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Die Geschichte meines Lebens

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 154/Dezember 2005

Hamburger Journalisten schreiben über die Story, die sie am meisten bewegt oder verändert hat. Teil 1: NDR-Direktorin Maria von Welser über ihre Erfahrungen in Sarajewo und ihr Engagement für bosnische Frauen

(aus Hinz&Kunzt 154/Dezember 2005)

Vor dieser Sendung kann ich kaum schlafen. Vergewaltigung und Vertreibung haben wir diese Ausgabe von ML Mona Lisa, dem Frauenmagazin des ZDF, genannt. Mir gehen die Einstiegsbilder immer wieder durch den Kopf, und die Stimme der Frau, wie sie von ihren mehrfachen Vergewaltigungen durch serbische Soldateska erzählt, im Beisein ihrer ganzen Familie. Ihres Mannes, der Eltern, ihrer Kinder… alle waren dabei. Mussten dabei sein. Sie schildert das sehr drastisch, fast emotionslos. Es läuft einem kalt den Rücken herunter.

Aber von vorne. Sommer 1992. Der heiße Sommer wird wegen seiner vielen schönen Tage auch Jahrhundertsommer genannt. Auf dem Balkan tobt der Krieg. Die Berichte in den Nachrichtensendungen der Fernsehsender ziehen mit ihren grausamen Bildern an uns vorüber. Wir sind es längst gewohnt: Vietnam, Iran, Afrika, gerade auch Irak. Da erscheinen in den Zeitungen erste Berichte von geplanten Massenvergewaltigungen an muslimischen Frauen. Ich lese das, kann es nicht fassen und glauben. Aber Roy Gutman, Ursula Ott oder Alexandra Stigelmayr sind herausragende Journalisten. Wir, die Journalistinnen von ML Mona Lisa, müssen dem nachgehen. Wir schmeißen das Thema am kommenden Sonntag einfach um, eine Kollegin fährt sofort mit dem ersten Team nach Zagreb. Sarajewo ist unerreichbar, noch. Die Stadt ist bereits eingeschlossen. Noch gibt es keine Luftbrücke der Alliierten. Wir versuchen inzwischen für die Sonntagssendung Studiogäste einzuladen. Aber wir bekommen erst mal von allen Politikern Absagen. „Massenvergewaltigungen? Geplant auch noch. Nein, das glauben wir nicht, das ist ja nur Propaganda….keine Zeit, tut uns leid.“

Die ML Mona Lisa-Kollegin ruft inzwischen an: Es stimmt, im Lager vor den Toren Zagrebs sind unter den 700.000 bosnischen Flüchtlingen Hunderte von Frauen, Opfer von Vergewaltigungen.

Jetzt hängen wir uns nochmals ans Telefon, mit noch mehr Druck. Die spätere Justizministerin Herta Däubler-Gmelin sagt zu, die Politikerin Uta Würfel kommt auch, Rupert Neudeck von Cap Anamur und Roy Gutman, der amerikanische Journalist, der über die Gräueltaten in Bosnien berichtet hat. Die Runde steht, und am Morgen entscheide ich mich dann ganz bewusst für den harten Einstieg mit den grauenvollen Aussagen der vergewaltigten Frau.

„Guten Abend“, beginne ich, stockend, „aber – es wird kein guter Abend werden…“ Wir treten mit dieser Sendung eine Lawine los. Ohne dass ich in der Sendung zu Spenden aufrufe, kommen 1,8 Millionen Mark zusammen, auf einem Konto, das wir dann ganz schnell bei der Arbeiterwohlfahrt einrichten. Geld, das, und dafür kann ich mich verbürgen, zu 100 Prozent später bei Hilfsorganisationen für Frauen in Bosnien landet. Mehrfach bin auch ich persönlich mit einem dicken Beutel um den Bauch hinuntergeflogen und habe Geld übergeben.

Als dann Monate später die NATO-Partner eine Luftbrücke in die unverändert hermetisch von Serben eingeschlossene und beschossene Stadt Sarajewo aufgebaut haben, ist die bosnische Hauptstadt mein nächstes Ziel. Zusammen mit meinem ZDF-Kollegen Ruprecht Eser. Wir beide wollen nicht nur eine ML Sonderausgabe an einem Sonntag im Dezember 1993 live aus Sarajewo senden. Nein, der damalige Chefredakteur Klaus Bresser beschließt, den ganzen Tag zu einem Spendentag für die Menschen in der eingeschlossenen Stadt umzuwidmen. Zehn Stunden Programm für die 300.000 Menschen in Sarajewo. Der Titel: „Sarajewo muss leben“.

