Die Acht in der Hüfte

Strip-Unterricht für „Jederfrau“: Erlebnisse im Keller eines Farmsener Reihenhauses

(aus Hinz&Kunzt 168/Februar 2007, Jugendausgabe)

Gabi bringt alles mit, wovon „Mann“ träumt: Sie ist knackige 20 Jahre jung, schlank, blond und trotz des winterlichen Hamburger Schmuddelwetters angenehm leicht gebräunt – und sie lernt gerade, wie sie sich Hüften schwingend nach und nach ihre Politessenuniform auszieht. Bis sie nur noch im String dasteht.

Gabi will professionelle Stripperin werden. Und Gabi scheint kein Problem damit zu haben, sich vor Publikum zu enthüllen. Ich hingegen schon. Meine ersten Gedanken, die mir beim Wort „Ausziehen“ in den Sinn kommen, sind 1. meine Speckröllchen, die sich um meine Bauchpartie ziehen, 2. meine Oberschenkel, inklusive des angrenzenden Pobereichs, die in den letzen Jahren immer mehr an Apfelsinen erinnern, und 3. meine Waden, die dank Erbgut und Sportmangel mehr Krampfadern als die Beine meiner Mutter aufweisen. Die Vorstellung, diese Partien meines Körpers vor einem Dutzend Männern zur Schau zu stellen, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn.

Und trotzdem stehe auch ich ein paar Tage später am gleichen Ort wie Gabi und erlerne das Strippen. Denn im Keller ihres Farmsener Reihenhauses bringt die ehemalige Stripperin Kirstin Eggers (32) nicht nur angehenden Profi-„Tänzerinnen“ wie Gabi, sondern auch sogenannten „Jederfrauen“ in Einzelkursen die Kunst des Striptease bei – Frauen, die nicht perfekt aussehen oder die sich im typischen Alter befinden, in dem bestimmte Körperregionen zu hängen beginnen.

So wie die 37-jährige Anna-Rita aus der Nähe von Frankfurt, die in einem mittelständischen Unternehmen als Prokuristin für Personal und Controlling zuständig ist. Nach 18 Jahren Ehe will sie etwas Verrücktes ausprobieren und ihrem Mann eine Freude machen. „Nach so vielen Jahren muss man immer wieder auf den anderen eingehen und versuchen, seine Wünsche zu erfüllen. Das Schlimmste ist, wenn sich Routine einschleicht.“ Auf ihrer Internetsuche nach Striptease-Unterricht stieß sie auf die Seite von Kirstin Eggers und ihrem Ehemann Eckhard. Für 180 Euro bieten die beiden, die selbst jahrelang gestrippt haben, die zwölfstündigen „Jederfrauen“-Kurse in ihrem Farmsener Heim an.

Vor sechs Jahren waren die Floristin und der Erzieher die Ersten, die auf die Idee kamen, Kurse für Frauen unabhängig von Alter und Aussehen anzubieten. Eckhard Eggers fragte sich damals, warum sie „immer nur junge Mädels, die damit Geld verdienen wollen“ und nicht auch mal „die ganz einfache Mutti bis zu 60 Jahren“ ausbilden. Seitdem hat sich ihr Gewinn versechsfacht. Und der 52-Jährige erzählt stolz: „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe.“

Die Kundinnen kommen inzwischen nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Belgien, Österreich und der Schweiz nach Hamburg, um sich von Kirstin in die Künste des erotischen Verführens einweihen zu lassen. Meist bleiben sie, wie Anna-Rita, ein ganzes Wochenende zum Crash-Kurs – Übernachtung im eigenen Gästezimmer oder einer Pension nebenan eingeschlossen.

Ich begnüge mich erst mal mit zwei Probestunden in Kirstins kleinem Kellerraum. In der Ecke hängen die Polizistinnen- und Nonnen-Outfits für die Profistripperinnen, und die niedrigen Wände sind mit Pin-up- und Rocker-Bildern übersät. Von oben hört man die neunjährige Tochter mit einem Freund spielen. An die hölzerne Bar gelehnt, ziehe ich mir meine hochhackigen Schuhe an. „Bevor es ans Ausziehen geht, üben wir erst mal das Tänzerische“, beruhigt mich Kirstin und beginnt sofort, mich in die Regeln des Hüftkreisens einzuweisen. In kürzester Zeit lerne ich, eine Acht mit den Hüften nachzuahmen, und muss feststellen, dass meine gewöhnliche Taktik des Drehens derselbigen noch längst nicht ausgefeilt ist. Richtig schwer wird es aber erst, nachdem Kirstin von mir fordert, mich während des Hüftkreisens zu drehen oder in Trippelschritten vorwärts zu bewegen. „Deine Schritte sind viel zu groß, dabei kann niemand sexy aussehen!“ Und beim Üben der Welle („du sollst den Bauch einklappen!“) komme ich so ins Schwitzen, dass ich mich danach sehne, endlich meine Kleidung vom Körper reißen zu können.

Anna-Ritas Worte fallen mir wieder ein: „Natürlich hat es beim Ausziehen geholfen, dass Kirstin auch keine Modelfigur mehr hat.“ Und tatsächlich: Kirstin schafft es, dass ich nicht nur an Bauch, Po und Beine denke, sondern fast entspannt erst meinen Blazer und kurz darauf meine Bluse ausziehe und beides mit Schwung in die Ecke des Kellerraums schmeiße. Meine Striptease-Lehrerin und ich können während unseres erotischen Ausflugs

gemeinsam über unsere überschüssigen Pfunde lachen und dabei gleichzeitig meine letzten Ängste bezüglich des Ausziehens abbauen.

Angst sollten nach meinen Probestrips lieber meine männlichen Opfer haben. Denn das Wichtigste, was mir Kirstin mit auf den Weg gibt, ist: „Guck ihn an, als würdest du ihn fressen wollen!“ Immer wieder zeigt sie, wie entscheidend die Macht über den Mann, „das Opfer“, ist. Seine Hände müssen ständig unter Kontrolle gehalten werden. Erst recht beim Bestrippen des eigenen Partners. Denn dieser neigt immer wieder dazu, die eigene Frau begrabschen zu wollen.

Anna-Rita ist deshalb vor ihrem ersten Strip im eigenen Heim die gesamte Choreografie noch mal durchgegangen – mit Erfolg: „Bei meinem ersten Strip saß mein Mann ganz steif auf seinem Stuhl und hat sich gar nicht getraut zu atmen. Er war total perplex.“ Mittlerweile kann auch ihr Mann die Show etwas ruhiger genießen. Und obwohl Anna-Rita nicht regelmäßig ihre Macht über ihren Angetrauten auf so erotische Art und Weise ausübt, bleibt ihr währenddessen doch immer noch „das Gefühl von Verbundenheit, wenn man etwas für den anderen tut, was er sich wünscht“.

Ihr Mann möchte ihr diesen Wunsch jetzt auch erfüllen. Der Termin für seinen Crash-Kurs – diesmal bei Eckhard – steht schon fest. Und seine Liebste beteuert, dass „er ganz von allein auf die Idee gekommen ist“.

Linnea Riensberg

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