Bauwagenplatz „Hotel California“

Gutes Leben, selbst gemacht: Ein Dutzend Menschen bastelt auf dem Bauwagenplatz „Hotel California“ in Norderstedt an seiner eigenen Vision vom schönen Wohnen. Unser Fotograf Mauricio Bustamante hat die bunten Wagen und ihre Bewohner besucht und ein echtes Idyll entdeckt.

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

Weiter weg vom Trubel der Großstadt kann man in 40 Minuten Fahrzeit kaum kommen. Wer in den holperigen Feldweg einbiegt und den Schlagbaum aus Holz hinter sich lässt, betritt eine eigene kleine Welt: Zwischen Pferdewiesen und rauschenden Kornfeldern stehen zwanzig Bauwagen, bunt bemalt und phantasievoll eingerichtet. Die Bewohner grüßen freundlich, von irgendwo schallen Musik und Hammerschläge herüber. Fünf Hunde wuseln herum und beschnüffeln die ungewohnten Gäste. Simon, der seit zwei Jahren hier lebt, hält genießerisch sein Gesicht in die Sonne. „Das Leben ist schön hier“, findet er.

210-Bauwagen
Seit 13 Jahren gibt es das „Hotel California“, den Bauwagenplatz in Norderstedt. Anfangs waren da zehn Menschen, die dem Leben zwischen Beton und Backstein entfliehen wollten und
ihre Wagen immer wieder an wechselnden Orten aufbauten. Damals gab es viele Diskussionen, weil sich mancher Bürger an den Bauwagen störte. Jetzt ist der Platz schon lange im Nordwesten der Stadt zu Hause, von den ursprünglichen Bewohnern lebt niemand mehr hier. Dafür wohnt momentan ein Dutzend Menschen zwischen 20 und 41 Jahren auf dem Platz: Studenten, Angestellte, Azubis, Hartz-IV-Empfänger.
Sie suchen ein alternatives Leben, das weniger von Konsum und mehr vom Wechsel der Jahreszeiten geprägt ist. Sie wollen einen Ort, den sie selbst gestalten können. „Wir sind alle sehr unterschiedlich, aber darin sind wir uns einig“, sagt Simon. Gemeinschaft, große Zufriedenheit und himmlische Ruhe gibt es reichlich auf dem Platz, materiellen Luxus eher wenig: Geheizt wird mit Holz,
gekocht mit Gas, ein bisschen Strom kommt aus Solarmodulen. Es ist ein einfaches Leben. „Im Bauwagen zu wohnen ist eben eine Lebenseinstellung“, sagt ein anderer Bewohner. „Aber auch eine politische Entscheidung“, ergänzt ein dritter.
Als politische Projekte waren Bauwagenplätze lange ein Top-Thema in Hamburg: Nachdem der Senat aus CDU und Schill-Partei 2001 die Regierung übernommen hatte, beschloss der neue Innensenator Ronald Schill, dass für alternative Lebensentwürfe auf Rädern kein Platz mehr sein sollte. Die Räumungen der Wagenplätze „Bambule“ und „Wendebecken“ im Herbst 2002 und Sommer 2004 wurden mit massiven Polizeieinsätzen durchgedrückt, die Bewohner und ihre Sympathisanten
demonstrierten monatelang dagegen. Hamburg war in Aufruhr, „Bambule“ wurde zu einem Schlagwort für die Kritik am Senat und am Senator Schill.
Heute ist es um die bunten Wagen ruhiger geworden, akzeptiert ist diese Lebensweise aber immer noch nicht. Es gibt derzeit noch sechs Bauwagenplätze in Hamburg, die aber ständig um ihre Zukunft bangen müssen und meist lange Wartelisten für neue Mitbewohner haben. Die ehemaligen Bewohner der „Bambule“ suchen immer noch nach einem neuen Platz – im November 2009 haben sie unter dem Motto „Sieben Jahre Bordsteinkante sind genug“ zum wiederholten Mal für eine Ersatzfläche demonstriert.

Text: Hanning Voigts

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