Ein ganz normaler Held

„Jesus von St. Pauli“: Streetworker Erich Esch

(aus Hinz&Kunzt 122/April 2003)

Um den Hals von Erich Esch baumelt ein langes Band. Daran, gut sichtbar, ist ein Kreuz befestigt. Der 59-Jährige trägt seine religiöse Überzeugung deutlich vor sich her. „Jesus von St. Pauli“ nennen die Leute den Streetworker deswegen, der im Schanzenviertel arbeitet und am Schanzenbahnhof auch einen Kiosk betreibt. Die Kunden bekommen dort alles – nur keinen Alkohol, überhaupt keine Drogen. Noch vor zehn Jahren hätte Esch wohl selbst am lautesten gelacht, hätte man ihm eine solche Zukunft vorausgesagt. Damals war er obdachlos und drogenabhängig. Und sein Leben schien keinen Pfifferling mehr wert. Aber er hat den Teufelskreis durchbrochen.

Abgeschrieben, auf verlorenem Posten, war Erich Esch schon als er auf die Welt kam. Sicher ist, dass er ausgesetzt wurde. Unsicher ist, wo und wann genau. Denn Erich Esch war ein Findelkind. Die Schwestern, die ihn fanden, schätzten „so Pi mal Daumen“, dass er drei Monate alt sein müsse. Das Amt legte sein Geburtsdatum auf den 28. Januar 1944 fest. Ausgesetzt wurde er – vermutlich – in Gardelegen in der ehemaligen DDR. Kompletter Fehlstart ins Leben.

Und so ging es weiter: Im Waisenhaus bei Moers wurde er oft geschlagen und mit neun Jahren von einem Erzieher vergewaltigt. „Und alles unter dem Mäntelchen des Christentums“, sagt Esch. Kurz darauf begann er, Alkohol zu trinken und Aceton zu schnüffeln. Manchmal, wenn er ganz traurig war, legte er sich nachts zu einem anderen Kind ins Bett, weinte und ließ sich trösten. Aber der arme Kerl musste seine Hilfe bitter büßen. „Am anderen Tag habe ich ihn garantiert verprügelt“, so der vermutlich 59-Jährige. „Ich konnte es nicht ertragen, schwach zu sein und Hilfe anzunehmen.“

Dabei habe er sich immer so nach Liebe und Zuneigung gesehnt. „Aber menschlicher Kontakt hat mir regelrecht Schmerzen bereitet“, sagt er. „Körperliche Schmerzen.“ Der Grund dafür war wahrscheinlich die Vergewaltigung. Der Erzieher missbrauchte ihn auch weiterhin. „Ich war ihm hörig. Er war der einzige, der sich um mich kümmerte.“ Kümmerte – das Wort klingt makaber. Denn der Mann schickte Erich auf den Kinderstrich. Sah zu, wie er immer mehr in einen Strudel der Abhängigkeit geriet: Alkohol, Drogen – Erich nahm alles, was er in die Finger bekam.

Mit 17 Jahren eine Verschnaufpause. Er schaffte es, sich von seinem Peiniger und Freund loszusagen, lebte ein paar Jahre bei Pflegeeltern in Moers und machte sich mit ihnen zusammen auf die Spurensuche. Vergeblich. Zwar fand er heraus, dass seine Mutter mit einem Herrn Heilmann verheiratet war, er jedoch wahrscheinlich aus dem Verhältnis mit einem Besatzungssoldaten stammte. Aber Kontakt zu seiner Mutter bekam er nicht. Bis heute nicht.

Immer tiefer driftete Erich in die Sucht und in die Kriminalität. Wenn er gut drauf war, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, wenn er schlecht drauf war, lebte er auf der Straße, schnorrte, soff und prügelte sich. Selbst als er einen Saufkumpanen so zurichtete, dass der an den Folgen starb, machte er weiter wie gehabt. Bis 1994. Da ging es ihm körperlich so schlecht, dass er zum Arzt ging. Die Diagnose war tödlich: Leberzirrhose im Endstadium und Magen- und Darmgeschwüre. „Ich mach mich weg“, beschloss er und versuchte, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Aber er wurde gefunden und lag im Koma in einem Krankenhaus in Gütersloh. Die Ärzte hatten ihn aufgegeben.

