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Die zweite Chance

6. April 2011 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009

Wer von der Straße kommt, braucht nicht nur eine Wohnung, sondern auch Arbeit: Das ist die Grundidee des Projekts Lohn und Wohnen

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)Marvin Schramm (Name geändert) ist froh: Seit September hat er eine Lehrstelle. Der 21-jährige Ex-Obdachlose lernt Restaurantfachmann in einem Lehrbetrieb für Ausbildungsabbrecher – und ist zufrieden: „Die Arbeit macht Spaß.“ Vor anderthalb Jahren war der junge Mann mit der leisen Stimme ganz unten: Aus einer Drückerkolonne war er geflohen. Lebte im Pik As. Und hatte dann das Glück, in einen Modellversuch zu rutschen.
„Lohn und Wohnen“ heißt das Projekt im Bezirk Mitte, dem der Gedanke zugrunde liegt: Wer von der Straße kommt, braucht nicht nur eine Wohnung, sondern auch einen Job oder Ausbildungsplatz. Weil aber staatliche Hilfe oft Mangelverwaltung ist, mussten Sondergelder der Europäischen Union (EU) fließen: in diesem Fall 300.000 Euro. Zwei Jahre lang kann die gemeinnützige Lawaetz Service GmbH damit die Arbeit von drei Expertinnen bezahlen.
In der Regel ziehen jeweils zwei Obdachlose als Un­termieter in Wohnungen, die Lawaetz anmietet. Einmal die Woche müssen sie sich melden, bekommen Rat und Hilfe. Sechs bis 24 Monate später sollen sie normale Mieter sein, möglichst mit Job. Dazwischen liegen: viele Gespräche, harte Arbeit, Hausbesuche und Rückschläge. „Für einen Teilnehmer mussten wir gerade eine Geld­verwaltung einrichten, weil er über seine Verhältnisse gelebt und seine Miete nicht mehr bezahlt hat“, berichtet die Projektleiterin. „Zum Glück war er noch Untermieter bei uns.“
Bilanz seit Februar 2008: 30 Obdachlose wurden aufgenommen. Sechs haben den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft, vier machen eine Lehre, drei einen Ein-
Euro-Job. Fünf haben das Projekt verlassen müssen, weil sie nicht genug mitgearbeitet haben. Die anderen stehen „im Beratungsprozess“. Katrin Jänke ist mit dem Ergebnis zufrieden: „Manche haben sehr viele Probleme, wie Sucht, Schulden oder psychische Erkrankungen.“
Das Konzept ist gut und kann problemlos auf andere Bezirke übertragen werden, sagt die Projektleiterin. Ob das je geschehen wird? Bis vor Kurzem war nicht klar, wer die Arbeit weiterfinanziert, wenn im Februar die Förderung ausläuft. Nun hat die Stadt für ein weiteres Jahr EU-Gelder in Aussicht gestellt. Was danach sein wird, weiß niemand.
Was Marvin Schramm über das Projekt denkt, das ihn zurück in die Spur gebracht hat? „Vielleicht sollten sie strenger sein. Andererseits: Dann wäre ich wohl schon längst rausgeflogen.“

Text: Ulrich Jonas

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