Die sieben Leben der Sabine Kullenberg

Knapp an Geld, reich an Ideen: eine Künstlerin aus Altona über Armut, Luxus, Tausch und ihre „Wasserporträts“

(aus Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006)

Ist sie arm? Nein, keinesfalls. Nicht im klassischen Sinn, wie man das aus dem Fernsehen kennt: Schlecht gekleidet, die Kippe in der Hand, hockt jemand auf einer Parkbank und stiert ins Leere. Die bildende Künstlerin Sabine Kullenberg (49) dagegen sitzt gut gelaunt in einem Altonaer Ausstellungsraum und zeigt ihre neuesten Werke.

Und doch ist Armut ein Thema für sie. Genauer: der Umgang damit. Denn neulich gab es wieder so eine Situation: Nach einer Vernissage fragten sie ein paar Bekannte, ob sie mitkommen würde, nur kurz rüber zum Italiener. Sie druckste ein wenig herum und sagte dann offen, dass sie gerade kein Geld habe. „Ach, ’ne Pizza müsstest du dir doch leisten können, oder?“, hieß es.

„Das war bestimmt nicht böse gemeint“, sagt Sabine Kullenberg. „Und doch fand ich es unklug, noch etwas zu sagen. Zu Leuten, die sich nicht vorstellen können oder wollen, dass ich, die Künstlerin, in manchen Monaten nach Abzug der Miete und der laufenden Kosten mit 200 Euro über die Runden kommen muss.“

„Es ist eine komische Form von Armut“, greift sie nach einer Pause den wieder Faden auf. „Denn ich kann mir etwas leisten, das sich andere nicht leisten können. Ich habe den Luxus, mich mit dem zu beschäftigen, was mich interessiert.“ Das sei ziemlich erfüllend. Und trotzdem – ein ständiges Hin und Her. Damit man zum Beispiel bei einer Vernissage nicht sieht, dass sie unter Sozialhilfeniveau lebt. „Da hat man die Designerfreundin, die im Tausch gegen Kunst von mir etwas Tolles näht.“ Kunst zu tauschen hat ihr schon manchmal über die Runden geholfen. Mehr aber noch entspricht es ihrem Verständnis, wie man, entgegen den Gesetzen eines obskuren Kunstmarktes, miteinander umgehen sollte.

Vor 13 Jahren unternahm sie einen interessanten Schritt: Trat nicht mehr allein als Sabine Kullenberg an die Öffentlichkeit, sondern teilte sich auf in sieben Persönlichkeiten, die künstlerische Dienstleistungen anbieten. Sie gab sich unterschiedliche Namen, erfand Biografien dazu, eine Art Kunst-„Lindenstraße“ sollte entstehen. Allerdings mit solidem Hintergrund. IDL hieß ihr Konzept. Wer die Buchstaben einzeln ausspricht, hört „ideell“. Aber es sollte auch eine Strategie sein, die sie materiell ernährt.

Unter ihrem eigenen Namen Sabine Kullenberg bot sie Firmen „Kunstcoaching“ an, befragte die Mitarbeiter nach Zielen und schuf daraus ein Kunstwerk. Zugleich wurde sie als Claudia Valdéz zur Kunstsammlerin, 1960 als Tochter eines spanischen Gastarbeiters in Bottrop geboren. Oder es gab Mara Sand, die Spirituelle, 1957 in Kairo zur Welt gekommen. Oder die Köchin Cornelia Schmidt-Neutard, geboren in Fulda, die eine „Mittagskunstkantine“ kreierte, Essen inszenierte und dazu Performances veranstaltete.

Das Konzept ist nicht aufgegangen, so sehr die Ideen für die einzelnen Figuren auch purzelten. „Ich dachte damals, ich muss das nur mit voller Power machen, das wird ein Selbstgänger. Das war natürlich eine Illusion“, sagt Sabine Kullenberg heute. Der Aufwand, um in den unterschiedlichen Rollen jeweils Aufträge zu erhalten, stand selten in Einklang mit dem Verdienst. Nüchtern sagt sie: „Ich habe viel gemacht in diesen Jahren, aber trotzdem kennt mich kein Schwein.“ Sie habe sich, gibt sie selbstkritisch zu, manchmal verzettelt.

Inzwischen sind all ihre Anderen „transformiert“, leben an einem Ort, den sie Wolke 8 nennt. Nun soll es in eine andere Richtung gehen. Ihre Zukunft sieht sie in den „Wasserporträts“, die sie nach einer eigenen und pfiffigen Methode entwickelt: Zuerst fotografiert sie einen Menschen. Überträgt dann die Vorlage mit Tusche freihändig auf eine Stahlplatte – dabei sind 30 Jahre Porträtzeichnen durchaus hilfreich. Zieht mit nassem Papier jeweils einen Abzug ab, wobei der Reiz im leichten Verlaufen des vorher Präzisen besteht. Die besten Abzüge rahmt sie. Oder fertigt von diesen wiederum Fotos, bearbeitet sie mit Lasuren, fixiert sie auf dünne Metallplatten, wenn man es weniger filigran, sondern entschlossener mag. Ist dabei weit entfernt von Kunstgewerblichem. In der Amtsstube von Hinnerk Fock, dem Bezirksamtsleiter von Altona, hingen in diesem Jahr die ersten Wasserporträts.

Doch auch hier gilt es Rückschläge zu verkraften. Wie neulich, als sie sich nach einem Agenten umsah, der ihr helfen sollte, die Bilder zu vermarkten. So macht man das doch, will man Erfolg haben. Sie findet einen, aber der verlangt eine wertige Mappe, wie das in der Sprache der Werber heißt. Schweren Herzens leiht sich Sabine Kullenberg Geld, ziemlich viel. Lässt eine Mappe, Visitenkarten und Briefpapier drucken. Kaum liegt das Material vor ihr, ruft der Agent an: Er habe gerade ein paar große Aufträge an Land gezogen und könne sich nun um Kleinkram wie ihre Wasserporträts nicht mehr kümmern.

Da sitzt sie nun mit Mappen, Visitenkarten und Briefpapier – und sucht einen neuen Agenten. Soll sie klagen? Nein! Sie ist im Gegenteil mächtig stolz, dass sie all die Jahre ihrem Stil treu geblieben ist. Dass sie noch dabei ist. Und Sabine Kullenberg steht auf, führt weiter durch ihre Ausstellung. Doch, die Wasserporträts, das könnte was werden.

Frank Keil

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