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„Das P in den Augen“

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2004: Hinz&Kunzt-Ausgaben 131 – 142, Archiv, Hinz&Kunzt 139/September 2004

Hartz IV: Abendblatt-Redakteurin Barbara Hardinghaus lebte einen Monat lang vom Arbeitslosengeld II

(aus Hinz&Kunzt 139/September 2004)

Hinz&Kunzt: Wie viel Geld stand Ihnen am Tag zur Verfügung?

Hardinghaus: Ich dachte anfangs, ich hätte zehn Euro. Aber beim zweiten Durchrechnen habe ich gemerkt, dass das gar nicht stimmt: Ich habe noch ein Auto und Telefon, danach hatte ich einen Tagessatz von etwas über sechs Euro, für Essen waren das noch 4,34 Euro. Mein Auto würde ich abschaffen, weil es mich 70 Euro im Monat kostet.

H&K: Was war für Sie am schwierigsten?

Hardinghaus: Mit dem Essensgeld auszukommen. Nach meiner anfänglichen Rechnung war es günstig, im Restaurant eine Suppe für 3,50 Euro zu essen oder ein Stück Pizza für 1,99 Euro. Ich habe schnell gemerkt, das ist viel zu teuer. Dann habe ich mich entschieden, nur noch einmal die Woche einzukaufen, günstig und einigermaßen nahrhaft. Und ich habe immer zu Hause gegessen.

H&K: Eines Morgens war Ihre Milch sauer und Sie hatten kein Geld für neue eingeplant.

Hardinghaus: Wenn früher keine Milch da war, kaufte ich eine neue und verschwendete keinen Gedanken daran. Bei meinem Versuch hieß das: tagelang keinen Milchkaffee. Ich war richtig sauer und innerlich aggressiver als sonst, und ich fühlte mich vom Supermarkt verarscht. Man sucht einen Schuldigen, denkt sofort, dass das jemand bewusst gemacht hat und dass es einem persönlich gilt. Ich habe eine dünnere Haut gekriegt. Vorher habe ich gedacht, ich wäre robuster.

H&K: Die Agentur für Arbeit spielte bei Ihrem Versuch mit. Sie haben ganz normal einen Antrag auf Arbeitslosengeld II ausgefüllt.

Hardinghaus: Mir ging es zu weit, dass ich beantworten sollte, was ich in der Wohnung stehen habe. Ob meine Möbel wertvoll sind oder nicht. Und ob da noch andere Leute wohnen, die für mich aufkommen könnten.

H&K: Was haben Sie bei Ihren Treffen mit den echten Arbeitslosen festgestellt?

Hardinghaus: Selbst unter den Versuchsbedingungen ist mein Leben noch zehnmal besser als das der Arbeitslosen. Allein schon, weil sie diesen Grundbestand, den ich habe, mit einer schönen Wohnung, mit Essensvorräten oder mit Hygieneartikeln nicht mehr haben. Außerdem stehen sie unter erheblichem psychischen Druck. Ich muss mir nicht wirklich Arbeit suchen, ich werde nicht nach einem Vorstellungsgespräch nach Hause geschickt, ich bekomme jetzt nicht diesen Brief, in dem es heißt: Es tut uns Leid, leider können wir Sie nicht einstellen. Ich habe das Ende in Sicht. Die, die wirklich arbeitslos sind, haben kein Ende vor Augen. Und viele Arbeitslose wissen nicht, was auf sie zukommt, dann treffen sie auf Leute, die auch nichts wissen. Bei vielen sehe ich richtig das P in den Augen. P wie Panik.

H&K: Gab es Begegnungen, die Ihnen besonders nah gingen?

Hardinghaus: Wolfgang Bahnemann, ein Arbeitsloser, den ich zu Hause besuchte, hat Sätze gesagt, die mir unter die Haut gegangen sind: Sein Leben sei wie ein Gefängnis, nur ohne Gitter. Er würde so gerne mal an die Ostsee fahren, habe aber kein Geld dafür. Ab einem gewissen Punkt ginge die Seele an solcherlei Verzicht kaputt. Manchmal schimpfe und schreie er und sei aggressiv. Dann sei natürlich Herr Clement an allem schuld. Und da schließt sich vielleicht der Kreis mit meiner Milch und dem Supermarkt: Wolfgang Bahnemann denkt, es sei Herr Clement, und ich denke, es sei die Frau im Supermarkt. Er beschreibt seinen Zustand als Phase vier, das ist die letzte, die Lethargie, ein Zustand, der den Menschen innerlich auffressen kann.

H&K: Welche Eigenschaften braucht man, um mit dem Arbeitslosengeld II auszukommen?

Hardinghaus: Das Wichtigste ist, ständig diszipliniert zu sein, 24 Stunden am Tag. Man kann ja nicht abends Schluss machen und sagen: Jetzt gehe ich einfach mal schön essen wie andere auch. Man darf nie aus dem Rahmen springen.

H&K: Einiges fanden Sie auch unlogisch an der neuen Regelung.

Hardinghaus: Ich habe beispielsweise eine 61-jährige Frau getroffen, die ihre Lebensversicherung auflösen musste. Davon kann sie zwei Jahre lang leben, aber dann ist sie wieder vom Staat abhängig – ihr Leben lang. Wenn man sie jetzt weiterhin unterstützt hätte, könnte sie ab 65 von ihrem eigenen Geld leben.

H&K: Was hat sich für Sie geändert nach dem Versuch?

Hardinghaus: Ich hoffe einiges. Ich habe keine Kinder, keine Schulden und das Gehalt einer Jungredakteurin. Ich habe es mir im Leben richtig bequem gemacht. Ich möchte mit den Dingen, die ich habe, und mit dem Geld bewusster umgehen – und auch bewusster auf die Menschen achten. Mein Blick hat sich verändert.

Interview: Birgit Müller

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