Die Geschichte meines Lebens

Hamburger Journalisten schreiben über die Reportage, die sie am meisten bewegt oder verändert hat.

(aus Hinz&Kunzt 158/April 2006)

Teil 4 : NDR-Chefreporter Christoph Lütgert über einen mutigen chinesischen Anwalt, der für die kleinen Leute kämpft und sich mit dem Staat anlegt

In vielen Ländern der Erde habe ich gedreht, vielen Menschen bin ich begegnet, aber nur wenige haben mich so tief und nachhaltig beeindruckt wie Zhou Litai, dieser mutige Anwalt aus der chinesischen Millionenstadt Chongquing. Man kann ihn einen Helden nennen.

Als wir bei Zhou Litai anrufen und ihn fragen, ob wir bei und mit ihm Fernsehaufnahmen machen dürfen, ist der hocherfreut. Das deutsche Fernsehen möge kommen. Reporter aus Amerika, Kanada, Australien seien auch schon da gewesen. Je prominenter er werde, umso besser für ihn und seine Mandanten. Seine Bekanntheit sei der einzige Schutz gegen das korrupte politische System und gegen die Unternehmer, die ihn immer wieder unter Druck setzen und sogar bedrohen.

Im 13. Stock eines hässlichen Hochhauses im Millionen-Moloch Chongquing arbeitet und wohnt der Anwalt. Schon bei der Begrüßung merken wir, dass wir es mit einem Besessenen zu tun haben. Die Möbel der Kanzlei verschlissen. Zwei nebeneinander liegende Büros hat Zhou Litai gemietet. In den insgesamt zehn Räumen arbeiten, essen und hausen er und 14 blutjunge Anwälte, frischgebackene Absolventen von der Uni. „Erfahrene Juristen könnte ich nicht bezahlen.“ Umgerechnet 200 Euro Monatslohn, außerdem karge Kost und eine Schlafstatt in Drei- oder Vier-Bett-Zimmern, das ist die ganze Bezahlung. Die Anwaltskanzlei eine große und chaotische Wohngemeinschaft. Lange bleiben von den angestellten Juristen nur wenige. Die meisten gehen schnell wieder, wollen als wohlbestallte Anwälte woanders mehr Geld verdienen, denn der Kampf für die ganz unten in China wirft wenig ab. Und Zhou Litai kämpft nur für die ganz unten, ist deren letzte Hoffnung: Arbeitslose, verarmte Bauern, Opfer von Behördenwillkür, Kranke und Krüppel, die ohne seine Hilfe in China verkommen oder gar verrecken würden.

Wie etwa der 27-jährige Zhang Nan, den wir in seinem kleinen südchinesische Dorf Xin He besuchen. Er lebt hier bei seinen Eltern, Bauern, und dem 83-jährigen Großvater. Nan hat eine traurige Geschichte zu erzählen. Dabei sah bis vor kurzem alles noch so gut aus. Das zweigeschossige Beton-Haus mit den typischen weißen Kacheln an der Außenwand ist gerade fertig geworden. Die Eltern hatten es mit Hilfe der Nachbarn gebaut. Bald sollte auch Nan hier einziehen, mit seiner Frau. Die Hochzeit war schon geplant. Dann aber ist die Braut weggelaufen. Sie will Nan nicht mehr, denn der ist jetzt behindert und arbeitslos.

In einer Fabrik für Motorrad-Teile, hatte der 27-Jährige Bleche zugeschnitten. Die Stanze war veraltet, hatte keine Sicherung. So passierte es, dass Nans rechte Hand von dem auf- und absausenden Stempel zertrümmert wurde, regelrecht auseinandergerissen. Im Krankenhaus der nächsten Stadt flickten die Ärzte die Hand wieder zusammen. Sie bleibt verkrüppelt, die Finger sind gekrümmt, ohne Gefühl. Nan kann sie nie mehr bewegen. Der Fabrikdirektor schickte einen Anwalt vorbei, der ließ einen Umschlag mit umgerechnet 2000 Euro zurück. Das sollte es gewesen sein. Typisch für den chinesischen Brutal-Kapitalismus, in dem eine Hand oder ein ganzes Leben oft noch weniger wert ist.

