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Diagnose: Depression

Außen hart, innen krank

23. Juli 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Hinz&Kunzt 221/Juli 2011, Nachrichten

Fußballer sind ganze Kerle – auf dem Platz und im richtigen Leben. Doch nicht alle sind dem Druck gewachsen. Robert Enke nahm sich das Leben. Auch FC-St.-Pauli-Spieler Andreas Biermann wollte sterben. Jetzt steht er zu seiner Krankheit.

biermann2Am 20. Oktober 2009 wollte Andreas Biermann sterben. Der ehemalige Profi des FC St. Pauli war mit seinen Kräften am Ende. Er war krank, schwer krank – spätere Diagnose: Depression. Biermann überlebte.

Nur drei Wochen später, am 10. November, warf sich Nationaltorwart Robert Enke vor einen Zug. Er hinterließ seine Ehefrau Teresa Enke und eine acht Monate alte Tochter. Der Tod von Robert Enke hat tiefe Betroffenheit und großes Mitgefühl ausgelöst. Diagnose: Depression.

Für einen Moment hielt die Fußballwelt inne. DFB-Präsident Theo Zwanziger plädierte auf der Trauerfeier für ein menschliches Miteinander im Leistungssport: „Balance, Werte wie Fairplay und Respekt sind gefragt. In allen Bereichen des Systems Fußball. Bei den Funktionären, bei dem DFB, bei den Verbänden, den Klubs, bei mir, aber auch bei euch, liebe Fans. Ihr könnt unglaublich viel dazu tun, wenn ihr bereit seid, aufzustehen gegen Böses. Wenn ihr bereit seid, euch zu zeigen, wenn Unrecht geschieht. Wenn ihr bereit seid, das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft zu brechen“, so seine Worte.

Geändert hat sich wenig, zumindest für Andreas Biermann. Er ist als „Fußballer mit Depression“ abgestempelt, seine sportliche Karriere ist zerstört.

Laut den Experten der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie (Münster) leidet – statistisch gesehen – jede vierte Frau und jeder zehnte Mann mindestens einmal im Leben an einer ernsthaften depressiven Verstimmung. Heute haben etwa fünf Prozent der Bevölkerung, etwa vier Millionen Menschen haben heute eine schwere, behandlungsbedürftige Depression. Doch nur jeder vierte Erkrankungsfall würde als „Depression“ erkannt.

Auch Fußballer Andreas Biermann tat sich schwer, sich seine Krankeit einzugestehen und sie öffentlich zu machen.

Im Hinz&Kunzt-Interview (zu lesen in der Juli-Ausgabe) spricht der 30-Jährige über den Tag, an dem er versucht hat, sich in seinem Auto mit Abgasen zu töten, sein Outing als kranker Mann und was er jetzt vorhat – denn als Fußballer will ihn kein deutscher Verein mehr haben.

Text: BEB
Foto: Antonina Gern

Andreas Biermann hat ein Buch geschrieben: „Rote Karte Depression“ ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, 192 Seiten, 14,99 Euro.

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