Der Hafen hilft!

Mitarbeiter von Blohm + Voss Repair haben sich zusammengetan und einen Verein gegründet. Sein Ziel: Menschen in Not zu helfen mit Geld, Sachspenden und der eigenen Arbeitskraft. Immer mehr Unternehmen und Beschäftigte schließen sich der Initiative an – trotz der Krise im Hamburger Hafen.
(aus Hinz&Kunzt 203/Januar 2010)

„Sie können 400 Fernseher haben und 200 Betten!“ Anja van Eijsden strahlt, stöhnt und startet den Computer. Strahlt,weil sie zwei große Spenden an Land gezogen hat. Stöhnt, weil der Lagerplatz dafür fehlt. Startet den Computer, weil Abhilfe am besten über die Website ihres Vereins zu finden ist: www.der-hafen-hilft.de. Es hat sich herumgesprochen im Hafen: Anja van Eijsden, Schiffsingenieurin bei Blohm + Voss Repair im Hamburger Hafen, kann in ihrem ehrenamtlichen Nebenjob (fast) alles gebrauchen, was anderswo übrig ist. Wie sie dazu gekommen ist? „Früher hab ich Geld gegeben, später hab ich Kinderkleidung und Klamotten von Kollegen gesammelt, dann hab ich gefragt, was die anderen so auf dem Dachboden haben und dafür Abnehmer gesucht.“ Schließlich hat sie Mitstreiter gefunden, einen Verein gegründet und eine Internet-Plattform eingerichtet. Die ist professionell gestaltet, denn auch zwei Multimedia-Firmen unterstützen den Verein „Der Hafen Hilft“. Neun Unternehmen sind schon dabei, und eine wachsende Zahl der vielen Tausend Beschäftigten im Hamburger Hafen ist Mitglied.

Die Niederländerin Anja selbst hat Maschinenbau gelernt, ist zur See gefahren bis zum zweiten Patent und beherrscht die Schiffsbetriebstechnik. „Ich kümmere mich um das, was laut und schmierig ist an Bord“, lacht sie und zeigt auf eine hochhausgroße Schiffswand vor ihrem Fenster. Da draußen im Dock 17 liegen die Kreuzfahrtschiffe MS Albatros und Amadea. „Überholen und neu ausstatten“, lautet der Auftrag, dabei fliegen mal eben 400 Fernseher und 200 Betten auf den Müll und werden durch neue ersetzt. Schnellstmögliche Reparatur ist bares Geld, also: Tempo! Doch trotz Zeitdruck wollen Anja und ihre Kollegen helfen, wo es Not tut, bei Menschen ohne Geld und Dach über dem Kopf. Was reinkommt beim Verein, geht schnell wieder raus, nur gemeinnützig muss der Empfänger sein.
„50 Mumienschlafsäcke haben wir neulich bekommen“,berichtet Anja. Für eine der legendären Schiffsverlängerungen sollte rund um die Uhr gearbeitet werden. Der Auftrag: das Schiff in zwei Teile schneiden und ein Zwischenstück einbauen. In diesem Zwischenstück wurden Schlafplät­­ze gebraucht, doch die Nächte waren kalt und heizen ging nicht. 200 Mumienschlafsäcke mussten her, von denen 50 übrig blieben nach Ende des Auftrags. Wo sie jetzt sind, steht auf der Website des Vereins. Da schreibt die Hamburger Bahnhofsmission in der Rubrik „Hier wurde geholfen“: „Mit den Mumienschlafsäcken von Blohm + Voss konnten wir
vielen obdachlosen Menschen zu einer besseren Winterausrüstung verhelfen. Vielen Dank!“