„Dann geschah ein Wunder“, sagt Erich Esch. Er erwachte aus dem Koma – mit einem wahnsinnigen Schrei: „Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, mach aus mir einen neuen Menschen.“ Aber Esch erwachte nicht nur: „Ich war auf einmal kerngesund.“ Keine Leberzirrhose, keine Geschwüre, nicht mal ein Leberschaden ist zurückgeblieben. Nichts, er war absolut gesund. „Es war ein Geschenk, eine Gnade“, sagt Erich Esch. „Ich war ein neuer Mensch.“ Kein Wunder, feixt er, schließlich sei er nur noch Haut und Knochen gewesen, selbst das Blut wurde ausgetauscht. „Es war alles neu an dem Kerl“, sagt er und deutet auf sich selbst. „Wie Schleudergang in der Waschmaschine“ kam ihm die Runderneuerung vor.

Nie wieder trank er einen Tropfen Alkohol. Von einem Tag auf den anderen änderte er sein Leben. Merkwürdig, alles ging auf einmal wie von selbst. „Ich bekam eine Wohnung und eine Arbeit.“ Drei Jahre lang arbeitete er in einer Arbeitslosenwerkstatt, brachte es dort sogar zum Projektleiter. „Aber irgendetwas fehlte“, sagt er. Den Glauben an Gott hatte er schon gefunden. „Der zog sich sowieso und trotz der Erfahrungen wie ein roter Faden durch mein Leben, er war nur noch nicht festgezurrt.“

Eines Tages hörte er vom Jesus Center in Hamburg. Ein christliches Zentrum in der Schanze, das Drogen- und Alkoholabhängigen hilft. Das faszinierte ihn. Nur zu Besuch wollte er mal wieder nach Hamburg fahren, wo er früher schon jahrelang gelebt hatte. Da saß er dann hinter der Roten Flora, unterhielt sich öfter mit einem drogenabhängigen Mädchen. Fast noch ein Kind war sie. Er brachte ihr Kaffee und hörte ihr zu. Plötzlich packte sie ihn an der Nase und drehte sie ihm um. Das war kein Spaß, das war die pure Verzweiflung. „Du willst mir also wirklich helfen?“, stieß sie ungläubig hervor. Ob er es vorgehabt hatte, weiß Erich Esch gar nicht mehr so genau. Auf jeden Fall wusste er auf einmal, was ihm gefehlt hatte und was er in Zukunft machen wollte: anderen, die in seiner Situation waren, helfen. Er fuhr nur noch einmal nach Gütersloh zurück – um seine Sachen zu packen.

Seit 1999 arbeitet er im Jesus Center, betreibt ausgerechnet den Kiosk am Schanzenbahnhof, an dem er früher selbst gesoffen hat. Allerdings verkauft er heute keinen Alkohol mehr. Buletten, Würstchen, Getränke gibts zu günstigen Preisen – und vor allem hört er all den Junkies und Alkis am Platz zu.

Eines Tages traf er einen jungen Mann wieder, den er sofort wiedererkannte: Der alte drogen- und alkoholabhängige Esch hatte ihn als Kind zum Trinken verführt. „Er musste mir am Kiosk Bier holen, dafür durfte er mittrinken.“ Der „neue“ Esch ging zu ihm hin und bat um Vergebung. Der junge Mann hatte ihn auch sofort wiedererkannt. „Er schaute mich nur mit großen Augen an – und weinte.“ Weinte, weil er in seinem Leben schon viel auf den Kopf bekommen hatte, aber niemand war bislang auf die Idee gekommen, sich dafür bei ihm zu entschuldigen.

Solche Begegnungen gehen Erich Esch unter die Haut. Auch wenn ihm ein Junkie oder Alki zitternd die Hand auf seinen Arm legt und sagt: „Danke!“ Egal wofür, für ein Gespräch, für eine Suppe oder nur für eine Tasse Kaffee. „Das konnte ich früher nicht, mich bedanken, ich war da wie verstockt.“

Die Junkies und Trinker der Umgebung lieben ihn oder schätzen ihn zumindest. Auch wenn sie selbst nicht gläubig sind. Auf jeden Fall, weil man sich auf sein Wort verlassen kann, weil er ihre Sprache spricht und auch nicht erwartet, dass andere das gleiche glauben wie er. Obwohl: Wenn er predigt, „dann bekommen die Jungs biblisch schon was auf den Sack“, sagt er. Und bei Totenfeiern am Kiosk lässt er auch gerne mal „Großer Gott wir loben dich“ singen. Das hört sich unglaubwürdig an? Esch lacht. „Von wegen! Die singen alle mit – ich wette, das wird noch zum Schanzenschlager.“

Birgit Müller

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