Behördenbilanz

2559 Menschen nutzten das Winternotprogramm

So viele zusätzliche Schlafplätze für Obdachlose gab es in Hamburg noch nie: Rund 800 Schlafmöglichkeiten bot die Stadt an. Die Auswertung der Sozialbehörde nach dem Ende des Winternotprogramms ergibt: Die Plätze waren nicht nur belegt, sie reichten gar nicht aus. Jetzt ist die Frage, was mit den 2559 Menschen geschehen soll, die das Programm den Winter über nutzten.

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Einer von 2559: Nach dem Ende des Winternotprogramms in der Spaldingstraße zieht der obdachlose Malin ins Pik As. Er hat Angst, auf der Straße zu schlafen.

Es war das größte Hamburger Winternotprogramm, das es je gab. Mehr als 800 zusätzliche Schlafplätze stellte die Sozialbehörde zwischen November 2012 und April 2013 für Obdachlose zur Verfügung. Gestartet war das Programm mit 252 Plätzen, zu denen nach und nach Jetzt zieht die Behörde das Fazit: „Fast alle Plätze waren zu 100 Prozent und darüber hinaus ausgelastet“, heißt es in der Auswertung des Programms.

2559 Menschen nutzten das Programm demnach: Nacht für Nacht waren es rund 1000 Menschen. Sie schliefen in der großen Unterkunft in der Spaldingstraße (230 Plätze, bis zu 264 Menschen) oder in Unterkünften in Jenfeld (170 Plätze) oder der Schnackenburgallee (170 Plätze). Der größte Andrang herrschte im Pik As. Die Notübernachtungsstelle in der Neustadt ist ganz jährig geöffnet. Regulär können hier 190 Obdachlose übernachten. Fast 200 zusätzliche Schlafplätze räumte der Betreiber fördern und wohnen hier ein.

Allerdings war längst nicht für jeden, der im Pik As Unterschlupf suchte, ein Bett da. Von den bis zu 397 Menschen, die hier schliefen, mussten viele sich auf dem Fußboden oder Stühlen einen Platz zu suchen. Besser ging es denen, die einen der 92 Plätze in Wohncontainern bei Kirchengemeinden ergattert hatten. „Ich bin froh, dass wir mir vereinten Kräften sicherstellen konnten, dass kein Mensch bei den eisigen Temperaturen draußen übernachten musste, wenn er nicht wollte“, sagte Sozialsenator Detlef Scheele (SPD). 1,1 Millionen Euro bezahlte der Senat für das Winternotprogramm.

Fast die Hälfte der Obdachlosen in der Spaldingstraße stammt aus Osteuropa

Die Sozialbehörde hat auch ausgewertet, wer die Menschen sind, die das Winternotprogramm nutzten. Demnach liegt das Alter der Hilfesuchenden „im Gegensatz zu früheren Winternotprogramm mit eher älteren Obdachlosen“ zum größten Teil zwischen 26 und 49 Jahren. Auch, wo sie herstammen, hat sich verändert. Rund jeder fünfte, der in der Spaldingstraße schlief, war Deutscher. Die meisten Menschen stammen aus anderen Ländern, vor allem aus Osteuropa (48 Prozent) und Afrika (16 Prozent).

Die Übernachtungsmöglichkeit in der Spaldingstraße wurde auch in diesem Jahr wieder von einem Beratungsangebot für obdachlose EU-Bürger begleitet. Die Mitarbeiter der Anlaufstelle berieten während des Winternotprogramms laut Sozialbehörde 861 Menschen aus EU-Ländern. 407 habe man die Rückreise in ihr Heimatland vorbereitet. Für 51 Menschen wurden in Hamburg Sozialleistungen beantragt, für 88 Menschen neue Reisepässe.

113 Menschen, betont die Behörde, kehrten nach Ende des WInternotprogramms am 15. April nicht in die Obdachlosigkeit zurück. Sie leben demnach jetzt in Wohnunterkünften (54 Menschen) oder sogar in einer eigenen Wohnung (23) oder zogen in Therapieeinrichtungen (7), Wohnprojekte (14) oder Kirchenkaten (3).

„Wir sind freundschaftlich-konsequent.“ Sozialsenator Detlef Scheele (SPD). Foto: Cornelius M. Braun
Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) fordert ein „solidarisches Klima“, um mehr Unterkünfte für Obdachlose schaffen zu können.

Doch den meisten Obdachlosen bleibt erstmal nichts als die Straße. Sozialsenator Scheele verspricht, sich um sie zu kümmern. „Wir bemühen uns zur Zeit sehr, die vorhandenen Kapazitäten auszuweiten“, sagte er zu öffentlichen Unterkünften für Obdachlose, die einen sogenannten „Rechtsanspruch“ haben, von der Stadt untergebracht zu werden. Dafür wirbt Scheele um Unterstützung: „Dafür brauchen wir in ganz Hamburg ein solidarisches Klima. Es kommt darauf an, dass sich alle Beteiligten in Politik, Bezirken, Verbänden und der Bevölkerung an dieser Aufgabe beteiligen.“

Obdachlose ohne diesen „Rechtsanspruch“ möchte Scheele allerdings lieber nicht in Hamburg versorgen müssen. „Wir wollen gezielt in den Heimatländern Hilfe anbieten“, sagte er. Insbesondere wer „kein Deutsch spricht“ und „keine Ausbildung hat“ habe „hier einfach keine Chance“. Für diese Menschen sei „das Scheitern nahezu programmiert. Ein Leben auf der Straße bietet keine Perspektive.“ Und das gilt dann wieder für alle.

Text: Beatrice Blank
Fotos: Evgeny Makarov, Cornelius M. Braun

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