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Das Wasser kam nach Mitternacht

24. Februar 2012 | Von | Kategorie: 2012: Hinz&Kunzt 227-238, Archiv, Hinz&Kunzt 228/Februar 2012

Als im Februar 1962 Hamburg überflutet wurde, war unser Autor Frank Keil drei Jahre alt und lebte mit seinen Eltern in einer Laube in Rothenburgsort. Zum 50. Jahrestag der Katastrophe denkt er an die Ereignisse zurück.

(aus Hinz&Kunzt 228/Februar 2012)

Unser Autor Frank Keil und seine Eltern (Bild rechts) wurden während der großen Flut aus ihrer Gartenlaube gerettet. Foto: privat

Viele Jahre war ich mir absolut sicher, dass mich Männer in einem Schlauchboot gerettet haben. Das Boot taucht sehr langsam aus der Dunkelheit auf, die Männer ducken sich, als sie unter den Ästen der Bäume und Büsche hindurchfahren, die den Sandweg säumen, der durch die Siedlung führt. Sie drehen das Boot so, dass es genau unter unserem Fenster hält. Dann nehmen sie mich und meine Eltern auf, fahren mit ruhigen Paddelschlägen – zwei links, zwei rechts – wieder hinaus in den Sturm, der in den vergangenen Stunden so heftig aus Westen gewütet hatte, als wolle er das kleine Haus, in dem wir wohnten, zur Seite schieben oder es umkippen oder einfach so in zwei Teile zerreißen. Es war die Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962, ich war drei Jahre und gut neun Monate alt. Das Wasser kam bei uns weit nach Mitternacht, es kam gegen vier Uhr am Morgen.

Meine Eltern waren 1957 aus der DDR, der Sowjetzone, geflüchtet. Sie hatten je einen kleinen Koffer gepackt und waren mit dem Zug erst nach Berlin und dann weiter Richtung Westen gefahren; nach Hamburg, vielleicht weil Hamburg wie Dresden, das sie gut kannten, nun mal an der Elbe liegt. Als ich geboren wurde, zogen wir an den östlichen Rand von Rothenburgsort, in eine feste Gartenlaube; ein Behelfsheim, wie man es damals nannte, von denen es viele gab, für die einst Ausgebombten, auch für die Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern oder eben der DDR. Wohnraum war äußerst knapp. Ein geteertes, flaches Dach hatte das Haus, doch die Wände waren aus Stein, außen mit grobem, rauem Putz bestrichen; ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, wenn ich mit der Hand darüber strich. Im Inneren hatte es zwei Räume, im Garten stand eine Wasserpumpe. Ein Bad gab es nicht, dafür ein Plumpsklo, einmal ums Haus herum, und lange hatte ich Angst, dass ich in dieses dunkle Loch fallen könnte, was glücklicherweise nie geschah. Gleich hinter unserem Haus gab es den Tidekanal, in die eine Richtung verbunden über die Dove Elbe und die Billwerder Bucht mit der Norderelbe, dem Hafen und irgendwann mit dem Meer. In die andere Richtung endete er im Rothenburgsorter Industriegebiet. Schiffe tuckerten vorbei, vorwiegend Schuten, gezogen oder geschoben, mit Kohle oder Erz beladen, denen ich nachschaute, wenn ich unten am Wasser stand, obwohl es mir natürlich verboten war, allein dort zu sein. Aus der Ferne hörte ich die S-Bahn vorbeirauschen, dann und wann den Interzonenzug von Hamburg nach Berlin.

„Es gab nachmittags Gewitter“, erzählt meine Mutter, daran könne sie sich noch gut erinnern und wie sie sich gewundert hätte, dass es mitten im Winter blitzte und donnerte wie sonst im Hochsommer. Abends kam mein Vater von der Arbeit, draußen war es richtiggehend finster. Der Sturm wollte sich nicht beruhigen, er fegte in Stößen ums Haus, heulte und jaulte dabei. Meine Eltern schienen besorgt. Sie sprachen wenig miteinander; schweigend aßen wir zu Abend. Die ganze Zeit lief das Radio. Eine um Fassung bemühte Männerstimme meine ich noch heute zu hören, wenn nach den Nachrichten der Wetterbericht kam. Dann folgte nach der Uhrzeit wieder Musik und zwischendurch ging mein Vater in den Sturm hinaus, der so heftig wehte, dass es ihm stets fast die Tür aus den Händen riss, wenn er sie mit Kraft aufschob, um hinauszugehen, und wenn er sie mit einem Ruck öffnete, um wieder hereinzukommen. Er ging die paar Schritte durch den Garten, bis dahin, wo man den Kanal sehen konnte, schaute, wie hoch das Wasser war, das stieg und stieg und dann nicht mehr stieg, vielleicht sogar leicht zurückging, das war im Dunkeln nicht so leicht zu erkennen.
„Sind nicht irgendwelche Lautsprecherwagen gekommen?“, fragt mich meine Mutter. „Oder hat nicht jemand von den Nachbarn geklopft und uns gesagt, dass das Wasser kommt?“ Zu Fuß seien wir gegangen, sagt sie, und ich schaue an ihr vorbei, versuche die Bilder festzuhalten von den Männern im Schlauchboot, die lautlos davonrudern, ohne mich mitzunehmen und die sich nicht einmal umdrehen. So viel Wasser sei es übrigens gewesen: Meine Mutter hebt die Hand und lässt sie einen halben bis dreiviertel Meter über dem Tisch stehen. „Ich glaube, wir sind dann mit irgendwelchen Leuten mit, die uns aufgenommen haben, dorthin, wo es höher war“, erzählt sie weiter. Und dann?

