Proteste am Bauzaun

Luxusmieten im Bernhard-Nocht-Quartier

23. Juli 2012 | Von | Kategorie: Das Thema, Nachrichten

Es ist so gekommen, wie Initiativen es befürchtet hatten: Normalverdiener werden sich die Mieten im Bernhard-Nocht-Quartier auf St. Pauli nicht leisten können. 16,70 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter will ein Vermieter für eine Wohnung haben. Die Anwohner laufen Sturm, die Polizei ermittelt jetzt gegen Protestler.

Ist das Sachbeschädigung? Protest-Plakat am Bauzaun des Bernhard-Nocht-Quartiers.

„Das riecht nach Ärger“ steht auf einem Plakat am Bauzaun vor dem Bernhard-Nocht-Quartier auf St. Pauli, „Keine Rendite mit der Miete“ auf einem anderen. Rund 20 Aktivisten der Kampagne SOS St. Pauli, die sich gegen Verdrängung auf dem Kiez einsetzt, bringen die Sprüche gegen Wahnsinns-Mieten am Samstagnachmittag an dem Zaun an: Bei Facebook hatten sie zur Aktion „Verschöner your local Bauzaun“ aufgerufen. Zwischen den Sprüchen hängen Schwarzweißfotos von dem Haus, das im Februar abgerissen wurde und gerade neu gebaut wird. Um die Mieten in den entstehenden Wohnungen ist nun ein Streit entbrannt: Im Internet war vergangene Woche eine Anzeige aufgetaucht, in der ein Quadratmeterpreis von 16,70 Euro verlangt wurde. Fast 2200 Euro kalt soll die 130-Quadratmeter-Wohnung kosten, inklusive kalter Nebenkosten. „Das ist bestimmt nur ein Testballon“, glaubt einer der Aktivisten am Bauzaun und befürchtet noch höhere Mieten, wenn der Bau erst einmal abgeschlossen ist.

Die Wohnungsanzeige klingt eher nach Blankenese als nach St. Pauli. „Parken Sie sicher in der objektbezogenen Tiefgarage“, hieß es in der Anzeige bei immonet, die inzwischen wieder aus dem Netz verschwunden ist. Werbung für die Luxuswohnung wird sogar mit den Anwohnern gemacht, die sich gegen so hohe Mieten in ihrer Nachbarschaft wehren: „St. Pauli ist ein Stadtteil in Bewegung, voller Überraschungen und interessanter Menschen“, schreibt der Vermieter. Darauf reagieren die Aktivisten um SOS St. Pauli empört, der Tonfall wird aggressiv. „Ihr werdet euch noch wünschen, eure interessanten Nachbarn niemals kennengelernt zu haben“, haben sie auf ein Plakat am Bauzaun geschrieben. Und: „Verpisst euch, ihr Geldsäcke!!!“

„Unfassbar“ findet diese Entwicklung der Mieten auf St. Pauli auch Stadtplanerin Janne Kempe von der GWA St. Pauli. Der Verein mit Sitz am Hein-Köllisch-Platz macht im Viertel Kultur- und Sozialarbeit und beobachtet den Wohnungsmarkt mit Argwohn. Luxusmieten im Bernhard-Nocht-Quartier hatten Kempe und SOS St. Pauli befürchtet, doch kaum jemand wollte sie ernst nehmen. Jetzt ist es genauso gekommen, wie sie es prognostiziert hatten. „Diese Mieten kann sich hier keiner leisten“, sagt sie. „Das zeigt genau, was auf St. Pauli in Zukunft auf uns zukommt.“ Verantwortlich für diese Entwicklung sei die Politik, die den Investoreninteressen in die Hände spiele. Ihre Forderung: „Es dürfen nur noch Neubauten für sozialen Wohnungsbau genehmigt werden!“

"Ihre Meinung zum Bernhard-Nocht-Quartier?" Auf solchen Plakaten tun Anwohner in der Nachbarschaft ihren Unmut über die hohen Mieten kund.

Auch der Mieterverein zu Hamburg macht die Politik verantwortlich. „Das sind nicht die Wohnungen, die wir in Hamburg brauchen“, sagt dessen zweiter Vorsitzender Siegmund Chychla. Denn: „Wer so viel Miete bezahlen kann, kann sich auch eine Eigentumswohnung leisten“, sagt er. Deswegen spricht sich auch Chychla für den verstärkten Bau von Sozialwohnungen aus. „Die Stadt muss bei der Vergabe von Grundstücken darauf achten, dass  keine Luxuswohnungen gebaut werden.“

Und sogar der Vermieter sieht die Verantwortung bei der Stadt, die schließlich den Grundstückspreis bestimmt habe. „Bei Neubauten müssen sie mindestens 12 Euro nehmen, um die Kosten reinzubekommen“, sagt ein Sprecher von Prelius Deutschland. Die Firma verwaltet die Wohnung für den Eigentümer. „Sie würden auch das bauen, wofür es die größte Nachfrage gibt“, wirbt er um Verständnis für die Bauherren im Bernhard-Nocht-Quartier. Die Kaltmieten der übrigen Wohnungen würden zwischen 12 Euro und 15,50 Euro liegen – ohne Nebenkosten. „Im reinen Neubau ist das kein Wucher“, sagt der Sprecher mit Verweis auf die gehobene Ausstattung der Wohnung und das Wohnumfeld. „St. Pauli ist auch einfach ein Trendbezirk.“

Aus dem Bezirksamt-Mitte war am Montag keine Stellungnahme zu erhalten. Leiter Andy Grote (SPD) werde sich nach seinem Urlaub dazu äußern, sagte eine Sprecherin.

