Film

Die Apple Stories

Die Entdeckungsreise des Hamburger Filmemachers Rasmus Gerlach rund um den Kult und die Herstellungsbedingungen von iPhones.

(aus Hinz&Kunzt 250/Dezember 2013)

Filmemacher Rasmus Gerlach (links) besuchte die Handy-Doktoren, weil er ein kaputtes iPhone geschickt bekam. Die Geschichten, die ihm die Fachleute über die Produktion von iPhones erzählten, machten ihn neugierig. Mithilfe der Kontakte der Handy-Doktoren reiste er nach Afrika und China.
Filmemacher Rasmus Gerlach (links) besuchte die Handy-Doktoren, weil er ein kaputtes iPhone geschickt bekam. Die Geschichten, die ihm die Fachleute über die Produktion von iPhones erzählten, machten ihn neugierig. Mithilfe der Kontakte der Handy-Doktoren reiste er nach Afrika und China.

Meistens ist es so, dass mir eine Geschichte ins Haus schwirrt“, sagt der Hamburger Filmemacher Rasmus Gerlach. Aber eigentlich meint er das im übertragenen Sinne. Bislang wurde ihm eine Geschichte jedenfalls noch nie direkt ins Haus geschickt. Schon gar nicht in Form eines echten Paketes. Und das enthielt ein funkelnagelneues iPhone. Bestellt hatte er es nicht. Ein Werbegeschenk? Ein Irrläufer? Er wusste es nicht – und ein Absender stand auch nicht drauf. Das Problem: Das Handy funktionierte nicht. Ein Grund für den St. Paulianer, wieder mal seine Freunde, die Handy-Doktoren, zu besuchen. Was er damals nicht ahnte, war, dass es der Beginn einer Entdeckungsreise werden würde, die ihn in Sachen Apple und iPhone von Hamburg aus rund um die Welt führen würde. Daraus entstand Gerlachs Film „Apple Stories“.

Denn die Handy-Doktoren , die Familie Cöloglu und Steffen Wendelborn erzählten Rasmus Gerlach „schlimme Geschichten, die sich hinter dem Kultprodukt verbergen“. Natürlich werden auch andere Handys und Tablets unter fragwürdigen Umständen hergestellt. „Wobei die Bedingungen bei Apple besonders krass sein sollen und der Konzern sehr hohe Profite erzielt“, sagt der 50-Jährige. „Apple hat also keine faule Ausrede, warum sich nichts verbessern könnte.“ Erste Station der Reise ist natürlich der Apple-Store am Jungfernstieg: Gerlach ist dabei, als das neue iPhone 5 auf den Markt kommt. Draußen Aufregung, die Fans stehen schon in der Nacht davor Schlange. Jeder wird fotografiert und mit einer Nummer ­versehen. Datenschutz – nein danke! Damit will der Konzern ­sicherstellen, dass er nachher keinen Ärger kriegt, wenn Fotos der Fans veröffentlicht werden.

„Apple ist sehr stolz auf eine industrietechnische Innovation, die darin besteht, dass sie die kaputten iPhones wieder zurück in die Orte ihrer Herstellung schicken.“

Persönlichkeitsrechte spielen auch im Kult-Store keine Rolle. Die Mitarbeiter dürfen sich nicht öffentlich äußern. Damit Kunden und Personal nichts mitgehen lassen und alles unter Kontrolle ist, werden sie per Kamera überwacht – die Mitarbeiter sogar in den Umkleidekabinen. Sie müssen im Arbeitsvertrag ihrer Überwachung zustimmen.

Ein lokales Fernsehteam filmt draußen die aufgeregte Menge – das neue iPhone ist eine News wert. Kritisch nachgefragt wird nicht. Denn Apple ist ja eigentlich megacool und für viele nicht irgendein Hersteller – die Marke ist Kult.

01_HK250_INDer Konzern pflegt das Image: Was bei anderen einfach Reparatur- oder Servicestation heißt, ist am Jungfernstieg die „Genius Bar“. Hier werden Handys repariert, sofern sie nicht eingeschickt werden müssen – Letzteres ist wohl oft der Fall. Rasmus Gerlach: „Apple ist sehr stolz auf eine industrietechnische Innovation, die darin besteht, dass sie die kaputten iPhones wieder zurück in die Orte ihrer Herstellung schicken. Dort werden sie robotergestützt zerlegt“, sagt der Filmemacher. „Das war ein alter Traum von Steve Jobs, der wollte schon immer die menschenleere Fabrik. Im Bereich der Zerlegung der Telefone ist das weitgehend gelungen, da ist kein Mensch mehr zu sehen. Die Roboter sind gut im Zerlegen. Und sie sortieren die kleinen Displays und Schräubchen in Schubladen, das kann man dann wieder neu verwenden.“

Dass er nach China, Ruanda und Ägypten reisen will, ist ihm schnell klar, nachdem ihm die Handy-Doktoren erzählt haben, welche Landstriche mit dem iPhone zu tun haben. „Die Handy-Doktoren sind weltweit vernetzt“, erfährt der Filmemacher. „Ich habe nach dem Schneeballprinzip ­gedreht, immer hat mich einer an den anderen weiterempfohlen.“ Viel Geld hatte er für sein Projekt nicht. „Aber wir sind in Gegenden gereist, wo man nur wenig Geld ausgeben kann“, sagt Gerlach. „Und ich bin überall auf extreme Gastfreundschaft gestoßen!“

Arbeitsschutzmaßnahmen gibt’s in der Zinnmine in Ruanda wenig.

