Ein-Euro-Jobs

Beschäftigungsprojekte vor dem Aus

Schock für Stadtteilprojekte der Diakonie in Wilhelmsburg: Weil es im nächsten Jahr viel weniger Ein-Euro-Stellen gibt, droht nun vielen Angeboten das Aus. Wie dem Laurens-Janssen-Haus in Kirchdorf-Süd und der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg.

Im Stadtteilcafé „Bei Janssens“ treffen sich die Nachbarn aus Kirchdorf-Süd zum Kafee trinken und Klönen. Im Service sind Ein-Euro-Jobber im Einsatz – doch zum Jahresende soll Schluss sein (Foto: Laurens-Janssen-Haus)

„Das ist ein herber Schlag“, sagt Birgit Veyhle. Die Leiterin des Laurens-Janssen-Hauses in Kirchdorf-Süd hat vor Kurzem erfahren, dass ihre Einrichtung schließen muss. Denn im Stadtteilzentrum wird ein Großteil der Arbeit von 50 Langzeitarbeitslosen, sogenannten „Ein-Euro-Jobbern“ gestemmt – viele von ihnen stammen aus der Türkei, Russland, Polen oder Afrika.

Im beliebten Stadtteilcafé „Bei Janssens“ schenken sie Kaffee aus, helfen Senioren beim Einkaufen oder unterstützen die Besucher bei Bewerbungen. „Zwischen 40 und 60 Menschen nutzen unsere Angebote jeden Tag“, sagt Birgit Veyhle, „wo sollen die denn hin, wenn wir zumachen müssen?“

Keine der 50 Ein-Euro-Stellen wurde bewilligt. Entschieden hat das eine Gruppe aus der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), der Arbeitsagentur Hamburg und dem Jobcenter team.arbeit.hamburg. Hintergrund ist, dass die Zahl der Ein-Euro-Jobs von 6000 in diesem Jahr auf 3900 in 2012 gekürzt wird.

Träger mussten sich um die Vergabe bewerben

Alle sozialen Träger in Hamburg mussten sich in einem so genannten Interessenbekundungsverfahren um die Ein-Euro-Jobs bewerben. 350 Angebote reichten die Träger ein. Laut Arbeitsagentur wurden 30 von ihnen aus formalen Gründen ausgeschlossen – etwa, weil sie unvollständig waren – und 107 Angebote deswegen, weil sie die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllen: Dazu gehört, dass die Ein-Euro-Jobs nicht mit regulären Jobangeboten auf dem Ersten Arbeitsmarkt konkurrieren dürfen. Zudem müssen es zusätzliche Stellen sein, die vorher so nicht angeboten worden sind. Und: An der Einrichtung der Stellen muss öffentliches Interesse bestehen.

Knut Böhrnsen, Sprecher der Arbeitsagentur Hamburg sagt: „Die Mittelkürzungen kommen nicht überraschend für die Träger, viele haben sich den veränderten Rahmenbedingungen der letzten Jahre gut angepasst, in dem sie neue Geschäftsfelder entwickelt haben. Arbeitsgelegenheiten sollen den einzelnen Menschen in seiner Lebenslage unterstützen und stabilisieren, um dann nächste Schritte einer passenden Eingliederung anzugehen.“

Nur: Die passenden Eingliederungsmaßnahmen gibt es nicht. Gabi Brasch, Vorstand im Diakonischen Werk Hamburg, kritisiert, man könne Ein-Euro-Jobs nicht abschaffen, „ohne den Betroffenen vernünftige Alternativen anzubieten.“ Das Diakonische Werk will grundsätzlich, dass sich die Arbeitsmarktpolitik ändert: hin zu öffentlich geförderten Jobs mit Sozialversicherungspflicht für Langzeitarbeitslose. Brasch: „Was Erwerbslose brauchen und wollen ist richtige Arbeit – auch und gerade, wenn sie auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben.“

Unverständnis über Ablehnung

Birgit Veyhle ist überzeugt, dass die Arbeit im Laurens-Janssen-Haus ein Sprungbrett sein kann: „Gerade erst haben wir einen bisherigen Aktivjobber auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt.“ Außerdem käme den rund 6000 Bewohnern der Hochhaussiedlung ein wichtiger Ort der Begegnung und Unterstützung abhanden – eine feste Institution in Kirchdorf-Süd, die seit zehn Jahren besteht.

Ein-Euro-Jobber Walter Stendera ist bei der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg in der Grünpflege beschäftigt. Das Projekt steht vor dem Aus, weil für 2012 keine Stellen mehr bewilligt wurden.

Auch die Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg (AIW), die unter anderem ein Sozialkaufhaus, eine Fahrradwerkstatt und ein Grünpflegeprojekt betreibt, hat das Vergabeverfahren hart getroffen: Kein einziger Ein-Euro-Job wurde weiter bewilligt, ebenfalls ohne konkrete Begründung. AIW-Geschäftsführer Joachim Januschek ist geschockt und versteht die Entscheidung nicht: „Jahrelang hat unsere Arbeit den Kriterien entsprochen. Jetzt plötzlich nicht mehr.“

Bei der AIW ist die Zahl der Ein-Euro-Jobber bereits dieses Jahr massiv gekürzt worden: Während es 2009 noch 175 Ein-Euro-Jobber gab, werden zur Zeit noch rund 70 beschäftigt. Nach den neuen Plänen ist das Überleben der Initiative nun akut gefährdet: „Wir wissen im Moment nicht, ob wir noch weitermachen können“, sagt Januschek.

Text: BEB/SIM

Weitere Informationen zum Thema:
Lesen Sie, welche Maßnahmen die Diakonie für Langzeitarbeitslose will  und begleiten Sie uns auf eine Vor-Ort-Reportage zur Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg

Foto: Mauricio Bustamante

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