Blödes Orchester

Vor den Deichtorhallen proben alte Haushaltsgeräte für ein Konzert

(aus Hinz&Kunzt 208/Juni 2010)

Ein Staubsauger kann nicht nur Dreck wegmachen. Er kann auch Musik von sich geben und zusammen mit Föhn und Heizlüfter in einem Orchester spielen. Den Beweis tritt Michael Petermann an. Der Cembalist und Dirigent zeigt, welch Poesie in Haushaltsgeräten steckt. Sein Ensemble nennt er „Blödes Orchester“ – wegen der beschränkten Fähigkeit jedes einzelnen Instruments, unterschiedliche Töne zu produzieren. Zu hören und zu sehen ist das Entstehen der skurrilen Kapelle im „Klang-Container“ vor den Deichtorhallen.

Faible für sKurrile Töne: Michael Petermann funktioniert Mixer, Kaffeemühlen und Staubsauger zu klassischen Musikinstrumenten um.
Faible für sKurrile Töne: Michael Petermann funktioniert Mixer, Kaffeemühlen und Staubsauger zu klassischen Musikinstrumenten um.

Vor sieben Jahren hatte der Hamburger Musiker die Idee zu seinem ungewöhnlichen Projekt. „Ich hatte schon immer ein Faible für schöne Haushaltsgeräte“, so der 49-Jährige. Nicht für alle, sondern nur für die eleganten Fabrikate von Braun oder Siemens aus den 50er- und 60er-Jahren. Rund 50 Stück hat Petermann schon gesammelt: Entsafter, Mixer, Kaffeemühlen, Waschmaschinen, Bodenstaubsauger und Rasierer, die zu Instrumenten umfunktioniert werden. 50 weitere wird er in den kommenden Wochen auf Flohmärkten oder im Internet zusammenkaufen. In seiner Werkstatt im Klang-Container wird er die Haushaltshelfer dann auseinander- und wieder zusammenbauen und schließlich ihren Klang prüfen: Je nach Drehzahl des Motors erzeugen die Geräte ein Düsen, Röhren und Brummen in unterschiedlichen Tonhöhen. Ein Computer steuert das Ensemble. Zuletzt versieht Petermann die Instrumente mit einer schicken goldenen Schnur: „Musiker sind ja schließlich auch uniformiert“, erklärt er listig.
Ravels „Bolero“ hat Petermann schon probehalber umgesetzt. Wenn die Besetzung des Blöden Orchesters Mitte Juni steht, gibt es ein kleines Abschlusskonzert im Container. Dann geht der Künstler bis zum Herbst in Klausur, komponiert ein Stück und tüftelt am Klang bis zur Präsentation seiner Klanginstallation im Museum für Kunst und Gewerbe.
Michael Petermann ist einer, der künstlerisch gern Neues wagt. Nach dem Studium hat er zunächst ganz klassisch als Organist und Chorleiter in St. Johannis gearbeitet, die sichere Stelle aber bald für die Tätigkeit als freier Künstler aufgegeben. Freie Produktionen auf Kampnagel oder am Allee-Theater haben ihn mehr gereizt. Seit fünf Jahren veranstaltet Petermann auch die monatliche Reihe „Bunkerrauschen“, bei der er in seinem Atelier im Medienbunker alte und neue Musik zu anregenden Konzertreihen zusammenstellt. Das Blöde Orchester wird vielleicht sein Meisterstück.

Text: Sybille Arendt
Foto: Daniel Cramer

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