Der Bankräuber

Sie hätten ihn nie erwischt. Er wusste das – und stellte sich trotzdem

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Es ist kalt und regnet stark. Ein trüber Tag. Am Abend des 13. Januar dieses Jahres läuft Kevin Anthony M. durch die Straßen von Hamburg. Er ist unglücklich, seine Lage desolat: kein Job, Alkoholprobleme, Schulden, keine Wohnung. Er übernachtet seit ein paar Wochen bei einem Freund.

An der Stresemannstraße sieht er einen Polizeiwagen. Er geht hin und spricht die Beamten an: „Nehmen Sie mich fest, ich habe vier Banken überfallen.“ Die Polizisten winken ab. Sie glauben an einen Witz. Doch als M. hartnäckig bleibt, überprüfen sie seine Daten und nehmen ihn mit. Seitdem sitzt er im Untersuchungsgefängnis. Kevin Anthony M. ist gerade 34 Jahre alt geworden. Ein Mann mit dunkelblonden Haaren und großen wachen Augen. Er lächelt schüchtern.

Der letzte der vier Banküberfälle, die er gestanden hat, liegt zwei Jahre zurück. Sie wären ihm nie auf die Schliche gekommen. Er hatte keine Spuren hinterlassen, gegen ihn wurde nicht ermittelt. „Ich wusste, dass sie mich nie erwischen würden“, sagt der Bankräuber. Dreimal hat er sich, von den Überwachungskameras aufgenommen, in der Zeitung gesehen. Keiner hat ihn erkannt. „Die Leute kommen nicht darauf, weil keiner denkt, dass er einen Bankräuber in seinem Bekanntenkreis hat.“

Nicht die Angst vor Entdeckung trieb ihn um, sondern ein Haufen schlechter Gefühle. Da war das schlechte Gewissen und die Scham, ein Verbrecher geworden zu sein. Wie tief ich gesunken bin, dachte Kevin Anthony M. Er fühlte sich wie ein Hochstapler, dessen wahres Selbst seine Freunde nicht kennen. „Ich wollte mit offenen Karten spielen“, sagt er. Mit dem Gedanken, sich zu stellen, habe er über Monate gespielt. Einmal hat er einen Anlauf gemacht und sich einem Freund anvertraut. Der sagte: „Du spinnst, ich glaube dir kein Wort.“

Rückblende: Im Herbst 2001 war eines Tages morgens der Strom abgestellt. Die Freundin, bei der M. wohnte, war außer Haus. Er telefonierte mit den Elektrizitätswerken und ging zur Bank, um dort einen Verrechnungsscheck seines Arbeitgebers einzulösen und die Stromrechnung zu bezahlen. Doch er bekam kein Geld. „Das deckt nicht einmal die Schulden“, sagte der Mann in der Bank.

„Blöde Bank“, dachte M., ging wieder nach Hause und überlegte: 1400 Mark Stromrechnung standen aus. Er war für die Nebenkosten verantwortlich – so war die Vereinbarung. Er wollte zahlen, unbedingt. Der Freundin wollte er die Rechnung nicht zumuten, sie war in der Ausbildung und brauchte Strom für ihren Computer, für ihre Abschlussarbeit.

„Ich habe dann aufgeschrieben, was ich jetzt machen werde und dass ich wahrscheinlich verhaftet bin, wenn ich nicht wiederkomme, und habe den Zettel auf den Küchentisch gelegt.“ Er sagt, es sei ihm egal gewesen, ob sie ihn erwischen. Er habe keinen Verstand mehr gehabt.

Die Filiale der Hamburger Sparkasse liegt nur 300 Meter von seinem Wohnort entfernt. M. macht nicht viele Umstände. Er setzt sich eine Wollmütze auf und betritt die Bank. Drinnen schreibt er den Zettel, „Geld her oder ich schieße“, geht zur Kasse und schiebt ihn durch den Kassenschlitz. Seinen rechten Arm hält er in der Jackentasche und deutet eine Waffe an. Er spricht kein Wort. Die Kassiererin gibt Geld raus, er nimmt es und verlässt die Bank. Geht zu seinem Fahrrad, das er 20 Meter weiter angeschlossen hat. Zieht seine Jacke aus und stopft sie in eine Tüte. Ein Stück fährt er Fahrrad, dann Bus und Bahn. Ein paar Mal steigt er um, bis er nach Hause kommt. Es hat geklappt. 10.000 Mark Beute. Den Zettel vom Küchentisch zerreißt er und zahlt die Stromrechnung bei seiner Freundin in bar.

1990, mit 19 Jahren, war Kevin Anthony M. aus seiner Heimat Liverpool nach Hamburg gekommen. Der Liebe wegen. Er hatte Gelegenheitsjobs und arbeitete auf einem Bauspielplatz. 1995 heiratete er, 2001 wurde er geschieden. Zweimal musste die Polizei eingreifen, weil er randalierte. Seine Frau schlug er nicht, er ließ seine Wut über die verlorene Liebe lautstark an Gegenständen aus. Er trank, hatte Schulden, aber auch immer wieder Jobs auf dem Bau.

Nach dem ersten geglückten Raub überfällt M. drei weitere Banken in der gleichen Weise. Die Abstände zwischen den Überfällen werden kürzer – bis zum letzten Raub Anfang 2002. Zwischen 10.000 Mark und 8000 Euro erbeutet er. Das Geld sei immer schnell weg gewesen, sagt er. Er bezahlt ein paar Schulden, doch wirklich besser wird seine Situation nicht. Alkohol und Frust dominieren.

Beim zweiten Überfall verläuft nicht alles glatt: Die Kassiererin, für die es bereits der dritte Überfall ist, verweigert zunächst die Auszahlung. Der Bankräuber muss sprechen und seiner Forderung Nachdruck verleihen. Die Kassiererin zahlt aus. Ein Kunde wird aufmerksam, greift aber nicht ein.

Im Prozess am Hamburger Landgericht fragt der Richter den Angeklagten, was er getan hätte, wenn der Kunde eingegriffen hätte. „Ich hätte ihm aufs Maul gehauen“, antwortet Kevin Anthony M. Neben dem Angeklagten werden im Prozess die vier Kassiererinnen gehört. Für sie alle war die Erfahrung ein Schock, sie hatten Angst, träumten schlecht. Die jüngste von ihnen war gerade erst angelernt worden im Kassenbereich. Eine muss bei ihrer Aussage fast weinen.

Der Prozess endet ungewöhnlich. Staatsanwältin und Rechtsanwalt plädieren beide auf einfache, räuberische Erpressung in einem minder schweren Fall. Vor allem das Geständnis aus freien Stücken und den Umstand, dass der Bankräuber keine Gewalt angewendet hatte, wertet die Staatsanwältin strafmildernd und beantragt zwei Jahre auf Bewährung. Das Gericht sieht die Sache anders: kein minder schwerer Fall, dreieinhalb Jahre Haft.

„Ich habe es selbst verbockt, kein anderer hat Schuld daran. Dass ich bestraft werde, ist klar, aber ich denke, Gefängnis ist nicht immer das Richtige. Ich bin doch keine Gefahr für die Gesellschaft“, sagt der Bankräuber.

Bundesweit gibt es rund 900 Banküberfälle pro Jahr. Die Aufklärungsquote liegt um 60 Prozent.

Annette Scheld

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