Das Gängeviertel lebt!

Hat der Senat seine Chance genutzt? Wenn Sie diese Zeilen lesen,  könnten die historischen Häuser wieder der Stadt gehören

(aus Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009)

Sie sind alt und heruntergekommen, trotzdem sind sie ein Kleinod: zwölf Häuser zwischen Valentinskamp und Caffamacherreihe. Um sie vor dem Teilabriss zu bewahren und mehr Räume für Künstler zu fordern, hatte die Initiative „Komm in die Gänge!“ das historische Stück Gängeviertel besetzt und ein alternatives Kulturzentrum errichtet. Inwischen dürfen die Kreativen bis auf weiteres die Erdgeschosse der Häuser offiziell nutzen. Denn der finanziell angeschlagene Investor hat die Kaufsumme bislang nicht überwiesen. Nun ist die Stadt wieder am Zug.

Wer das Gängeviertel betritt, hat nicht mehr das Gefühl, in der Innenstadt zu sein.200-GängeviertelIn unmittelbarer Nähe von Laeiszhalle und Gänsemarkt liegt ein kleines Stück altes Hamburg, mit Backsteinhäusern und engen Hinterhöfen. Der viele Bauschutt, die löchrigen Wände und die zerbrochenen Fens­ter zeigen sofort, dass hier dringend saniert werden muss. Und tatsächlich wird im Gängeviertel derzeit viel gehämmert und gewerkelt. Die Initiative „Komm in die Gänge!“ arbeitet hier seit dem 22. August in Eigenregie an einem „Kultur-, Kunst- und Sozialzentrum“.
Mehr als 200 Künstler haben unter der Schirmherrschaft des prominenten Hamburger Malers Daniel Richter die zwölf Häuser besetzt und sofort damit begonnen, Ateliers und Ausstellungsräume einzurichten.
Bilder wurden in alte Kinderzimmer gehängt, Installationen auf taubenkotverdreckte Holzböden gestellt, Graffiti auf die bröckelnden Wände gesprüht. Am ersten Wochenende zählte die Initiative bereits mehr als 3000 Besucher, in Windeseile entstand eine improvisierte Infrastruktur mit Büro, Suppenküche und Bar. Wer das Gästebuch liest, bekommt einen Eindruck von dem spontanen Zuspruch vieler Hamburger: „Tolle Aktion“ ist dort zu lesen. „Bitte haltet durch“ und „Wunderbar, seit zehn Tagen lebt das Gängeviertel wieder“.
Die Initiative will auf die prekäre Lage vieler Künstler in Hamburg aufmerksam machen, richtet sich aber auch gegen den geplanten Umbau des Gängeviertels. Die Stadt hatte die Häuser 2002 meistbietend verkauft, der Käufer musste aber Insolvenz anmelden und holte den niederländischen Investor Hanzevast ins Boot. Der will einige der Häuser ganz abreißen, einige sanieren und einige entkernen, sodass nur die Fassaden stehen bleiben würden. Moderne Wohn- und Bürogebäude sollen entstehen. Die Baugenehmigung wurde Anfang vergangenen Monats erteilt. Die Initiative schätzt, dass dadurch bis zu 80 Prozent der historischen Bausubstanz zerstört und die Einzigartigkeit des Gängeviertels vernichtet werden würden.

