Die Sache mit der Altkleidersammlung

(aus Hinz&Kunzt 188/Oktober 2008, Das Modeheft)

Beinahe jeder hat schon einmal einen Beutel mit alten Sachen gepackt, vor die Tür gestellt oder in einen Altkleidercontainer geworfen. Ein doppelt gutes Gefühl: Endlich wieder Platz im Schrank und dazu die vermeintlich gute Tat. Woanders, so glauben die meisten, freut sich ein Frierender über den ausgeleierten dicken Pullover aus den 80er-Jahren. Und bestimmt ist die arg durchgesessene Jeans in vielen Ländern so was wie der letzte Schrei. Aber wer weiß wirklich, was mit den alten Sachen passiert? Erfüllen die Sammlungen jedes Mal einen guten Zweck oder dienen sie finsteren Geschäftemachern als Alibi? Hinz&Kunzt beantwortet die vier wichtigsten Fragen zum Thema.


Was sind das eigentlich für Sachen, die Menschen in die Altkleidersammlung stecken, und was gehört wirklich hinein?

Jährlich sortieren die Deutschen zwischen 600.000 und 700.000 Tonnen Textilien aus, doppelt so viel wie noch vor 14 Jahren. Die Menge entspricht etwa 40.000 voll bepackten Lkw – eine Schlange, die von Hamburg bis knapp vor München reichen würde. Es klingt banal, aber Sie sollten nur solche Sachen in die Altkleidersammlung legen, die noch zu gebrauchen sind. Derzeit trifft das nur für etwa 40 Prozent der entsorgten Textilien zu. Weitere 40 Prozent können noch zu Putzlappen oder Rohstoffen verarbeitet werden. Aus den Altkleider- und Altschuh-Containern fischen die Sammler leider bis zu 20 Prozent Müll. Alles, was nicht mehr getragen werden kann, verursacht einen hohen Arbeitsaufwand und auch Kosten, da die Sachen von Recyclingfirmen entsorgt werden müssen.

Die Hosen, Röcke, Blusen, Decken, Babykleidung und dergleichen sollten Sie möglichst gesäubert in einem verschlossenen Beutel abgeben. Schuhe, die Sie nicht mehr tragen würden, weil sie kaputt sind, werden auch auf rumänischen Secondhandmärkten nicht mehr der große Hit. Sie gehören in den Hausmüll.

Was passiert mit der Kleidung, nachdem ich sie weggegeben habe?

Ein Teil der Sachen geht an Kleiderkammern oder Secondhand-Läden und wird dort verschenkt oder günstig verkauft. Die Einnahmen landen bei den karitativen Organisationen, die die Kleidung eingesammelt haben. Überwiegend werden die gesammelten Sachen aber an Firmen verkauft, die sich auf das Sortieren von Altkleidung spezialisiert haben. Dabei handelt es sich zum Teil um kleine Beschäftigungsgesellschaften, die mit „Fairwertung“ (siehe Info-Kasten) zusammenarbeiten und Langzeitarbeitslosen eine Beschäftigung ermöglichen. Der größte Teil der Textilien, die noch zu gebrauchen sind, landet über Zwischenhändler auf Secondhand-Märkten in Osteuropa, Afrika oder im mittleren Osten. Zwei Drittel der Kleidung, die in Afrika getragen wird, stammt Schätzungen zufolge aus solchen Secondhand-Märkten.

Der Rest der gesammelten Textilien geht an Recyclingfirmen oder in die Abfallentsorgung.

Kommerzielle Verwertung – ist das nicht unmoralisch? Ich dachte, ich spende meine Kleidung für Menschen, die sich keine leisten können.

In der Regel landet qualitativ hochwertige Secondhand-Bekleidung auf diesem Weg bei Menschen im Ausland, die sich Neuware nicht leisten können. Würde man die Kleider dort einfach verschenken, bräche eine wichtige Einnahmequelle für die kleinen Secondhand-Märkte weg und der Anreiz, eine lokale Textilwirtschaft zu etablieren, würde vollends entfallen. Fakt ist, dass wir in Deutschland weit mehr gute Kleidung „verbrauchen“, als an Bedürftige hierzulande weitergegeben werden kann. Wer ein Problem mit der Weitergabe dieser Überschüsse hat, sollte vielleicht auch mal über sein Konsumverhalten in Sachen Bekleidung nachdenken. Im Übrigen: Auch mit Ihrem Altpapier oder den Weinflaschen, die Sie in den Altglascontainer geworfen haben, wird Geld verdient.


Wie kann ich sichergehen, dass meine alten Sachen so verwertet werden, wie ich will?

Geben Sie Ihre Sachen direkt bei einer Kleiderkammer oder bei einem Sozialprojekt ab und fragen Sie nach, ob diese Ihre Altkleidung auch wirklich gebrauchen kann. Falls Sie einfach nur den Beutel vor die Tür stellen, aber sichergehen wollen, dass die Einnahmen an die richtige Organisation fließen, sollten Sie sich die Info-Zettel, die zur Sammlung aufrufen, genau ansehen. Unseriöse Altkleidersammlungen erkennen Sie daran, dass der Sammler nur eine Handy-Nummer angegeben hat oder mit emotionalen Fotos oder religiösen Symbolen geworben wird, ohne dass eine bekannte Organisation dahintersteckt.

Eine Liste vertrauenswürdiger Sammelprojekte erhalten Sie über www.fairwertung.de.

Fred Grimm


Der 1994 von mehreren, vor allem kirchlichen Organisationen gegründete Verein entwickelt umwelt- und sozialverträgliche Konzepte für den Umgang mit Altkleidern und vergibt eine Lizenz an Organisationen, die mit dem Sammeln von Altkleidern echte Hilfe leisten. Bislang wurde die Lizenz an über 140 Partnerorganisationen vergeben. In Hamburg arbeitet Fairwertung mit Oxfam zusammen. Mehr Infos: www.fairwertung.de

2 Kommentare zu “Die Sache mit der Altkleidersammlung

  1. Dass in Afrika sämtliche Existenzen dadurch zerstört wurden, weil Billigkleidung aus Europa und den USA geschickt werden lese ich hier leider in keinem Satz !

  2. @ daniela
    Auch in Afrika gibt es Händler die mit der Altkleidung aus Europa verdienen. Zudem müssen die Klamotten vielfach umgenäht werden. Es wird also nicht nur zerstört.

    Was mich insgesamt stört sind nur die unseriösen Sammler. Also jene die ihre Container einfach irgendwo abstellen auch illegal auf Privatgrundstücke.

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