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Das Fachstellen-Desaster

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006

Bessere Hilfe für Wohnungslose versprach Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram. Doch die Zwischenbilanz des „neuen Hilfesystems“ fällt verheerend aus

(aus Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006)

Ulrich Jonas

„Hilfe aus einer Hand“, „aufsuchende Sozialarbeit“, „Prävention“: Mit diesen Schlagworten präsentierte Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) im Juli 2005 die neuen Fachstellen für Wohnungsnotfälle. Gut ein Jahr nach Verkündung des „neuen Hilfesystems“ zeigt sich: Die Notunterkünfte sind voller als zuvor, die Zahl der Zwangsräumungen ist unverändert hoch.

Heinz Beeken ist kein Freund beschönigender Rhetorik: „Uns gehen sehr viele Menschen durch die Lappen“, sagt der Leiter der Fachstelle für Wohnungsnotfälle im Bezirk Mitte. Eigentlich sollen seine Mitarbeiter – so verkündete es die Sozialsenatorin – bei jedem an der Haustür klingeln, dem der Verlust der Wohnung droht und der sich auf einen Brief hin nicht meldet. Doch ist das oft nicht mehr als ein Wunsch: „Wir machen nur in den Fällen Hausbesuche, in denen auch Kinder betroffen sind“, sagt Beeken und schiebt die Erklärung gleich hinterher: „Mehr können wir zeitlich und personell einfach nicht leisten.“

Aus anderen Bezirken klingt es ähnlich: „Selten“ würden ihre Mitarbeiter das Büro verlassen, so Sabine Brohmann, Leiterin der Altonaer Fachstelle. „Die aufsuchende Sozialarbeit ist ausbaufähig.“ Ein Kollege aus einem anderen Bezirk bestätigt: „Hausbesuche sind die Ausnahme, nicht die Regel.“ Die Helfer vom Amt ersticken offenbar in Arbeit: 1800 neue Fälle von drohendem Wohnungsverlust pro Jahr bekommt allein die Fachstelle Mitte vom Gericht oder von Vermietern gemeldet, hamburgweit sind es rund 10.000. Nicht nur darum sollen sich die 108 Mitarbeiter der sieben bezirklichen Fachstellen kümmern, sondern auch möglichst viele Bewohner aus Obdachlosen-Unterkünften in Wohnungen vermitteln. Helfen soll dabei ein Kooperationsvertrag mit Wohnungsgesellschaften, die jährlich 600 Wohnungen für Obdachlose bereitstellen sollen (siehe H&K Nr. 158).

„Wir laufen den Leuten nicht hinterher“

Doch gut ein Jahr nach Vorstellung des Konzepts zeigt sich: Die „Hilfe aus einer Hand“ funktioniert hinten und vorne nicht. Jeder dritte von einer Zwangsräumung bedrohte Mensch landet bei den Fachstellen in der Katgeorie „Fallausgang unbekannt“. Dahinter verbergen sich vor allem Menschen, die auf das schriftliche Hilfsangebot der Behörde nicht reagieren. Zwei Briefe innerhalb von 14 Tagen verschickt zum Beispiel die Fachstelle Mitte. „Wenn dann nichts passiert und keine Kinder im Haushalt leben, laufen wir den Leuten nicht hinterher“, so Beeken. Dass genau das jedoch bei vielen das einzig wirksame Rezept ist, um eine Zwangsräumung zu verhindern, zeigt eine neue Studie. Wie es gut gehen kann, ist seit langem bekannt: In Duisburg zum Beispiel gibt es so gut wie keine Zwangsräumungen mehr. Längst hat man dort begriffen, dass es nicht nur hilfreicher für die Menschen, sondern auch zehnmal billiger für den Steuerzahler ist, eine ausreichende Zahl Sozialarbeiter einzustellen, die mittels Hausbesuchen Zwangsräumungen verhindern. Statt früher 2500 Menschen leben in Duisburg heute nur noch 100 in städtischen Notunterkünften. Ergebnis: Einsparungen in Millionenhöhe.

Anders sieht es in Hamburg aus: Geschätzt 12 Millionen Euro gibt die Stadt jährlich für die Unterbringung von Wohnungslosen aus. 2188 Zwangsräumungen prognostiziert die Justizbehörde für dieses Jahr – das wären kaum weniger als 2005, wo 2316 Haushalte aus ihren vier Wänden geräumt wurden (wie viele Menschen betroffen sind, wird nicht gezählt). Gleichzeitig füllen sich die Notunterkünfte für Wohnungslose: Zählte die Sozialbehörde vergangenes Jahr durchschnittlich 2733 Menschen dort, sind es dieses Jahr 2928. „Nach Einrichtung der Fachstellen gab es eine vermehrte Nachfrage nach öffentlicher Unterbringung von Menschen, die bislang in verdeckter Obdachlosigkeit wie zum Beispiel bei Freunden und Bekannten gelebt hatten“, so ein Erklärungsversuch der Sozialbehörde. Durch den Kooperationsvertrag der Stadt mit den Wohnungsgesellschaften sei „die Hoffnung auf Wohnraumversorgung gestiegen“.

Dabei findet die versprochene Vermittlung vor allem für schwierige Fälle kaum statt: Suchtkranke Obdachlose etwa werden bis heute noch nicht in eigene vier Wände begleitet. Und nach Informationen der GAL gelang es kürzlich einer großen Baugenossenschaft nicht, Mieter für Wohnungen zu finden, die sie im Rahmen des Kooperationsvertrags bereitgestellt hat. Sie habe von den Fachstellen eine Liste mit Namen öffentlich untergebrachter Menschen bekommen und diese angeschrieben – doch nicht mal jeder Fünfte habe geantwortet.

Daraufhin hätten Mitarbeiter der Genossenschaft in den Unterkünften Gespräche angeboten. Doch auch diese seien nicht wahrgenommen worden. „Hier wäre mehr Begleitung und Unterstützung wünschenswert“, so die GAL, deren Bürgerschaftsanfrage zum Thema bei Redaktionsschluss noch nicht beantwortet war.

Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram erklärte auf Nachfrage von Hinz&Kunzt: „Dass nicht sofort alles reibungslos läuft und wir die Erfolge haben, die wir uns wünschen, war zu erwarten.“ In den ersten acht Monaten dieses Jahres hätten die Fachstellen 3740 Wohnungen erfolgreich gesichert, die Zahl der Zwangsräumungen sei um gut fünf Prozent gesunken. „Das Fachstellenkonzept bewährt sich in der Praxis und wird mit einem Mehr an Erfahrung noch besser werden.“

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