Pfandflaschensammeln

Das Brot der Armen

Flaschensammeln ein Vergnügen? Ganz und gar nicht, wie Hinz&Künztlerin Steffi Neils aus eigener Erfahrung weiß: Sie sammelt aus der Not heraus, genau wie viele andere Arme. Dementsprechend empört war Steffi, als sie den Artikel „Die Tour wird eine Gaudi“ in unserer Juli-Ausgabe las. Eduard Lüning erzählt darin, wie er mit einem Wohnmobil von Festival zu Festival in ganz Deutschland reist, dort Dosen sammelt – und innerhalb von 30 Tagen schon mal 13.000 Euro verdient.

(aus Hinz&Kunzt 234/August 2012)

Eine Glasflasche bringt acht Cent, eine Pfandflasche 25 Cent. Reich wird Steffi Neils damit nicht.

Die Tour wird eine Gaudi? Nein: Flaschensammeln ist ein Knochenjob und keine Gaudi! Es ist schlicht Notwendigkeit für Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Pfandflaschen sind das Brot der Armen, die einzige Möglichkeit, Hartz IV oder die Rente aufzustocken. Und für Menschen, die nichts vom Staat bekommen, ist es eine Überlebensmöglichkeit, ohne betteln zu müssen.

Ein Vermögen macht man damit aber ganz sicher nicht. Dass sich jemand allein mit dem Sammeln von Dosenblech und Flaschen ein Wohnmobil leisten kann, glaube ich nicht. Und woher kommt das Geld für die Fahrtkosten zu den Musikfestivals und für die Eintrittskarten? In 30 Tagen, auf zehn Festivals, 13.000 Euro Dosenpfand zusammenbekommen – das schafft niemand allein. Denn das wären 1300 Euro oder in Dosen ausgedrückt: 5200 – auf einer einzigen Veranstaltung!

Immer häufiger werde ich beim Sammeln gefragt, wie viel ich so in einer Stunde verdiene – angeblich könne man ja auf diese Weise schnell reich werden. Im Gegenteil: Für eine Glasflasche gibt es acht Cent, für Plastikflaschen und Blechdosen 25 Cent – sie sind das Gold der Sammler, aber viel seltener zu finden. Ein Aldiwagen voll Acht-Cent-Flaschenglas, 100 Stück, bringt also gerade mal acht Euro. Ich sage: Kleinvieh macht auch Mist, und wer acht Cent nicht ehrt, ist 25 nicht wert.

Wenn ich mit meinem Freund nach einer Tour voll beladen mit Dosen und Flaschen in unserem Rewe-Markt auftauche, sind die Mitarbeiter am Leergutautomaten gar nicht begeistert. Wir müssen oft selbst alles in Kisten sortieren, platte Dosen werden dort überhaupt nicht angenommen. Ich bin ­sicher: Kein Discounter und keine Tankstelle nimmt plattgewalzte Dosen in Massen an, auch mit vorgehaltener Pfandordnung nicht. Wer hat schon Zeit, 5200 Dosen zu zählen?

Nein, der Sammleralltag sieht anders aus: stundenlanges Sammeln und Schleppen bei Wind und Wetter. Ich habe schon erlebt, dass Leute lieber ihre Flaschen zerschlugen oder Dosen zerdrückten, anstatt sie uns zu überlassen. Die meisten Fans bei den HSV-Spielen, bei denen ich immer sammle, sind aber zum Glück nett. Wenn es dort gut läuft, bleibt am Ende ein Gewinn zwischen 20 und 40 Euro. Das reicht zum Überleben. Zu mehr nicht. Dazu kommt: Das Heer der Flaschensammler wächst von Jahr zu Jahr. Ich schätze, in Hamburg sind es zurzeit schon an die 2000. Die Konkurrenz ist also groß, die Stimmung untereinander wird aggressiver. ­Vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis sich Sammler für acht oder 25 Cent die Köpfe einschlagen. Eine Gaudi? Nein: bittere Realität.

Text: Steffi Neils
Foto: Cornelius M. Braun

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