Berührend der Dreh in Ruanda, wo er eine Zinnmine besucht. Dort wird aus dem Stein Kassiterit Zinn gewonnen, der für die Produktion von iPhones wichtig ist. Man fragt sich, wie Gerlach überhaupt die Drehgenehmigung erhalten hat. Denn für jeden Laien ist erkennbar: Arbeitsschutzmaßnahmen gibt’s hier wenig. Die meisten tragen nur Flipflops und T-Shirts. Wie Fremdkörper wirken da die paar Schutzhelme. „Warum trägst du keinen Schutzhelm?“, fragt Minenkontrolleur Anthony Kobelinka die Arbeiter streng. Ihre Antworten sagen alles: Weil sie zu klein sind, weil sie nicht passen … Vielleicht sind die Helme sogar erst für den deutschen Besuch angeschafft worden. Die Arbeit unter Tage ist so gefährlich und ungesund, dass es oft Arbeitsunfälle gibt, auch tödliche. Die meisten Arbeiter sind nicht älter als 30 Jahre. Bezahlt wird auch für ruandische Verhältnisse schlecht. Eine Bergarbeiterin erzählt, dass sie nur deshalb mit ihrem Verdienst über die Runden kommt, weil sie nebenbei Bäuerin ist.

Auch dem Minenbesitzer muss klar sein, dass die Verhältnisse nicht gerade in eine positive Berichterstattung münden können. Warum lässt er Gerlach kommen? „Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen überall glücklich waren, weil sich jemand für ihre Probleme interessiert“, vermutet er. ­Außerdem hat die Mine alte Forderungen an die ehemaligen Minenbesitzer – und die sitzen in Deutschland. Das Ganze ist zwar Jahrzehnte her, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Die deutsche Firma wiederum ist ebenfalls Zulieferer von Apple.

In China gelingt es Gerlach sogar, in der berühmt-berüchtigten Fabrik von Foxconn zu drehen. Der Zulieferer geriet in die Schlagzeilen, weil der Druck auf die Arbeiter so hoch war, die Arbeits- und Wohnbedingungen so schlecht, dass es zu Massenprotesten in der Fabrik kam, zu Schlägereien und zu Selbstmorden von Mitarbeitern. Foxconn hat die Arbeitsbedingungen inzwischen verbessert und zahlt höhere Löhne. Unglaublich: Apple hat, aber da war der Film schon abgedreht, die Produktion eines neuen Handys an eine andere Firma vergeben, die noch billiger produzieren soll.

„Mal sehen, ob der Film zum Umdenken führt.“

Überraschend ein weiterer Dreh in China: Es gibt riesige Fabriken, in denen Produktpiraten Apple-Displays fälschen. „Wir mussten den Fabrikbesitzern versprechen, dass wir nicht sagen, wo die Fabrik ist. Und wir mussten unsere Smart-Phones abschalten, damit wir keine Ortung vornehmen können“, sagt Rasmus Gerlach. Sie selbst wurden über Stunden durch die Gegend gefahren, damit sie die Orientierung verlieren sollten. Ernüchterndes Rechercheergebnis: „Die Arbeiter verdienen in den Fabriken der Produktpiraten zwar ein bisschen mehr, aber auch nicht viel mehr Geld.“

Am beeindruckendsten, weil es ihm neu war, fand der ­Filmemacher die Dreharbeiten in Ägypten auf einer Müll­kippe für Handyleichen. Der riesige stinkende Müllberg oberhalb von Kairo wird von christlichen Kopten, die in Ägypten diskriminiert und bedroht werden, selbst verwaltet. Gerade da fühlte sich Gerlach besonders freundlich aufgenommen. „Die Kopten honorieren es stark, wenn ein Fremder es wagt, mal zu ihnen zu gehen.“

Sein Film „Apple Stories“ hatte durchaus Konsequenzen. Nach seiner Ausstrahlung bei Phönix hat sich in der Filiale am Jungfernstieg ein Betriebsrat gegründet, sagt Gerlach. Und in diesem Monat wird sein Film in vier Weltsprachen ausgestrahlt. „Mal sehen, ob das zum Umdenken führt.“ Bisher habe die Kritik Apple anscheinend noch keine Umsatzeinbußen beschert. Er befürchtet: „Erst wenn das passiert, ist es Zeit für Apple, über Veränderungen nachzudenken.“

Inzwischen arbeitet Rasmus Gerlach an einem neuen Projekt. Er hat einen Film über „Lampedusa auf St. Pauli“ gedreht und die Flüchtlinge, die in der St.-Pauli-Kirche schliefen, über Monate mit der Kamera begleitet. „Ich hätte mich nie auf die Flüchtlinge in meiner Nachbarschaft eingelassen, wenn ich nicht gesehen hätte, unter welchen Umständen Menschen in den Zinnminen leben und arbeiten müssen. Und ich kann seitdem viel besser verstehen, wenn einer sagt: ,Ich breche jetzt auf Richtung Norden!‘“

Text: Birgit Müller
Foto: Dmitrij Leltschuk

„Apple Stories“, 17.12., Abaton, Allende-Platz, 19 Uhr; „Lampedusa auf St. Pauli“, 13.12., Zinnschmelze, Maurienstr. 19, 21 Uhr; 19.12.,3001 Kino, Schanzenstr. 75, 18 Uhr, Rasmus Gerlach ist anwesend

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