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Der Vietnamkrieg, Thu und ich

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 177/November 2007

40 Jahre Hilfswerk terre des hommes: Ursula Never hat die Anfänge erlebt – als „kleine deutsche Mama“ eines vietnamesischen Jungen in Hamburg

(aus Hinz&Kunzt 177/November 2007)

Ursula Never war damals Studentin. Es reichte ihr nicht, nur auf die Straße zu gehen. Sie wollte helfen. Wo doch allabendlich die Bilder aus dem Krieg in Vietnam über den Fernsehschirm flimmerten und der Schrecken und das Elend dort vorstellbar wurden. In der Zeitung las sie von der jüngst gegründeten Kinderhilfsorganisation terre des hommes, die schwer verletzte Kinder aus Vietnam betreute: „Wir Hamburger, vielleicht sechs oder sieben Leute, trafen uns damals beim CVJM an der Alster.“ Schon beim zweiten Treffen heißt es: Es kommen wieder Kinder aus Vietnam. Und bald wird sie gefragt, ob sie nicht die Betreuung eines Jungen übernehmen möchte, der im Krankenhaus Barmbek liegt.

„Ich hatte natürlich Schiss, ich war doch so wahnsinnig jung, Anfang 20. Aber ich habe mir gesagt: Du wolltest doch was machen – also gehst du da einfach hin“, erzählt sie. „Als ich das Gebäude betrete, ist da ein unglaublicher Lärm und ein Getöse: Drei vietnamesische Kinder spielen in ihren Rollstühlen auf dem Krankenhausflur Fangen.“ Es ist diese ungebrochene Lebensfreude, die alle Unsicherheit hinwegfegt: Ihr Schützling heißt Thu, er kommt aus der Kaiserstadt Hue, ist zwölf Jahre alt, liegt deshalb bei den Erwachsenen in einem Vier-Bett-Zimmer; er spricht schon ein paar Worte Deutsch.

Sie besucht ihn von nun an dreimal die Woche, bringt ihm Englisch bei: „Er war ein ganz schlaues Kerlchen.“ Was sie nicht will: dass er „Mama“ zu ihr sagt. Er nennt sie „meine kleine deutsche Mama“. Das kann sie akzeptieren. Das Prinzip von terre des hommes ist strikt: Die Kinder sollen so wenig wie möglich mit dem Reichtum in Deutschland konfrontiert werden; sollen ohne Kulturschock nach Vietnam zurückkehren können. Denn solange es dort noch jemanden aus ihrer Familie gibt – auch Onkel, Tanten oder Großeltern –, werden sie zurückgeflogen. Oft kommen die Kinder gar zurück ins Kriegsgebiet. Thu leidet nicht an einer Kriegsverletzung, er hat Kinderlähmung. Noch nie ist das behandelt worden. Ursula Never ist sich bis heute sicher: In Vietnam hätte Thu nicht überlebt.

Mehrmals wird er in Barmbek operiert. Bekommt seinen Wachstumsphasen entsprechend immer wieder neue Schienen und Gehhilfen angepasst. Dann wird bei ihm offene Tuberkulose festgestellt: „Da hatte ich ihn natürlich schon mal geknuddelt und die Ärzte sagten: Na, dann lassen Sie sich mal untersuchen.“ Angesteckt hat sie sich nicht, zum Glück; bekommt aber erstmal Besuchsverbot, und es dauert, bis sie Thu in der Lungenheilanstalt im niedersächsischen Tötensen wieder besuchen kann. Nach zweieinhalb Jahren ist die Zeit um: Er geht zurück nach Vietnam. Hat es sie damals nach Vietnam gezogen? Sie schüttelt den Kopf: „Was mir Thu über sein Land erzählt hat, hat mir gereicht. In so ein bettelarmes Land zu reisen, wäre nichts anderes als Voyeurismus gewesen. Ich hätte mich da einfach nicht wohl gefühlt als Tourist.“

Noch 15 Jahre lang schreiben sich Ursula Never und Thu. Sie erfährt, dass er als Englischlehrer arbeitet, später heiratet. Bis der Briefkontakt langsam ausläuft; auch, weil die Armut dort und der Reichtum hier sich bis zuletzt nicht überbrücken lassen. „Ich musste immer überlegen, was ich berichten kann. Ich konnte doch nicht einfach schreiben: Letzte Woche sind wir in die Schweiz gefahren und gleich weiter nach Österreich. Oder: Ich bin jetzt umgezogen in eine noch größere Wohnung. Auch wenn es den Menschen in Vietnam nach dem Krieg ganz langsam besser ging – das wäre unanständig gewesen.“ Und ihr fällt ein, wie sie ihn in Tötensen mal mit dem Auto besuchte und er wortlos vor ihr stand: Ein eigenes Auto, das war für einen jungen Menschen aus Vietnam ein unvorstellbarer Luxus.

Vor vier Jahren hat die ehemalige Galeristin wieder Kontakt zur Hamburger Gruppe von terre des hommes aufgenommen. „Damals war unser Handeln rein humanitär und direkt auf die Menschen bezogen“, beschreibt sie den Unterschied, „heute arbeiten wir im Bereich Fundraising.“ Machen Öffentlichkeitsarbeit, veranstalten Feste, sammeln Spenden, die an Partnerorganisationen in Vietnam oder anderen Ländern überwiesen werden. Dass viele Mittel in die Bildung von Kindern und Frauen investiert werden, ist ihr wichtig. Damit Menschen lernen, sich selbst zu helfen. Doch noch immer leiden Menschen in Vietnam direkt an den Kriegsfolgen, müssen weiterhin medizinisch behandelt werden – etwa im Rehabilitationszentrum CREP in Ho Chi Min Stadt, mit dem terre des hommes bis heute zusammenarbeitet.

Neulich war einer der vietnamesischen Partner zu Besuch; war ganz begeistert und auch gerührt, als ihm Ursula Never ihre Geschichte mit Thu erzählte. Wollte gleich seinerseits helfen: Wie denn Thu mit vollständigem Namen heiße, er lasse sich bestimmt auftreiben! Doch Ursula Never bat ihn, davon abzusehen: „Er hat seinen Platz im Leben gefunden. Gut zu wissen.“

Frank Keil


Terre des Hommes (tdh) Deutschland wurde 1967 gegründet und fördert heute rund 400 Projekte in 27 Ländern. tdh engagiert sich auch gegen Kinderarbeit, Kinderprostitution und die Rekrutierung von Kindersoldaten. Im Gegensatz zu anderen Organisationen entsendet tdh keine eigenen Entwicklungshelfer. Stattdessen werden Partner vor Ort unterstützt.

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