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Die können ganz anders!

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006

Die 562 Mitarbeiter der Flachglas Wernberg führen ihren Betrieb in Eigenregie – mit großem Erfolg

(aus Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006)

In Zeiten, in denen Unternehmer ihre Mitarbeiter trotz hoher Renditen zu Tausenden entlassen und sich dafür nicht mal schämen, liest sich die Geschichte der Flachglas Wernberg GmbH in der Oberpfalz wie eine Art Weihnachtsmärchen: Als das Glasveredelungswerk geschlossen werden sollte, übernahmen die Mitarbeiter die Regie – mit Erfolg. Die Firma, die beispielsweise die Seitenscheiben für die Hamburger U-Bahn herstellt, schreibt seit Jahren schwarze Zahlen.


März 1999. Richard Thaller atmete noch einmal tief durch. Die heutige Betriebsversammlung würde alles entscheiden: ob das Werk mit seinen rund 600 Mitarbeitern geschlossen würde oder ob sie weitermachen könnten. Aber das würde nur gehen, wenn sie gemeinsam das Werk kauften – für 3,7 Millionen Mark. „Mir war ganz schön mulmig“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. „Wir brauchten dafür mindestens 500 Anteilseigner. Und wenn wir den Betrieb trotzdem nicht retten können, haben sich die Kollegen auch noch verschuldet.“

Aber es war die einzige Chance. Dann die Überraschung: 360 Kollegen unterschrieben an Ort und Stelle, dass sie mitmachen wollten. Und binnen zehn Tagen unterschrieben nicht nur 500, sondern 560 Mitarbeiter. „Eigentlich machten nur die nicht mit, die sowieso bald in Rente oder Mutterschutz gehen wollten“, so Thaller.

Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt. Ein Betrieb, den die Mitarbeiter übernommen haben – und dann sieht’s da aus wie in jedem anderen Unternehmen. Da gibt’s die Arbeiter im Blaumann und den Mann im Anzug, und der ist dann tatsächlich auch der Geschäftsführer. „Glauben Sie bloß nicht, wir sitzen hier jeden Tag zusammen und diskutieren, wie der Laden geführt wird“, sagt Holger Rexhausen, der Mann im Anzug, gut gelaunt. Diese Art Fragen kennt er offensichtlich. Neben ihm sitzt Richard Thaller, damaliger und heutiger Betriebsratsvorsitzender. „Er führt das Werk, als sei es sein eigenes“, sagt er fast stolz über Rexhausen. „Allerdings wird er über den Aufsichtsrat und durch die Gesellschafterversammlung kontrolliert.“ Und wie überall auch durch den Betriebsrat.

[BILD=#anders2][/BILD]Aber ganz normal ist die Flachglas Wernberg GmbH zum Glück doch nicht. Schon gar nicht in diesen wirtschaftlichen Zeiten. „Wir haben ein Ziel“, sagt Rexhausen, dem zusammen mit Thaller und 560 anderen Kollegen 51 Prozent des Unternehmens gehören: „Mit möglichst vielen Arbeitsplätzen möglichst viel Gewinn machen.“

Wie jeder andere Betrieb müssen die Wernberger auf ihre Personalkosten achten. Aber das machen sie anders, als es momentan in der Wirtschaft üblich ist: Sie bauen nicht Arbeitsplätze ab und kaufen die Dienstleistung von außen ein, sondern machen es umgekehrt: Für die nicht ausgelastete und kostenintensive Schreinerei und Schlosserei werden Aufträge von außen aquiriert, statt Arbeitsplätze im Hause abgebaut. Viele Schwerbehinderte arbeiten in der Firma, „aber nicht weil sie schwerbehindert sind, sondern weil wir gut mit ihnen zurechtkommen“.

Auch über die wirtschaftliche Lage sollen alle informiert sein: Am Schwarzen Brett hängen Infos mit den wichtigsten Zahlen.

Trotz oder wegen dieser sozialen Ausrichtung ist die Flachglas Wernberg GmbH erfolgreich – und mit mehr als 600 Arbeitsplätzen immer noch einer der größten Arbeitgeber in der Region.

Damit wäre es vor ein paar Jahren fast vorbei gewesen. Bis 1999 gehörte der Betrieb noch zu dem englischen Konzern Pilkington und wurde von der Deutschlandzentrale in Gelsenkirchen geführt. 1997 ging es los. Da hatte Betriebsrat Richard Thaller immer öfter „ein komisches Gefühl“ bei den Aufsichtsratssitzungen. Ein verhängnisvoller Satz war gefallen: „Wir wollen uns wieder aufs Kerngeschäft konzentrieren.“ Was das bedeutete, war dem heute 58-Jährigen sofort klar: „Jetzt geht’s um uns!“ Denn Pilkington ist spezialisiert auf die Herstellung von Glas und die Flachglas Wernberg auf die Veredelung.

Dass sie nicht mehr zu den Lieblingswerken des Konzerns gehörten, war schon seit Jahren zu spüren. Pilkington investierte nicht mehr in den Betrieb. Und aus der Konzernzentrale, die die Buchhaltung und das Controlling machte, war zu hören, dass Flachglas Wernberg „ein Nullsummenspiel“ war.