Der Protest am Bauzaun war nicht lange sichtbar und hat ein juristisches Nachspiel. Nach nur einer Stunde entfernten Polizisten aus der nahen Davidwache die Plakate und Spruchbänder wieder. „Das sind Beweismittel“, sagte Polizeisprecher Holger Fehren zu Hinz&Kunzt. Die Beamten ermitteln nun wegen Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz gegen die Aktivisten, weil sie ihre Aktion nicht bei der Polizei angemeldet hatten.

Text und Fotos: Benjamin Laufer

3 Kommentare
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  1. Es kommt immer auf die Sichtweise an, wo dieser Zaun steht, wo die Protestplakate drann gehängt sind !!
    Steht diese Zaun auf dem Baugrundstück, ist das wohl Sachbeschädigung, steht dieser außerhalb des Grundstückes,
    ist das freie Meinungsaüßerung !! Alles ist erlaubt, so lange einem nicht nachgwiesen wird, das es rechtwiedrig ist !!
    Jeder Protest auf dieser Art und weise ist erst ein mal gut, weil er Öffentlichkeit schafft !! Ob die Polizei fremdes Eigentum einfach so einbehalten darf, möchte ich auch noch bezweifeln !! Weiter hin ist es fraglich, ob die sich dort versammelt haben, dann haben wir uns wohl unter der Kirstein – Miles – Brücke auch strafbar gemacht, weil wir dort anwesend waren !! Aber bis zum heutigem Tage ist nichts zu tage gekommen, und ich möchte doch mal um Verständnis für Unmut werben !! Wem nützt es denn, wenn sich die Polizei hier unbeliebt macht, muß die sich überall einmischen, ob wohl noch gar keine Straftat vorliegt !! Da sind welche sauer, nur weil hier eine Meinung herrscht, die gegen den Strich gehen !! Wem wunderts da noch, das es Widerstand gibt, wenn nicht mit ein ander kommuniziert wird !! Hier kann jeder machen was er will, bloß keiner darf seine meinung da zu äüßern !! Schein bar leben wir doch in kein Land, wo freie Meinungen zählen ?? !!

    Erich Heeder – HINZ&KUNZT – Verkäufer

  2. Was bleibt ist die zentrale Frage: Wie viel Geld verträgt St.Pauli?

    Für die “alten” Bewohner des Viertels ist es schon schwierig genug in einem Viertel zu leben, das von der Stadtpolitik regelmäßig zum Tollhaus für zahlende Besucher benutzt wird. Ob Schlagermove, Triathlon, HarleyDays, oder Eurovision, wann immer zahlende Horden erwartet werden, sollen sich diese auf St.Pauli auskotzen, Pardon -toben.

    Was aber passiert, wenn dann die reichen Bürger den “verruchten” Stadtteil für sich entdecken? Geht es diesen ganzen “Kulturveranstaltungen” dann so, wie heuer dem “Keine Knete – Trotzdem Fete” festival in Wilhelmsburg, wo die Beschwerde von 2!!! Anwohnern ausreichte, das angemeldete Festival von 2 auf einen Tag zu kürzen?

    Ob nun der Tatbestand der Sachbeschädigung zutrifft wage ich zu bezweifeln. Der Bauzaun ist nach der Abnahme der Plakate sicher wieder im Originalzustand und somit nicht beschädigt.

    Sicher ist, 16,70 EUR sind noch nicht das Ende der Fahnenstange sondern vermutlich eher der Tatsache geschuldet, dass “noch” zu viel unliebsamer Pöbel in der Nachbarschaft zu finden ist. Dass dies so ist sieht man auch an den Blicken der Gäste im Empire Riverside, die sicherlich glücklich sind, dass ihnen der Blich aus der 20UP Bar nicht vom gewöhnlichen Pöbel versperrt wird. Hamburg, Du wirst zu einer Hure, die Geld über die eigene Bevölkerung stellt. Schreber hat gezeigt wes Geistes Kind diese Entwicklung ist, als er unter der Kerstin Miles Brücke die Obdachlosen einer trockenen Unterkunft berauben wollte und eine umgekehrte Ghettoisierung betrieb. Dass er nicht der Kern des Problems war ist klar, er war einfach nicht gerissen genug das Ganze subtil vorzubereiten.

    Es kann nur heißen, Hamburger wehrt euch gegen Hamburg, denn wenn erst einmal die Mieter zu den Mieten da sind, dann muss auf St.Pauli noch viel mehr passieren, als ein paar Bauzaun-Plakate.

  3. @ILL
    schön auf den Punkt gebracht.

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