Dämmerung in Billbrook

Hamburgs einziges Autokino musste nach 27 Jahren schließen

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

„Ich gehe nirgendwo anders hin“, stellt Willi Dahms klar. Der Filmvorführer, der heute eine der letzten Vorstellungen startet, arbeitet seit fast 27 Jahren im Autokino Billbrook. Zwar ist sich der 80-Jährige sicher, noch eine andere Anstellung finden zu können, aber jedes andere Kino wäre schlechter als „sein“ Autokino. „Hier muss ich mir von niemandem reinreden lassen“, sagt Dahms, der sieben Kinochefs kommen und gehen sah und sich längst als heimlicher Chef fühlt. Er lehnt lässig gegen die Absperrgitter vor seinem Vorführraum, es ist ein milder Abend nach einem heißen Tag, und Dahms trägt ein kurzes Hemd über gebräunter Haut. An solchen Sommertagen ist das Freiluftkino das Paradies. Wer aus ihm vertrieben wird, den locken stickige Kinosäle nicht mehr.

Dämmerung in Billbrook. Freitag, kurz nach zehn, noch ist das Industriegebiet leergefegt. Gleich wird sich hier der „Transporter“ im gleichnamigen Luc-Besson-Actionfilm mit qualmenden Reifen Autoverfolgungsjagden liefern. Mit dabei sind dann Familienväter, Azubis und Hausfrauen, im eigenen Twingo oder Corolla. Noch sieht das Autokino nur wie ein Supermarktparkplatz aus. Auch die Leinwand wirkt mehr wie eine Reklamefläche, die zu bekleben vergessen wurde. Nur die Stangen, die zwischen den Parkplätzen aus dem Boden ragen, lassen das Ungewöhnliche erahnen. An ihnen hängt jeweils ein Paar Heizstrahler, damit sich die Kinogäste auch im Winter wohl fühlen. Der Kinoton kommt durchs Autoradio, rund ums Kinogelände auf UKW 96,8 zu empfangen.

Platz wäre für 468 Besucher, aber nur etwa 100 Autos wollen heute rein. Aus den heruntergekurbelten Fenstern klingt laute Musik des Kino-Senders. In den Autos sitzen Jugendliche, Familien und Arbeitskollegen – ein Publikum, das man auch im „Cinemaxx“ treffen könnte. Ganz im Sinne der Betreiber, die betonen, dass es im Autokino um gute Filme und längst nicht mehr nur ums Knutschen auf der Rückbank geht.

Die größten Fans des Freiluftkinos aber sind die PS-Verrückten, die mit ihrem Auto ihr ganzes Lebensgefühl ausdrücken. So wie Sascha. Der 21-Jährige ist mit seiner Freundin Jaqueline im aufgemotzten Opel gekommen. Seine Liebe zu diesem Gefährt geht so weit, dass seinen rechten Oberarm ein tätowiertes Opel-Logo ziert. „Für uns kommt eigentlich nur Autokino in Frage“, sagt der Kraftfahrer. So ist auch abends das vierrädrige Familienmitglied dabei. „Und klar hatten wir hier schon Sex“, gibt er freimütig zu. Den Namen seiner Freundin in die Haut zu ritzen, käme für Sascha nicht in Frage: „Da würde ich mir eher mein Auto auf den Rücken tätowieren.“ Wie mancher Seebär die „Gorch Fock“. Denn die Liebe kommt und geht – Opel bleibt.

Neben Sex lockt noch ein anderes Laster ins Autokino, das im „Cinemaxx“ verboten ist: „Hier kann ich rauchen“, erklärt Henning aus seinem grünen Cabriolet mit Oldesloer Kennzeichen. Der 24-Jährige fährt ins Autokino, seit er den Führerschein hat. Früher fast jede Woche. Ein bisschen geknutscht hat er auch. „Naja, mit fünf bis sechs Frauen werde ich wohl schon hier gewesen sein“, antwortet er zögernd und schaut etwas unsicher zum Beifahrersitz. Nummer sieben – Mareille – trägt es mit Fassung. Auf jeden Fall sei es „eine Sauerei“, dass das Kino jetzt schließen muss. „Wenn ich es vorher gewusst hätte, dann hätten wir irgendwelche Aktionen gemacht“, so Henning. Wenn schon der FC St. Pauli gerettet werden konnte – warum dann nicht auch das Freiluftkino?