Für die Belegschaft ein Unding: „Wir leisteten gute Arbeit, hatten gute Kunden“, sagt Betriebsrat Thaller. Flachglas Wernberg arbeitet zwar hauptsächlich für die Baubranche, aber gehörte zu den Top-Lieferanten von Seitenscheiben in Zügen und Bussen, Bahnen und Schiffen, unter anderem! Die Auftragsbücher waren voll. „Wir waren und sind Marktführer in Europa.“

Holger Rexhausen, der damals noch Leiter der Autoverglasung war, hat dafür eine einfache Erklärung. „Es ging um die Rendite. Wir schrieben schwarze Zahlen, aber in den Werken in Südafrika und Asien erwirtschaftete der Konzern zweistellige Renditen, damit konnten wir natürlich nicht mithalten.“

Was dann begann, war eine „Achterbahnfahrt der Gefühle“, sagt Thaller. Denn Pilkington wollte verkaufen oder schließen. „Hier in der Region gibt es keine Arbeit, nicht einmal die Jüngeren hätten wieder Arbeit gefunden“, sagt Thaller. Der damalige Werkschef wollte den Betrieb übernehmen, aber die Verhandlungen scheiterten.

An die Mitbewerber wollte Pilkington jedoch auch nicht verkaufen. „Die hätten das Werk nur ausgeschlachtet“, sagt Thaller. Blieb also nur die Schließung – oder … „Der Konzern fragte uns, ob wir die Firma kaufen wollen – für 3,7 Millionen Mark.“ Ohne Grundstücke und Gebäude. Ein toller Gedanke, ein ganz unglaublicher, aber mit welchem Geld? Thaller, Rexhausen und die Kollegen gingen Klinken putzen. Bei Banken und bei Politikern, die alle das Projekt spannend fanden. Dann der Tiefschlag: Die Banken spielten nicht mit. Ihnen war das Finanzierungsmodell zu windig. „Wir, die Mitarbeiter, boten ihnen zu wenig Sicherheiten“, sagt Rexhausen. Und die bayerische Landesregierung konnte keine Bürgschaft übernehmen.

Die Rettung kam dann ausgerechnet von dem Konzern, der die Wernberger eigentlich loswerden wollte: Pilkington bot an, mit 49 Prozent Minderheitseigner zu werden und stattete das Unternehmen mit Kapital aus.

So konnte die frischgebackene eigenständige GmbH den Mitarbeitern ihren Eigenanteil am Kaufpreis als Kredit gewähren.

„Natürlich machte Pilkington das nicht aus reiner Gutmütigkeit“, sagt Rexhausen. „Auch bei der Schließung des Werks hätte der Konzern viel Geld bezahlen müssen.“ Außerdem blieb die Flachglas Wernberg so Abnehmer für das von Pilkington hergestellte Glas. Und: Das Werk zahlt jährlich Miete für Grundstücke und Gebäude. „Trotzdem“, sagt Rexhausen, „ohne Pilkington hätten wir schließen müssen.“

Fast acht Jahre sind inzwischen vergangen. Jeder Mitarbeiter hat seinen Kredit von insgesamt 4800 Mark inzwischen zurückgezahlt. „Finanziert wurde das Ganze über das Vermögensbildungsgesetz und die Arbeitnehmersparzulage“, sagt Thaller. „Wir sind jetzt schuldenfrei.“

Insgesamt 20 Millionen haben die Wernberger in den Betrieb investiert. Eine Halle, die damals leer stand und in der heute moderne Maschinen laufen, gilt als Symbol für den Aufbruch. „Und wir haben noch nicht mal irgendwelche Bankverbindlichkeiten“, sagt Geschäftsführer Rexhausen. Im Ranking der Banken haben die Wernberger eine Bewertung, „nach der sich andere Betriebe die Finger schlecken würden“. Und jetzt, zu Weihnachten, können die Wernberger wieder mal ernten, was sie gesät haben. „Wir wussten nicht, wie das Wirtschaftsjahr 2006 werden würde“, sagt Rexhausen. „Deswegen haben wir ganz vorsichtig kalkuliert.“

Die schon eingeführte 36,25-Stunden-Woche wurde vorübergehend ohne Lohnausgleich wieder zu einer 37,5-Stunden-Woche, und es war nicht klar, ob die Firma das Weihnachtsgeld voll auszahlen konnte. „Aber wir haben es geschafft“, sagt Thaller: Das Weihnachtsgeld kann in voller Höhe gezahlt werden, und die geleisteten Überstunden werden nachbezahlt.“

Aber die Kollegen wissen, dass es auch mal andere Zeiten geben kann. „Wenn wir keinen Gewinn machen, müssen auch wir entlassen“, sagt der Geschäftsführer. „Jetzt allerdings haben wir Erfolg – und das, obwohl die vergangenen Jahre nicht gerade fette Jahre der Branche waren.“

Holger Rexhausen schaut zu Richard Thaller: „Und diesen Erfolg haben wir vor allem deshalb, weil wir alle an einem Strick ziehen – und zwar am selben Ende.“

Birgit Müller

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