Wie Nans Familie von Rechtsanwalt Zhou Litai erfuhr, weiß sie selbst nicht mehr. Jedenfalls machten sich Eltern und Sohn auf in die fünf Bahnstunden entfernte Millionenstadt Chongquing. Dort sprachen sie bei dem Anwalt vor, der übernahm Zhang Nans Fall und holte in einem Prozess gegen die Fabrik für den jungen Mann am Ende 11.000 Euro raus.

Zurück nach Chongquing in Zhou Litais Kanzlei. Im Flur hocken sie dicht an dicht, die Mandanten des außergewöhnlichen Anwalts. Aus allen Teilen des Riesenreiches sind sie angereist, manche tagelang. „Ich bin der einzige Anwalt in China, der diesen Menschen hilft“, sagt der Zhou Litai stolz. Und die, die stundenlang geduldig warten, singen das Hohe Lied auf den mutigen Juristen. „Er steht für Gerechtigkeit, und er ist unglaublich fähig“, schwärmt ein schmächtiger Arbeiter, dem sein Fabrikbesitzer einfach keinen Lohn mehr zahlt. „Gerichte und Unternehmer stecken hier doch unter einer Decke. Alleine hast du da keine Chance. Aber Zhou ist mutig, er wagt es, die Dinge beim Namen zu nennen und für uns zu kämpfen.“

Zhou Litais Büro, ein quadratischer Raum, der mit alten Möbeln ist. Und wo noch Platz ist, stehen Mandanten, immer zwölf bis 15, und warten, bis sie ihr Anliegen vortragen können. Kein Platz für Intimität oder Diskretion. Jeder hört und sieht jedem zu. Ein junger Mann, Opfer eines furchtbaren Arbeitsunfalls, wird von seiner Mutter vorgeführt. Anwalt Zhou hilft ihm, das Hemd abzulegen. Und dann steht Jian da, mit schmächtigem nackten Oberkörper, beide Arme jeweils an der Schulter ausgerissen. Es war in einer kleinen Ziegelfabrik passiert, in der Jian für umgerechnet 18 Euro Monatslohn gearbeitet hatte. Hände und Arme waren in das ungesicherte Förderband geraten. Seit Jahren kämpft der junge Mann – bislang vergeblich – um eine angemessene Entschädigung. Anwalt Zhou nimmt auch diesen Fall zu den 2000 anderen, die er zurzeit bearbeitet.

Stück für Stück, Schritt für Schritt trotzt der Anwalt aus Chongquing dem brutalen und menschenverachtenden chinesischen Wirtschaftssystem Zugeständnisse für die Ärmsten der Armen ab. Tausende Prozesse hat er gewonnen. „Ich habe schon einiges erreicht in den letzten Jahren. Früher gab es für einen ausgerissenen Arm vielleicht 30.000 Yuan – das sind 3000 Euro. Heute kann man mit mindestens dem Zehnfachen rechnen.“

An sieben Tagen in der Woche schuftet er in seiner ungemütlichen Kanzlei oder er hetzt durch ganz China, ist geachtet, gefürchtet und verhasst bei den Gerichten in allen Teilen des Landes. Sein Erfolgsrezept wirkt simpel: „China hat vernünftige Gesetze, die den Arbeiter schützen“, sagt er. „Großenteils haben wir sie aus Deutschland übernommen. Nur werden die Gesetze in unserem korrupten System ständig missachtet. Ich bestehe einfach darauf, dass die Normen eingehalten werden.“

Doch das System schlägt zurück. Perfide nutzt es den Anstand des Anwalts, der von seinen Mandanten nur dann ein Honorar verlangt, wenn ein Prozess gewonnen wurde. Immer wieder stiften Regierungsbeamte und Abgesandte von Unternehmen die Mandanten von Zhou Litai an, nach gewonnenen Prozessen die Abfindung zu kassieren, dann ganz schnell zu verschwinden und nichts zu zahlen. In dem großen unüberschaubaren China ist das ohne weiteres möglich. In den seltenen Fällen, in denen Zhou doch noch versucht, vor Gericht sein Honorar zu erstreiten, wird er in der staatlich gelenkten Presse als der Anwalt diffamiert, der gegen seine eigenen Klienten prozessiert.