Die einzelnen Länder haben sich inzwischen mit ihren Transport-Flugzeugen auf der anderen Seite der Adria positioniert: in Falconara starten die britischen, französischen, norwegischen und deutschen Maschinen mit Hilfsgütern. Ein Himmelfahrtskommando, denn die Serben lieben es, den Flughafen Sarajewo besonders dann zu beschießen, wenn gerade wieder Decken oder Lebensmittel ausgeladen werden.

Wir wollen mit der deutschen Bundeswehr in die Stadt: Zwei Kamerateams, ergänzt von der ständigen Besatzung dort, zwei Reporter, eine Producerin. Jeder versorgt mit Lebensmitteln, warmer Kleidung, einem Schlafsack und einer kugelsicheren Weste… Aber erst einmal heißt es warten. Denn in Sarajewo ist Nebel, und gerade hatten die Serben einer norwegischen Maschine den Tragflügel abgeschossen. In ungemütlichen Metall-Containern serviert uns der Kommando-führende deutsche Oberstleutnant Kaffee in Plastikbechern. Er spürt unsere Unruhe – nur noch sechs Drehtage bis zur großen Live-Sendung. Und wir hier auf der anderen Adria-Seite…

Wir verhandeln auch mit den Briten, deren Sicherheitsbestimmungen nicht so streng sind wie die der deutschen Luftwaffe. Am späten Nachmittag dann die gute Nachricht: Wir packen die Paletten und unsere Rucksäcke – es geht los.

Nach einer atemberaubenden steilen Landung über den Berg Igman hinunter auf den Flughafen wissen wir: Sachen packen und rennen, rennen. Denn im Tower sitzen die serbischen Sniper-Schützen. Und schon damals ging das Gerücht, dass jeder abgeschossene Journalist 1000 Dollar wert sei. Wir also im Lauftempo hinter die ersten schützenden Sandsack-Wände. Geglückt.

Noch zigmale werden wir in den kommenden Tagen über Sandsäcke froh sein. Als Schutz vor Granaten und Raketen. Wenn wir mit unseren gepanzerten Autos unterwegs sind, dürfen wir dennoch die erste Regel nicht vergessen: immer rasend schnell auf den Strassen fahren, nie anhalten und möglichst vor dem Ausgehverbot wieder in einem Haus sein.

Sarajewo ist kalt, dunkel und vom Schnee überzuckert. In der Nacht sehen wir wenigstens nicht die zerstörten Gebäude. Unser Hotel heißt zwar Holiday Inn, gleicht aber nicht mehr im entferntesten anderen Häusern dieser Kette. Die oberen Stockwerke – allesamt zerschossen. Unten gibt es zwar noch Fensterscheiben. Aber auch da sollen wir lieber mit unseren Schlafsäcken am Boden und hinter dem Bett liegen, das ist einfach sicherer. Heizung? Fehlanzeige. Schnee dafür auch in den Hausfluren und Treppenaufgängen. Wasser – nur wenn die Serben geruhen, die Wasserleitung für die Stadt kurz mal zu öffnen. Meistens geschieht das nachts um vier Uhr. Da muss man dann sofort raus aus dem Schlafsack und in der Badewanne das kostbare Nass sammeln. Für den Toiletten-Eimer zum Beispiel. Seit dieser Zeit in Sarajewo weiß ich auch, dass man genau vier Liter Wasser zum Haare waschen benötigt – kaltes, versteht sich.

Das einzig Warme ist dort jeden Morgen im ebenfalls zerschossenen Rundfunkgebäude das Brot. Wie es die Menschen in diesem Hexenkessel immer wieder geschafft haben, Brot zu backen, weiß ich bis heute nicht. Denn jeder Baum, jeder Ast in und um die Stadt dient auch in diesem zweiten Kriegswinter als Brennholz.

