den Obdachlosen geholfen wird und dass das Altenheim nicht leer steht“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin. Bis das Haus im Frühjahr abgerissen wird, soll es ein „warmer Raum in kalter Zeit“ sein, wie es Bischöfin Kirsten Fehrs bei der Eröffnung ausgedrückt hat. Auch für die Stadt ist es fast ein Geschenk, sie muss keine Miete für das Haus bezahlen  und enlastet das Winternotprogramm in der Spaldingstraße. Fördern und Wohnen betreut die Bewohner mit einer halben Sozialarbeiter-Stelle.

Es ist Mitte Januar, und die Euphorie der ersten Tage hat sich erhalten. Im Vorwege wurde natürlich intern diskutiert. Aber auch die Leiterin der angrenzenden Kita war einverstanden. „Wir haben alle Eltern angeschrieben und sie darüber informiert“, sagt Kita-Leiterin Isabella Ott. Auch ein Informationsabend wurde anberaumt, „aber es ist nur ein Vater gekommen“.

Das größte Geschenk ist das Rumond-Walther-Haus allerdings für die Bewohner selbst. „Besser geht’s nicht“, sagt Bernd (Name geändert). Am besten gefällt dem 59-Jährigen, dass er sein Zimmer nur mit einem anderen Mann teilen muss, dass jedes Zimmer ein Bad hat – und dass man hier nicht von Öffnungszeiten abhängig ist. „Hier wirst du morgens nicht bei Wind und Wetter vor die Tür gesetzt“, sagt Bernd, der sechs Wochen in der Spaldingstraße übernachtet hat. „Und wenn ich nach Hause komme, ist die Tür offen. Ich muss mich nicht bis 17 Uhr in der Stadt herumtreiben, bis die Unterkunft wieder aufmacht.“ Das ist das Schlimmste an der Obdachlosigkeit, findet Bernd: dass man sich tagsüber nirgends aufhalten kann.

Seit er in seinem Zimmer Ruhe findet, hat Bernd sogar wieder genug Energie, um sich um nötige Behördengänge zu kümmern. „Da kannst du viel entspannter drangehen, wenn du ausgeschlafen bist“, sagt er. „Und du hast mal Zeit zum Nachdenken.“ Das Miteinander der Bewohner sei unkompliziert, sagt Bernd, die Betreuer von Fördern und Wohnen seien sehr hilfsbereit. Und die zwei Gemeinschaftsküchen im Haus würden jeden Tag genutzt. „Man gibt auch untereinander was ab, wenn man mal zu viel gekocht hat“, sagt Bernd.

Weniger gut läuft es im Winternotprogramm in der Spaldingstraße 1. Nach wie vor ist das Gebäude mit 230 Schlafplätzen komplett ausgelastet, und das, obwohl es bis Mitte Januar noch nicht mal richtig kalt war. Das bedeutet: gereizte Stimmung im Haus und in der Umgebung.
Die Anwohner im Münzviertel sind eigentlich als sehr tolerant bekannt, sie beherbergen die Tagesaufenthaltsstätte Herz As und die Drogeneinrichtung Drob Inn. „Die Obdachlosen gehören zu uns“, sagt Günter Westphal vom Quartiersbeirat Münzviertel. Aber es fällt den Nachbarn schwer, die 230 Obdachlosen aus dem Winternotprogramm zu verkraften. Da sie morgens um 9 Uhr das Haus verlassen müssen, erst abends wieder zurückdürfen und da im Haus Alkoholverbot herrscht, spielt sich vieles auf der Straße ab: Der Müll nimmt zu, es gibt alkoholisierte Gruppen, die auf der Straße trinken, „laut pöbeln und manchmal gegenüber Bewohnern auch körperlich aggressiv werden“, so West­phal.

Inzwischen gibt es einen runden Tisch, an dem nach gemeinsamen Konfliktlösungen gesucht wird. Klar ist jetzt, dass die Müllabfuhr häufiger kommt, dass die Polizei häufiger patrouilliert und dass die Männer und Frauen in ihrer Unterkunft noch einmal auf den Umgang mit den Nachbarn eingenordet werden sollen.

Immerhin: Die Nachbarn stehen nach wie vor zum Winternotprogramm. „Aber im kommenden Jahr darf die Unterkunft nicht so groß sein“, sagt Günter Westphal. „Wenn wir überall kleine Unterkünfte hätten, dann wäre das nicht so ein Problem.“

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