Wo auch immer wir in dieser Nacht waren und wie lange wir wo auch immer blieben – es dauert Tage, bis um uns herum die erforderlichen Hilfsmaßnahmen greifen, bis die Hubschrauberlandeplätze nicht mehr benötigt werden, bis die Bundeswehr mit ihrem schweren Gerät wieder abrücken kann, bis das Telefonnetz wieder funktioniert, bis jeder weiß, was zu tun ist. In Kasernen und Schulen werden Feldbetten für die anfangs geschätzten 40.000 Betroffenen aufgestellt.

Die Sozialbehörde wird ermächtigt, in Hotels und Pensionen freie Betten zu belegen; ein Erlass verpflichtet die Mitarbeiter zum Wochenenddienst. Decken und warme Kleidung und Essen werden verteilt. Die Bundesregierung zahlt der Stadt Hamburg einen zinslosen Kredit von 200 Millionen
D-Mark aus, das war damals viel Geld. Spenden von überall her erreichen die Stadt, darunter 22.700 Kartons mit Rosinen, eine Spende der griechischen Regierung, für die ganz amtlich die Zollgebühren entfallen. Im Stadtgebiet sind die Deiche an mehr als 60 Stellen schwer beschädigt oder gebrochen. Unser Kanal war dagegen einfach nur vollgelaufen.

Was ich wieder weiß, ist, dass ich ins Krankenhaus kam. Ins Rothenburgsorter Kinderkrankenhaus, das es heute nicht mehr gibt und in dem unter den Nazis behinderte Kinder aus Alsterdorf umgebracht worden sind. Aber das wäre jetzt eine andere, sehr düstere Geschichte, die trotzdem nicht unterschlagen werden darf. Ein Magen-Darm-Infekt, so etwas sei es wohl gewesen, der mich packte, hörte ich später: heftiger Durchfall, Wasserverlust, also drohende Auszehrung.

Mir erschien das immer einleuchtend: tote Tiere, die im Wasser trieben, das ganze Vieh von drüben aus dem Alten Land oder südöstlich aus den Vier- und Marschlanden, dazu jede Menge Abfall und Müll, der links und rechts in den Büschen und Bäumen hing und auf den Wegen lag. Das gibt wie von selbst unzählige Keime und Bakterien, die im Magen und Darm Unheil anrichten. Entsprechend sprachlos wurde ich, als meine Mutter vor ein paar Monaten, als wir schon mal über die Sturmflut redeten, fast mehr für sich sagte: „Nein, nein, das war es nicht. Es war mehr was Psychisches.“ Diesmal hake ich noch mal nach. Vielleicht ist ihr in der Zwischenzeit noch etwas eingefallen, das Erinnern geht ja manchmal besser, wenn man alleine ist und einem niemand dabei zuschaut. „Es war nicht so, dass dir irgendetwas wehgetan hat“, sagt meine Mutter tatsächlich und ihre Stimme nimmt Fahrt auf. Aber schon ringt sie wieder nach Worten: „Mehr so – du warst nicht ansprechbar; du warst so ganz apathisch.“ Hat sie mich einfach unter den Arm geklemmt und ist ab ins Krankenhaus? War ich beim Kinderarzt? Sie zuckt mit den Achseln. „Das viele Wasser“, sagt sie nur. „Das viele Wasser, das überall war; es war wohl das.“

War es ein Sonntag? Mein Opa muss dabei gewesen sein, vielleicht auch mein Onkel, meine Tante. Wir sind jedenfalls mehrere, als wir wieder den Sandweg entlang zu dem Haus gehen. Es steht ordentlich an seinem Platz, als sei nichts gewesen, aber die Haustür ist verzogen. Innen haben sich die Tapeten gelöst und deutlich ist an einem breiten Schmutzrand zu erkennen, wie hoch das Wasser stand. Die Möbel sind durcheinandergepurzelt, es riecht feucht und spakig. Mehr aber fällt mir auf, dass es innen so eisig kalt ist wie draußen, als würde eine der Wände fehlen. Ich weiß noch genau, das mein Vater sich wegdreht und nicht antwortet, als ich ihn frage, wo unsere Katze eigentlich hin wäre. „Wir hatten eine Katze?“, fragt mich meine Mutter jetzt ganz erstaunt.