Es ist kein Abschied im Guten. Wäre das Autokino ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, das einfach nicht mehr rentabel ist, man hätte es einsehen müssen – niemand kann etwas gegen den sich wandelnden Geschmack des Publikums sagen. Aber das Kino hielt sich mit seinen Einnahmen über Wasser. Schuld am Aus ist die Umweltbehörde. Weil das Kino über einem alten Industriekanal gebaut wurde, steigen jetzt gesundheitsschädliche Faulgase an die Oberfläche. Die Behörde besteht auf einer Bodensanierung – 250.000 Euro würde das kosten, zu viel für die Kino-Betreiber.

Wütend sind nicht nur die Besucher. Wütend sind auch alle Mitarbeiter des Kinos. Wütend auf die Behörde, die sie von einem Tag auf den anderen auf die Straße setzt. Nährboden für Verschwörungstheorien, die Stadt könnte das Kino loswerden wollen, um einen profitableren Pächter zu finden. Wut auch über die Reporter, die plötzlich so interessiert sind. Jetzt, wo es zu spät ist. Willi Dahms glaubt nicht an die Bedrohung aus der Tiefe: „Wenn das so stimmt, müsste ich längst tot sein“, sagt er grimmig. Schließlich ist er länger hier als alle anderen.

Der Faszination Kino erlag Dahms mit 13 Jahren. Damals wohnte er noch in Berlin. Dort teilten sich in den Mietshäusern die Parteien eines Stockwerkes eine Toilette. Eines Tages fand Dahms in der Toilettentür einen vergessenen Schlüssel. Und wurde sofort ganz aufgeregt: „Ich wusste, dass die Schlüsseleigentümerin im Kino arbeitet“, erinnert sich Dahms, „und da hoffte ich natürlich, als Finderlohn eine Karte zu bekommen.“ Unbezahlbare 25 Pfennig kostete damals eine Kinokarte.

Seine Nachbarin lud Dahms nicht nur einmal ins Kino ein. Bald war er aus dem Filmtheater nicht mehr wegzudenken. Sogar in den Vorführraum durfte er, denn noch mehr als die Filme faszinierte den Jungen die Technik. „Damals war Vorführer ein richtig gefährlicher Job“, erzählt Dahms, „weil Nitrofilme benutzt wurden, und die sind leicht brennbar.“ Deswegen musste jeder Vorführer auch einen „Vorführschein“ machen.

Später fing er beim Wanderkino an, tingelte durch die Dörfer Norddeutschlands. „Wer nie mit einem Wanderkino unterwegs war, sollte sich nicht Filmvorführer nennen dürfen“, meint Dahms. Aufbauen, die ganze Technik, alles in der Verantwortung des Vorführers. Wenn etwas kaputt war, musste sich Dahms darum kümmern. „Heute wird nur einfach ein Techniker gerufen, und das war’s“, klagt Dahms, „in den Multiplexen werden nur noch die Anfangszeiten einprogrammiert, und der Film läuft automatisch an.“

Dahms wird aus seinen Gedanken gerissen, denn das erste Hupen findet schnell Nachahmer. Geduldig ist niemand im Autokino. Erschrocken schaut Dahms auf die Leinwand: „Oh Mensch, ich rede hier und passe nicht auf!“ Der Film ist verrutscht. „Wenn Sie hier noch einmal hupen, fliegen Sie raus!“, ruft er noch schnell in die Richtung der Autos, und stürzt in seinen Vorführraum.

Im „Allerheiligsten“ des Autokinos ist es ein bisschen wie früher. Zwei Projektoren zielen durch eine kleine Öffnung auf die Leinwand. Bei einem Rollenwechsel schaltet Dahms zwischen den beiden Projektoren um, damit die Zuschauer keine Unterbrechung mitbekommen. In modernen Kinos ist das nicht mehr nötig, dort werden die Filme vorher zusammengeklebt.

Neben der Technik findet sich im Vorführraum auch Privates. Ein Foto von der Enkelin auf dem Regal, ein Foto vom Schäferhund an der Wand. In 27 Jahren hat es sich Willi Dahms auch ein bisschen schön gemacht. Dahms hebt eine Filmrolle auf einen Projektor. Fünf Kilo wiegt so eine Rolle. „Na, ob du das mit 80 auch doch schaffst?“, fragt er den Gast. Dann wirft er einen Blick auf das Foto seiner Enkelin. „Wie es wohl ist, wenn sie 80 wird?“, sagt Willi Dahms nachdenklich. „Wenn das alles so weitergeht, kann man niemandem mehr wünschen, so alt zu werden.“

Er konkretisiert das Unheil nicht, das auf seine Enkelin und alle anderen wartet. Fest steht nur: Wenn heute die Scheinwerfer angehen und die Autos aufheulen, bleiben nur noch eine Handvoll Vorstellungen. Und jetzt, da dieser Artikel erscheint, ist das Freiluftkino schon Vergangenheit.

Marc-André Rüssau

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