Dritte Welt ganz nah!

Eine besondere Hafenrundfahrt zeigt Hamburgs Verflechtung mit den armen Ländern

(aus Hinz&Kunzt 148/Juli 2005)

Die Barkasse schaukelt an einer Raffinerie im Freihafen vorbei.
„Ein gutes Beispiel, wie im Handel mit der Dritten Welt zwei Standards gelten“, kommentiert Peter Langlo von der „Dritte Welt Hafengruppe“. Während im Hamburger Hafen mittlerweile aufwändige Filteranlagen dafür sorgen, dass Luft und Wasser möglichst wenig verschmutzt werden, bleibt in den Ölförderländern alles beim Alten.

„Die Bedingungen für die Menschen im Nigerdelta etwa sind katastrophal“, erklärt Langlo. In Nigeria, dem größten Erdölexporteur Afrikas, muss sich die In-dustrie kaum an Umweltauflagen halten: Lecke Pipelines verseuchen die Felder der Bauern. Gleichzeitig verarmt die Bevölkerung: „Von dem Geld, das mit dem Öl verdient wird, bleibt so gut wie nichts in der Region“, so Langlo. Der Ressourcen-reichtum hat sich für die Menschen im Nigerdelta zum Fluch entwickelt.

Die Lebensbedingungen in Erster und Dritter Welt könnten unterschied-licher kaum sein – gleichzeitig werden die wirtschaftlichen Verflechtungen immer enger. Und an kaum einem Ort wird das so deutlich wie im Hamburger Hafen, einem der größten Umschlagplätze Europas. Um das zu zeigen, macht die „Dritte Welt Hafengruppe“ seit mittlerweile 21 Jah-ren ihre alternative Hafenrundfahrt.

Die Barkasse passiert die engen Kanäle der Speicherstadt. Sie ist das weltweit größte Lager für Perserteppiche. „Nur kommen die meisten nicht mehr aus dem Iran, sondern aus Nordindien, Pakistan und Nepal“, sagt Peter Langlo. Dort bedeutet die Teppichproduktion in vielen Fällen Kinderarbeit.

In der Speicherstadt hat auch die „Neumann Kaffee Gruppe“ ihren Sitz – der größte Kaffeehändler der Welt. Traditionell kommt Kaffee aus Mittelamerika nach Hamburg, mittlerweile aber hauptsächlich aus Brasilien und Vietnam, das zum zweitgrößten Kaf-feeexporteur aufgestiegen ist. Viele Jahre war Kaf-fee für die Länder der Dritten Welt ein vergleichsweise sicheres Geschäft: Das Kaffee-Abkommen hielt die Weltmarktpreise seit 1962 stabil. 1989 wurde es aufgekündigt – seither befindet sich der Preis im freien Fall. Denn die hoch verschuldeten Produzentenländer sind darauf angewiesen, den Kaffee zu fast jedem Preis zu verkaufen, um Devisen ins Land zu bringen – auch wenn damit ihre Bevölkerung immer weiter verarmt. Ein schneller Wechsel ist kaum möglich: „Ein Kaffeebaum trägt erst nach mehreren Jahren – da überlegt es sich der Bauer zweimal, ob er ihn ausreißt und etwas anderes anbaut.“ Nur noch die Händler verdienen mit Kaffee Geld. Um diese Misere zu ändern, appelliert Langlo an die Konsumenten: „Unser Lebensstandard würde sich nicht verringern, wenn wir für Produkte faire Preise bezahlen“ (siehe Info).

Eine weitere „Kolonialware“ kommt am Hansahafen an. Hier werden die Schiffe aus den „Bananenrepubliken“ entladen. Die Spielregeln im Bananenhandel haben sich seit der Kolonialzeit nur wenig geändert: Wenige Firmen teilen das Geschäft untereinander auf und diktieren den Ländern ihre Politik. Wie die berüchtigte United Fruit Company, die im vergangenen Jahrhundert mehrere mittelamerikanische Regierungen stürzte und mittlerweile unter dem Namen „Chiquita Brands International“ firmiert. „Die Monokulturen der Plantagen erfordern starken Einsatz von Pestiziden“, so Langlo, „die Flugzeuge, die das Gift über den Pflanzungen versprühen, nebeln auch die Arbeiter ein. Deswegen sind die Krebsraten in diesen Ländern besonders hoch.“

Ein weiteres Phänomen des Handels mit der Dritten Welt: Billigflaggen. Die Barkasse kommt auf ihrer Fahrt an mehreren Containerschiffen vorbei, deren Heimathäfen in Drittweltländern liegen: Panama, die Bahamas, Liberia. Besonders häufig taucht der Name Monrovia auf – in manchen Jahren hatte die Hauptstadt des kleinen, vom Bürgerkrieg gebeutel-ten Landes Liberia sogar die größte Handelsflotte der Welt. Reeder aus Industriestaaten können ge-gen eine vergleichsweise geringe Gebühr Monrovia als Heimathafen angeben – und müssen sich dann nicht ans Steuer- und Tarifrecht ihrer Heimatländer halten. „Die Löhne auf diesen Schiffen sind häufig rassistisch gestaffelt“, so Langlo, „Polen bekommen ein Drittel dessen, was ein Deutscher auf dem Schiff bekommen würde, Filippinos ein Zehntel, Chinesen noch weniger.“ Davon profitierte auch eines der bekanntesten Schiffe Hamburgs: die Englandfähre, die bis 2002 Hamburg mit Harwich verband, hatte ihren Heimathafen auf den Bahamas.



DRITTE WELT HAFENRUNDFAHRT

Ab Anleger Vorsetzen (U-Bahn Baumwall), jeweils freitags 17 Uhr:

1., 15. und 29. Juli, 12. (Sonderthema Kolonialismus) und 26.8., 9. und 23.9., 7. und 21.10., 8 Euro. Weitere Informationen unter Telefon 18 98 67 58 oder www.hafengruppe-hamburg.de

Marc-André Rüssau

Besser Handeln
Wer sichergehen will, dass der Perserteppich nicht aus illegaler Kinderarbeit stammt, sollte auf das „Rugmark“ Label achten. Kinder unter 14 dürfen in zertifizierten Betrieben nicht mitknüpfen. Ausgenommen sind traditionelle Familienbetriebe, in denen die Kinder der Besitzers mithel-fen dürfen, wenn sie regelmäßig in die Schule gehen. Erwachsene Knüp-fer erhalten einen Mindestlohn, um ihre Familie auch ohne Kinderarbeit ernähren zu können. Außerdem fließt ein Teil des Teppich-Kaufpreises in Hilfsprojekte vor Ort.

www.rugmark.de

Kaffee aus fairem Handel – beispielsweise mit dem Trainsfair-Logo – gibt es mittlerweile in vielen Supermärkten. Er garantiert den Produ-zenten einen Mindestpreis, unabhängig von Marktschwankungen. Außer-dem fördert Transfair den Aufbau von Genossenschaften für Kleinbauern.

www.transfair.org

Eine gute Adresse, um fair gehandelte Produkte zu kaufen, sind Welt-Läden: www.weltlaeden-hamburg.de

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