Wir beginnen mit den Dreharbeiten. Unsere einheimischen Producer haben schon mit Menschen gesprochen, die uns vor der Kamera aus dem Alltag einer Stadt im Krieg erzählen wollen: die alleinerziehende Mutter im sechsten Stock, die kein Geld mehr hat, um Holz zum Heizen zu kaufen. Der Arm voll kostet allerdings auch 25 Dollar. Oder der Klinikchef, der keine Medikamente für die Verletzten und Kranken mehr hat. Es fehlt am Nötigsten. Die Geschichten gehen uns an die Nieren. Nur hohe Professionalität hilft beim Dreh und beim Schnitt. Auch unsere Kameramänner werden immer stiller.

Bewunderungswürdig die Haltung und der Mut der Menschen in Sarajewo. Alle fünf bis sieben Minuten schlägt irgendwo um uns herum eine Granate ein, surrt ein Sniper-Geschoss durch die Straßen, explodiert eine Bombe auf dem Marktplatz. Wo die hungernden Menschen unter den wenigen Gemüsen noch etwas für ihren Kochtopf suchen. Ich begreife, dass Geschosse lila-pinkfarben leuchten, dass nahe Granaten nicht mehr zu hören sind und dass wir Menschen allgemein viel aushalten können. Die Sendung entsteht auch unter diesen Bedingungen.

Unsere kugelsicheren Westen haben wir längst abgelegt. Schließlich sind unsere Interviewpartner auch nicht geschützt. Wir funktionieren alle, schlafen schlecht und ernähren uns von starkem Kaffee – den es erstaunlicherweise immer gibt – und rauchen mit den Bosniern mit.

Wir wissen, dass wir wieder wegfliegen werden. Dass wir alle hier zurücklassen in diesem Tollhaus. Eingekesselt von Serben. Angewiesen auf die Hilfsflüge der Alliierten. Und auf gutes Wetter, damit die Maschinen auch landen können.

Am letzten Tag, vor der letzten Live-Sendung, organisieren unsere bosnischen Freunde Alkohol und Pizza. Wir alle wollen feiern. Aber einer unserer Kameramänner wird beim „Organisieren“ samt bosnischem Kollegen und gepanzertem Wagen von Serben gestoppt, zusammengeschlagen und eingesperrt.

Die Stimmung ist verzweifelt. Wie sollen wir den Kollegen noch herausbekommen? Wir ahnen, dass es nur über diplomatische Wege und damals noch Bonn und das Außenministerium gehen kann. Aber morgen um 11 Uhr will ja eine Transall von der Bundeswehr in Sarajewo landen und uns mitnehmen. Der Produktionsleiter bleibt zurück, wir laufen wieder über das Flugfeld zur Maschine. Raus aus dem Kessel. Unser Kollege kommt vor Weihnachten frei, aber 300.000 Menschen bleiben zurück.

Vielen können wir später von Deutschland aus helfen, Ruprecht Eser und ich. Als zwei Jahre später das Abkommen von Dayton unterschrieben wird, fallen wir beide uns in die Arme. Ich habe inzwischen den in Falconara kommandoführenden Oberstleutnant der Luftwaffe geheiratet. Und der ehemalige Ministerpräsident der Polen, Tadeusz Mazowiecki, bewies als UNO-Sonderberichterstatter in einer detaillierten Recherche, dass tatsächlich 50.000 Frauen in diesem Krieg von serbischen Soldaten vergewaltigt und missbraucht worden sind. Die Täter stehen inzwischen in Den Haag vor Gericht. Die Opfer versuchen, Normalität zu leben, die meisten im Ausland, weil sie die Heimat und ihre Geschichte nicht mehr ertragen können.

Das Schicksal der Frauen in Bosnien hat mich nie mehr losgelassen. Es freut mich, wenn heute noch Post kommt, aus Kanada oder Wien, aus Mostar oder sogar Sarajewo. Weil dieser Krieg und seine Folgen ein Leben lang verbindet. Die Reporterin, die darüber berichtete. Die Frauen, die ihr davon erzählt haben.

Maria von Welser, Jahrgang 1946, leitet seit Juni 2003 als Direktorin das NDR-Landesfunkhaus in Hamburg, nachdem sie zuvor zwei Jahre Chefin des ZDF-Studios in London war. Die bekannte Journalistin leitete und moderierte unter anderem das Frauenjournal „ML Mona Lisa“ im ZDF.

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