Wir zogen wieder ein in das Haus, wann auch immer. Die Stadt Hamburg zahlte jedem von der Flut betroffenen Ehepaar pauschal 1500 Mark, für ein Kind gab es 600 Mark dazu. Weitere 2500 Mark gab es für die notwendige Renovierung; Hausrat, Mobiliar und Kleidung wurden ersetzt. Lange Listen mussten dazu ausgefüllt werden: Ein Handtuch wird mit zwei Mark, ein Oberbett mit Füllung mit 95 Mark, ein zweitüriger Kleiderschrank mit 160 Mark, eine Musiktruhe wird mit 550 Mark berechnet. Für jeden der 315 Ertrunkenen gab es für die Hinterbliebenen 1000 Mark. Wurde ein Einzelgrab gewünscht, folgte ein Zuschuss von 700 Mark.

Zugleich überlegen die Behörden, auf welchen elbnahen Flächen überhaupt noch gewohnt werden darf. Unsere Siedlung steht kurz auf der Liste möglicher, zu sperrender Gebiete, die am Ende 33 Behelfsheimgebiete und Kleingartenanlagen vor allem in Wilhelmsburg, an der Veddel und bei Waltershof umfasst. Wer sein Behelfsheim von sich aus aufgibt, bekommt 2500 Mark. Und das Versprechen, bei der Vergabe von Wohnraum bevorzugt zu werden.

Nicht alle halten sich an die behördlichen Verfügungen. „In einigen für unbewohnbar erklärten Gebieten sind die Behelfsheimer in großem Umfang zurückgekehrt, sodass eine Flächenräumung nicht mehr durchgeführt werden kann“, stellt der Beauftragte für den Wohnungsbau im April ernüchtert fest. Die anfangs 19 Wohn- und Durchgangslager leeren sich nach und nach. Der Oberstaatsanwalt stellt das Verfahren wegen eines möglichen Versagens der Behörden im Juli ein. Nach und nach entstehen am Rande Hamburgs erste Neubausiedlungen. Und mein Vater geht aufs Amt und lässt nicht locker, bis ihm ausreichend viele Punkte für den Flutschein gutgeschrieben werden, den man braucht, will man sich erfolgreich für eine Neubauwohnung bewerben.

Wieder ist es dunkel, wir gehen nach Hause. Meine Mutter kommt von der Arbeit, ich aus dem Betriebskindergarten. Wir gehen den Sandweg entlang in unsere Behelfsheimsiedlung – und kommen nicht weiter: Ein Bauzaun versperrt den Weg. Ratlos stehen wir da. Andere aus der Siedlung kommen hinzu. Immer wieder lesen sich die Erwachsenen kopfschüttelnd das Schild vor, das verkündet, das Gebiet, in dem sie alle wohnen, werde nun doch geräumt und ihre Hütten und Häuser abgerissen. Bis jemand die Initiative ergreift und die kleine Gruppe hinunter zum Kanal führt, wo der Zaun fast im Wasser endet. Wir hangeln uns um den Zaun herum, wir steigen über das Geröll, mit dem das Ufer befestigt ist; klettern den Hang hoch, schlagen uns durch das Gestrüpp am Ufer, stehen wieder auf dem Sandweg und gehen nach Hause. Uns wird es bald nach Rahlstedt Ost verschlagen.
Kurz vor Weihnachten ziehen wir um. Ziehen in eine dieser neuen Wohnungen, die so über- und nebeneinander gestapelt sind, dass sie einen Wohnblock ergeben. Es ist hell und freundlich in diesen Wohnungen, auch wenn man die Nachbarn hört. Es gibt eine Extraküche mit fließend warmem Wasser und eine Durchreiche ins Wohnzimmer, was damals sehr modern ist. Es gibt eine Heizung, die man nur anzudrehen braucht. Es gibt ein gefliestes Bad mit einer richtigen Toilette. Ich komme in die Schule, ich ziehe von zu Hause aus, als ich damit fertig bin. Meine Eltern wohnen noch weitere 20 Jahre dort. Dann bleibt meine Mutter allein zurück. Heute wohnt sie östlich von Bergedorf und wenn ich sie besuche, nehme ich nicht das Auto, sondern die S-Bahn. Ich setze mich stets so ans Fenster, dass ich, wenn die Bahn den Tidekanal kreuzt, dorthin schauen kann, wo wir damals gewohnt haben. Wo es gewesen sein muss, ich sehe es für zwei, vielleicht drei Sekunden vorbeihuschen.

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