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Dokumentarfilmwoche Hamburg

Besser als Fernsehen

28. März 2014 | Von | Kategorie: Hinz&Kunzt 254/April 2014

Vor elf Jahren hatte das 3001-Kino im Schanzenviertel die Idee, mal an zwei, drei Abenden ausschließlich ­Dokumentarfilme zu zeigen. Heute läuft die Dokumentarfilmwoche Hamburg in vier Kinos und präsentiert mehr als 50 Filme aus 18 Ländern. Wir haben uns vorab Produktionen von Hamburger Filmemachern angeschaut.

(aus Hinz&Kunzt 254/April 2014)

„Warum will ich alles zerschlagen?“
Ein Paar baut ein Haus; ein modernes Haus in einem der besseren Viertel Hamburgs. Es nimmt zwei Pflegekinder auf, erst Martin, dann Ulli. Großer Bruder, kleiner Bruder – die Jungs mögen sich. Aber Ulli ist oft krank, ist nicht sehr robust, doch dann fängt er sich, scheint ein ganz normaler Junge zu werden. Bis er als Heranwachsender zu Tobsuchtsanfällen neigt, die sich immer mehr steigern, statt zu verschwinden. Immer wieder muss er eingewiesen werden: in Ochsenzoll, Rissen, im UKE. Er türmt, geht zurück, nimmt Psychopharmaka, setzt sie ab. Die beiden Brüder halten den Kontakt; die Eltern auch.

Jahre später ist Martin Filmemacher und Ulli ist tot. Der Vater spricht, die Mutter spricht, dazwischen schneidet Martin Heckmann Momente aus glücklichen Tagen, festgehalten auf heute krisseligem Super-Acht-Film: im Urlaub, beim Angeln. Einmal rudert der etwa zwölfjährige Ulli ganz alleine über einen großen See. Später ein Video-Interview: „Warum will ich ­alles zerschlagen?“, fragt Ulli seinen Bruder. Manchmal geht er auf einen Schrottplatz, haut Autos kurz und klein. Ein Freund sagt: „Man konnte ihn über die nächsten Minuten retten.“ Mehr sei nicht möglich gewesen. Harte Kost, berührend und bewegend: einer dieser Filme, die im Fernsehen – dieser großen Beruhigungsmaschine – nur auf weit entlegenen Sendeplätzen zu nachtschlafender Zeit zu sehen sind. Wenn überhaupt.

Ulli: Metropolis, Do, 10.4., 21.45 Uhr, Eintritt: 7,50/ 5,50 Euro.

„Die wollen mich hier drinnen umbringen.“
Wenig hat in den letzten Jahren die Öffentlichkeit so polarisiert wie das Schicksal von sicherungsverwahrten Menschen, die in die Freiheit entlassen werden mussten, als der Europäische Gerichtshof ein pauschal unbegrenztes Wegschließen für rechtswidrig erklärt hatte. Meist sah man dann in kurzen Nachrichtenschnipseln aufgebrachte Bürger auf einer Straße lauthals protestieren, während sich ein oft älterer Mann hinter den Gardinen eines tristen Hauses versteckt hielt. Die Hamburger Filmemacherin Christa Pfafferott wählt da einen radikal anderen Blick: Sie hat über längere Zeit eine forensische Frauenklinik besucht und in aller Ruhe den dort untergebrachten Frauen und ihren Pflegerinnen bei ihrem Alltag zugeschaut. Bei der Medi­kamentenausgabe, beim Einschluss in die Zelle, beim Rauchen im Hof.

Die sicherungsverwahrten Frauen sind keine Engel: „Ich habe etwas getan, was ich nicht sagen möchte“, sagt eine. Eine andere ist sich sicher: „Die wollen mich hier drinnen umbringen.“ Ihren Pflegerinnen bleibt nur, sie zu trösten, zu beruhigen oder notfalls mit Lederbändern auf einer Liege zu fixieren. Sie haben über die Frauen nicht zu entscheiden. So müssen alle miteinander auskommen: Tag für Tag, Monat für Monat, dann Jahr für Jahr. Der Film gibt keine leichtfertigen Antworten, sondern lässt seine ­Zuschauer mit immer mehr Fragen zurück.

Andere Welt: Lichtmess Kino, Fr, 11.4., 18.00 Uhr, Eintritt: 7,50/ 5,50 Euro

„Haben Sie gestern die Scheibe Schwarzbrot gegessen?“
Der Tod gehört zum Leben – dieser Satz wird oft und gern gesagt. Weil er gut klingt. Und weil er – meistens – so folgenlos ist. Denn was ist, wenn es ans Sterben geht?

Der gerade mal 18 Jahre alte Sina Aaron Moslehi hat einen bemerkenswert unsentimentalen Film über das ans Israelitische Krankenhaus angegliederte Hospiz gedreht. Er ist mit der Kamera dabei, wenn die Schwestern bei der Übergabe über ihre Patienten reden; schaut zu, wenn eine Frau aus dem Bett gefallen ist und nun vorsichtig wieder ins Bett zurückgelegt wird. Vor allem spart er die Konflikte in einem Hospiz nicht aus: Da ist der Patient, der überhaupt nicht findet, dass nun Schluss sein soll mit lustig, während seine Frau damit ringt, dass ihr einst so starker Lebensbegleiter immer mehr abbaut. Da ist der Ehemann, der den Zustand seiner Frau nicht akzeptieren kann, denn bestimmt gibt es noch irgendwo auf dieser Welt einen Arzt, der sie retten wird. Und da sind die Angehörigen, die sich eingestehen, dass sie nicht alles mit dem eben Verstorbenen besprochen haben, was sie hätten besprechen können. Dazwischen viel Alltag: Abrechnungen mit der Krankenkasse am Computer; nachfragen, ob die Patientin die Scheibe Schwarzbrot gegessen hat. So ist „Zeit zu leben“ ein sehr sehr menschlicher Film geworden, der dem Ort „Hospiz“ ein wenig von dem Heiligenschein nimmt, den wir ihm allzu oft aufsetzen.

Zeit zu leben: Lichtmess Kino, Do, 10.4., 18 Uhr, Eintritt: 7,50/ 5,50 Euro

Text: Frank Keil
Das komplette Programm der Dokumentarfilmwoche vom 9.–13. April findet sich unter www.dokfilmwoche.com

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