„Ich soll ausgehungert werden“, schimpft Zhou Litai. „Bisher haben etwa 600 Mandanten ihr Honorar nicht gezahlt. Der Schaden geht in die Hunderttausende. Ende vorigen Jahres konnte ich meinen angestellten Anwälten kein Gehalt mehr geben. Schon sechsmal wurde uns das Telefon abgeklemmt, weil ich die Rechnung nicht bezahlt hatte. Ich musste mich vor der Hausverwaltung verstecken, weil ich auch der Geld schuldete, und die Bank verklagte mich auf rückständige Zinszahlungen.“

Zum Abschluss unserer Dreharbeiten für die ARD haben wir Zhou Litai in einem Restaurant seiner Heimatstadt zum Essen eingeladen. Wie er die Nudeln, Gemüse und Innereien in sich reinschaufelte, wie er schmatzte, schlürfte und schwitzte; man könnte ihn einen Proleten nennen. Er ist einer, der von dort kommt, woher die kommen, für die er heute kämpft – von ganz unten. Auch Zhou Litai hat in einer kleinen, primitiven Ziegelfabrik in der Provinz gearbeitet. Ausbeutung und Unterdrückung, unter der hunderte Millionen Chinesen noch heute leiden, hat er am eigenen Leib erfahren. Nachts und am Wochenende brachte er sich die Juristerei im Selbststudium bei. Er wolle einer würdelosen Gesellschaft ein Stück Würde geben, sagt er uns; Zhou Litai, ein Mann, der für andere schon viel und für sich verdammt wenig erreicht hat – im Privaten könnte man ihn eine gescheiterte Existenz nennen: ständig am Rand der finanziellen Pleite, dreimal geschieden, weil keine seiner Frauen das Leben mit Bedrohung, in Hektik und Armut ausgehalten hat.

Nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte und mit dem Kamera- und dem Tonmann im Auto auf dem Weg zum Flughafen saß, schoss mir diese Frage durch den Kopf, die ich mir nach solchen Begegnungen immer wieder stelle: „Welche Rolle spielst du selbst? Du beobachtest Helden, berichtest über sie, zeigst vielleicht auch Bewunderung, stehst aber in sicherer Position eigentlich immer abseits.“ Ich weiß nicht einmal, ob darin Selbstkritik steckt oder ob das am Ende eines Jahrzehnte währenden Berufslebens die Beschreibung dessen ist, was nicht anders sein kann. Und in solchen Momenten entsteht immer wieder eine Szene vor meinem geistigen Auge, die mich nicht loslässt…

Es war vor fünf, sechs Jahren auf der indonesischen Insel Ambon, einer der legendären Gewürzinseln. Zwischen Christen und Moslems tobte dort ein Krieg, den die Fanatiker auch noch heilig nannten. Nacht für Nacht setzten fanatische Moslems christliche Dörfer in Brand, und aufgebrachte Christen fackelten moslemische Siedlungen ab. Darüber sollte ich berichten. Gleich am Flughafen von Ambon hatten das Kamerateam und ich uns zu unserem Schutz einen indonesischen Soldaten „gemietet“ – fast wie im Film für die sprichwörtliche „Hand voll Dollars“.

Mit entsicherter Maschinenpistole saß unser Söldner vorne auf dem Beifahrersitz des gemieteten Vans. Der Lauf seiner Waffe ragte aus dem halb geöffneten Seitenfenster. Das sollte wohl Eindruck machen. Nach wenigen Kilometern näherten wir uns einer Kreuzung. Auf der umringten triumphierend grölende Männer (waren es Moslems, waren es Christen?) ein blutendes Opfer der feindlichen Glaubensrichtung, das am Boden lag, schwer atmete und aus dem aufgeschlitzten Bauch heftig blutete. Der Mann, der sich dorthin verirrt haben musste, war zweifellos massakriert worden. Geradezu panisch schrie unser Soldat den Fahrer an: „Gib Gas, gib Gas!“ Wir umkurvten die fanatisierte Menge, jagten über die Kreuzung und sahen, als wir uns umdrehten, noch einmal den abgeschlachteten Mann, wie er sich – umringt von jubelnden Peinigern – in seinem Blut wälzte.

Wir hätten diesen Menschen wohl kaum retten können, hätten wir angehalten. Im Gegenteil: Wahrscheinlich wären wir auch gelyncht worden. – Hätten, wäre, hätten … In diesem Augenblick haben wir nicht einmal nachgedacht, haben nur alles daran gesetzt, unsere eigene Haut zu retten. Das schreckliche Erlebnis von Ambon, an das ich oft zurückdenken muss, und eine Begegnung wie die mit dem Anwalt Zhou Litai zwingen mir das Eingeständnis ab: Ich bin manchen Helden begegnet und ihnen doch so fern geblieben.

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