Wer die Internetseite anklickt,
gerät ins Stöbern. In der Rubrik „Hilfe“ sucht das Frauenhaus der Diakonie eine Gitarre, woanders wird ein unterbaufähiger Kühlschrank gebraucht. In der Rubrik „Helfen“ finden sich die Fernseher von der Amadea wieder, allerlei Kinderspielzeug wird angeboten oder professionelle Netzwerkunterstützung sowie kostenlose Malerarbeiten. Alle diese Tätigkeiten sind Angebote von Hafenleuten in ihrer Freizeit, erklärt Anjas Kollege Mario Altmann. „Wir vom Verein hämmern, nageln, bauen.“ Der Ingenieur Altmann hat Maschinenbau studiert und Betriebswirtschaft. Bei Blohm + Voss Repair ist er zuständig für die kaufmännische Seite des Reparaturgeschäftes: Kostenvoranschläge, Kalkulation, Vertrieb. Er managt mit Leidenschaft sowohl die Schiffsreparatur als auch die Arbeit im Verein. „Wer im Hafen arbeitet, kennt zwei Millionen Leute. Jeder kann was, jeder hat was, brauchen kannst du jeden, der nicht zwei linke Hände hat.“ Und die hat natürlich kaum einer im Hafen, wo ohnehin jeder Handgriff sitzen muss. Jedes Schiff ist anders, weiß Mario, „und immer musst du eine Lösung finden“: Der Hafen hilft!

Ist aber noch Luft zum Helfen da in einer Krise, in der doch auch den Leuten im Hafen das Wasser langsam, aber stetig in Richtung Hals steigt? Wie läuft’s denn bei der Werft, dieheute Blohm + Voss Repair heißt und laut Zeitungsberichten verkauft werden soll? Klar, die Krise ist überall, Mario Altmann nickt. „Aber wir sind gut und schnell. Wir kriegen das hin, auch wenn wir teuer sind. Konkurrieren können wir nicht über den Preis, nur über die Leistung.“ Er rechnet vor: „Ein dänisches Ölbohrschiff sollte in Reparatur. Unser Angebot hieß: Für 13 Millionen machen wir das in 60 Tagen. Dann kamen die Polen und wollten nur fünf Millionen haben –allerdings für 260 Tage. Klar ist das billiger. Nur“, Mario sieht jetzt richtig pfiffig aus, „der Pott macht normal einen Umsatz von einer Million Dollar am Tag, da bleibt washängen! Und Zeit ist Geld – also bekamen wir den Auftrag.“(Zum Nachrechnen: Wenn das Schiff 200 Tage länger stillliegt, wiegt die Kosteneinsparung weniger als der entgangene Gewinn.)

„Das geht aber nicht ohne ihn!“ – Mario weist mit dem Daumen auf den dritten Mann am Tisch und grinst: „Frank Schindler hält ein, was ich verspreche!“ Frank ist Schiffbauvorarbeiter. Er macht, sagt Mario, den härtesten Job im Betrieb. Frank ist der Mann, der dafür sorgt, dass immergenau die richtige Anzahl Personen auf der Baustelle ist – keine zu viel und keine zu wenig. Nur so sind Preis und Zeit einzuhalten, die Mario Altmann dem Kunden versprochen hat. Auch Frank Schindler gehört zum Verein „Der Hafen Hilft“, gewinnt Sponsoren, handwerkelt – oder organisiert mal eben ein Fußballturnier. Da waren fast 100 Spieler mit je zehn Euro dabei, nur die Obdachlosen zahlten nichts, der Erlös ging an die Hamburger Obdachlosenhilfe. Zehn Mannschaften traten an, zwei vom Herz As, eine von Hinz&Kunzt, eine von Blohm + Voss Repair, dazu andere, die Spaß dran haben und helfen wollten. „Die Unterstützer-Liste wächst!“ Anja klickt die Website an: ein Logo am anderen, vom Rohrbau bis zur Rechtsanwaltskanzlei (die von großem Nutzen ist in den Fallstricken des Vereinsrechts und der Steuer). Anja klickt noch einmal und landet auf einem weißen T-Shirt, darüber ein bekanntes Gesicht: Lotto King Karl. „Eine gute Sache“, hat der Promi-Musiker gesagt. Und hält strahlend einen Rettungsring ins Bild.

Der Verein „Der Hafen Hilft“ freut sich über neue Mitglieder. Der Jahresbeitrag beträgt 20 Euro. Anmeldeformulare und alles Wissenswerte lesen Sie unter www.der-hafen-hilft.de

Sabine Rheinhold

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