Die Situation ist zurzeit besonders brisant, weil Hanzevast wegen der weltweiten Wirtschaftskrise offenbar mit Finanzierungsproblemen kämpft. Das Bauvorhaben könnte scheitern: Bis zum 18. September hätte der Investor
die zweite Rate des Kaufpreises an die Stadt überweisen müssen. Der Investor hat jetzt noch eine Frist bis
16. Oktober. Zahlt er dann nicht, hat die Stadt ihrerseits das Recht, vom Vertrag zurückzutreten und wieder die Verantwortung für das historische Häuserensemble zu übernehmen. Ob die Stadt dazu bereit wäre, war zu Redaktionsschluss noch unklar.
Die Hamburger Politik hat auf die Initiative erstaunlich positiv reagiert. Direkt nach der Besetzung gaben sich Vertreter aller Parteien die Klinke in die Hand. Vorerst bekam die Initiative die Erlaubnis, die Erdgeschosse der Gebäude zu nutzen, die Kulturbehörde will andere Räume für Ateliers suchen. In einer aktuellen Stunde in der Bürgerschaft lobten Abgeordnete der Opposition die Initiative.
Dass Anfang September auch Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk (GAL) und Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) das Projekt gutgeheißen hatten, könnte der politischen Situation vor der Bundestagswahl geschuldet gewesen sein, aber auch dem strategischen Vorgehen
der Besetzer. In Verhandlungen zeigen diese sich kompromissbereit. So stimmten sie zu, aus Sicherheitsgründen nur noch die Erdgeschosse der besetzten Häuser zu nutzen. Außerdem
kosten die Sympathiebekundungen nichts, solange Hanzevast wegen Geldnöten nicht mit dem Bau beginnen kann.
Markus Schreiber (SPD), Amtsleiter des Bezirks Mitte, ist seit Jahren an den Planungen ums Gängeviertel beteiligt. „Der Grundfehler war wohl, die Häuser 2002 an den Höchstbietenden zu verkaufen und nicht an den Inves-tor mit dem besten Konzept“, sagt er, „dieses Stück altes Hamburg muss erhalten bleiben, und jetzt kommt es darauf an, ob die Stadt dafür den politischen Willen aufbringt.“ Schreiber hofft, dass die Häuser wieder an die Stadt fallen und dann auf ihre Kosten saniert werden.
In der „Klimpabar“ in der Caffamacherreihe 43–49 hockt derweil Sebastian Kubersky und klebt Pappkartons zusammen. Der 28-jährige Künstler ist Teil des Künstlerkollektivs „niedervolthoudini“. „Wir gestalten die Bar als Ausstellungs- und Experimentierraum“, sagt er. Aus den Pappkartons baut Kubersky mit Folien und Lampen die Beleuchtung für die Bar. Ihm geht es im Gängeviertel vor allem darum, mitten in der Stadt einen bezahlbaren Ort zu schaffen, an dem neue Ideen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erreichen können. „Die Idee, dass wir in Hamburg so einen Ort brauchen, gab es schon lange“, sagt er, „und jetzt zeigt sich: Es braucht nichts als so einen Raum, um kreative Energie freizusetzen.“
René Gabriel, einer der Sprecher der Initiative, erklärt die Dynamik der Besetzung dadurch, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sei. „Im Grunde ist unser Projekt aus zwei Nöten heraus geboren“, sagt der 34-jährige Stadtplaner, „zum einen ist dies die letzte Chance, das Gängeviertel zu erhalten, und zum anderen musste mal auf die prekäre Situation von Kreativen in Hamburg aufmerksam gemacht werden.“ An den Wänden hängen historische Aufnahmen des Gängeviertels. „Die historischen Gängeviertel haben über Jahrzehnte die Stadtstruktur Hamburgs geprägt“, sagt Gabriel, „aber die Gebäude wurden immer wieder neuen Bauvorhaben geopfert.“ Den Investoren gehe es nicht um den Erhalt alter Häuser, sondern um möglichst hohen Profit.
Um die zum Teil denkmalgeschützten Gebäude im Gängeviertel zu retten, müssten die Verantwortlichen in der Politik umdenken: „Wir müssen weg von einer Mentalität, die gewachsene Strukturen vernachlässigt und immer nur nach der ökonomischen Verwertung fragt.“ Genauso kritisch sieht die Initiative die aktuelle Kulturpolitik in Hamburg. „Es gibt eine massive Disneyfizierung“, sagt Gabriel, „Massenevents, Kommerz und Musicals werden gefördert, aber diskursive Kunst wird vernachlässigt.“
Weil Ateliers für Künstler oft zu teuer sind und viele Kreative die Stadt verlassen müssen, fand die Idee einer Besetzung in Windeseile Anhänger. „Alle spüren denselben Druck“, sagt Gabriel, „so ist eine Dynamik entstanden, die vorher nicht abzusehen war.“

Trotz der Gemeinsamkeiten ist die Initiative intern oft uneinig. Viele zählen sich zur politischen Linken, betonen ihre Nähe zu den Protesten gegen das geplante Bernhard-Nocht-Quartier oder die Umstrukturierungen und Mieterhöhungen auf St. Pauli. Andere wollen einfach einen zentral gelegenen Ort für ihre Kunst.
Im Gängeviertel führt Rita Kohel Passanten durch die Ausstellungsräume.  Für die Künstlerin sind die alten Häuser vor allem ein Ort zum Experimentieren. „Wir haben hier eine Art Spielplatz“, sagt die 31-Jährige, „hier können wir uns vernetzen, austauschen, gegenseitig bereichern.“ Wichtig findet sie weniger das Ergebnis, sondern den Prozess eines gemeinsamen Projekts, das verschiedene Menschen zusammenbringt. „Die derzeitige Stadt- und Kulturpolitik hilft nicht der Kunst, sie ist elitär“, kritisiert sie.
Anthony Zornig kann ihr da nur beipflichten. Im alten Kutscherhaus hat der 34-Jährige mit seinen Bildern einen ganzen Raum gestaltet. Das Zimmer ist dicht behängt mit Bildern, Skizzen und Farbstudien. „Wir schaffen hier einen alternativen Campus, wie es ihn sonst nur an Kunst­akademien gibt“, gerät der Künstler beinahe ins Schwärmen, „wir gehen von Zimmer zu Zimmer, es riecht nach Arbeit und Farbe, wir inspirieren uns gegenseitig.“
Jetzt schon ist das Projekt Gängeviertel ein Erfolg. Was langfristig aus den besetzten Häusern wird, hängt vom Senat und von Hanzevast ab. Eins hat die Initiative in jedem Fall geschafft: Nach Jahren des Stillstands steht das Gängeviertel wieder im Zentrum des öffentlichen Interesses.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

Als „Gängeviertel“ bezeichnet man die alten Arbeiter-Wohnquartiere in der Nähe des Hafens. Wegen schlechter hygienischer Bedingungen und neuer stadtplanerischer Vorhaben wurden sie seit den 1880er-Jahren nach und nach abgerissen, zuerst auf dem Gebiet der heutigen Speicherstadt. Durch die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg und zahlreiche Bauprojekte in den 60er-Jahren sind heute nur noch wenige der Häuser erhalten.
Die Häuser Ecke Caffamacherreihe/Valentinskamp sind täglich ab 14 Uhr geöffnet. Programm: www.gaengeviertel.info



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