„Ball in die Kanone und ab!“

3500 geistig behinderte Sportler treten bei den Special Olympics an

(aus Hinz&Kunzt 136/Juni 2004)

„Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben!“ – Mit diesem Eid beginnen am 14. Juni die Special Olympics National Games in Hamburg Aus 14 Bundesländern reisen die rund 3500 geistig und mehrfach behinderten Sportler an, und auch europäische Nachbarländer schicken Athleten. Annette Woywode hat sich bei Hamburger Olympioniken umgehört.

Fußball:

Gerhard Merges, Trainer der Alsterarbeit-Fußballmannschaft, coacht seine Jungs seit acht Jahren. Früher hätte er locker zwei Mannschaften mit je zehn Feldspielern plus Torwart zusammenbekommen. Heute hat er Nachwuchssorgen. Daher schickt die Evangelische Stiftung Alsterdorf nur elf Fußballer ins Rennen. Aber zum Glück wird Fußball bei den Special Olympics auf Kleinfeld ausgetragen. Es spielen sechs gegen sechs – so bleiben noch Kicker zum Auswechseln. Insgesamt sind 70 Teams gemeldet, die auf zwölf Feldern auf der großen Festwiese des Stadtparks gegeneinander antreten. Die Fußballer von Alsterarbeit sind hoch motiviert, wie das Gespräch mit drei Mannschafts-Kollegen beweist.

Mario Steinberg, 31, Hausmeister, war schon bei den nationalen Sommerspielen in Berlin (2000) und Frankfurt (2002) dabei: „Eigentlich bin ich Mittelfeldspieler. Aber egal. Wenn man mi Platz lässt, schalte ich meinen Turbo an. Damals in Frankfurt habe ich vier Tore gemacht. Ecke, Ball in die Kanone und ab ins Tor. Manchmal spiele ich aber auch wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Dann bekomme ich einen Einlauf vom Trainer. Danach geht’s besser. Wenn du bei einem so großen Turnier spielst, da willst du dein Bestes geben. Aber wenn’s nicht klappt, dann eben nicht. Ich kann verlieren. Wir sind eine Mannschaft und halten zusammen. Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen.“

Stefan Schütz, 36, Hausmeister, Teilnahme an den Spielen in Berlin und Frankfurt: „Manchmal ist meine Form gut, manchmal nicht. Einmal musste ich morgens bei einem Turnier vom Trainer erst mal einen Anschiss kriegen. Danach habe ich gedacht: Das kann doch nicht wahr sein – und habe später im Halbfinale fünf Dinger gehalten! Seitdem werde ich Achtmeter-Killer genannt.

Ich habe schon zwei Goldmedaillen und eine in Bronze gewonnen. Wenn man weiß, was man selber geschafft hat, welche Leistungen man gebracht hat, da ist man stolz drauf.

Mein Bruder hat mir einen Stern gebaut und an jede Ecke einen Haken angebracht. An die habe ich meine Medaillen gehängt. Und der Stern hängt über meinem Bett im Schlafzimmer. Aber wichtiger als Medaillen ist eigentlich, dass man bei den Spielen so viele Leute kennen lernt, aus anderen Werkstätten zum Beispiel.

Ronny Hausner, 20, Hausmeister: „Ich habe auch schon eine Bronzemedaille gewonnen, bei den Spielen in Frankfurt. Ich weiß gar nicht, wo die ist. Aber ich habe sie noch. Mir macht Fußball Spaß. Ich bin Verteidiger. Und mein Lieblings-Fußballer ist Torsten Frings von Borussia Dortmund.“

Tischtennis:

Zwölf Tischtennisspieler, die bei der Stiftung Alsterdorf arbeiten, treten bei den Special Olympics an.

Andree Dornieden, 37, Tischler, ist einer von ihnen: „Tischtennis macht mir Spaß. Ich fühle mich in ruhigeren Sportarten zuhause. Tischtennis ist natürlich auch anstrengend, aber es geht nicht so auf die Knochen.

Ich war schon in Frankfurt bei den Special Olympics dabei. Da habe ich den vierten Platz abgeräumt. Meine Verlobte, Petra Synold – das ist die Frau da neben mir auf dem Foto – die hat in Frankfurt Gold im Doppel und Bronze im Einzel gewonnen. Für mich ist das praktisch: Ich kann immer mit meiner Verlobten trainieren. Sie spielt weitaus besser als ich. Und ich will dieses Jahr auch eine Medaille holen. Obwohl – eine Medaille habe ich ja schon. Jeder, der an den Special Olympics teilnimmt, bekommt eine Mitmach-Medaille. Mitmachen ist nämlich die Hauptsache. Aufgeregt bin ich deshalb auch nicht. Ich verhalte mich ganz normal.

Ich wünsch mir für die Spiele schönes Wetter. Wir spielen zwar in der Halle. Aber in der Pause will man andere Sportarten angucken. Das macht mehr Spaß, wenn es nicht regnet.“

Jonglieren:

Rund 800 Sportler leben während der Spiele im Olympischen Dorf auf dem Gelände der Stiftung Alsterdorf. Der Alsterdorfer Markt bildet den olympischen Marktplatz, wo ein sportliches und kulturelles Programm für Teilnehmer und Gäste läuft (siehe Infokasten).

[F]Alfons Wehrbeck, 60, Tischler: „Ich fahre seit 1987 Ski Alpin. Angst habe ich nicht. Gestürzt bin ich ab und zu mal. Aber nicht schmerzhaft. Bei der Winterolympiade 1993 in Salzburg habe ich eine Gold- und eine Silbermedaille gewonnen. Aber die Hauptsache ist, dabei zu sein. Letzten Winter bin ich in Bayern Ski gefahren. In Hamburg kann man Skifahren ja nicht trainieren. Aber jetzt ist es zu teuer geworden, nach Bayern zu fahren. Das geht nicht mehr so einfach. Ich fahre wieder Ski, wenn’s soweit ist. Bei den Special Olympics werde ich auf dem Marktplatz jonglieren. Mit dem Devilstick. Und ein Diabolo habe ich auch.“ (Devilstick: Ein langer Stab, der mit zwei Stöcken balanciert wird; Diabolo: Ein wie eine Sanduhr geformter Kegel, der mit einer an zwei Stäben befestigten Schnur angetrieben wird, Red.)

Hockey:

Bei den Spielen in Athen ist Hockey offizielle olympische Disziplin. Bei den Special Olympics ist sie eine Demonstrations-Sportart – so wie auch Beach-Volleyball, Boccia, Drachenboot, Golf, Handball, Kajak, Rudern, Segeln und Taekwondo.

Trainerin Marion Parbs von den Harburger Elbe-Werkstätten hofft, dass Hockey nach der Präsentation anerkannt wird – mit veränderten Regeln, die die geistig behinderten Sportler leichter verstehen. Es spielen vier gegen vier, ein Torwart ist nicht vorgesehen, dafür ein Kreis vor dem gegnerischen Tor, den kein Spieler betreten darf.

Das Team der Elbewerkstätten nennt weitere Regeln:


Michael Friedrichs, 43, Schürzenmacher:
„Wenn einer ein Tor geschossen hat, wird ausgewechselt. Oder wenn einer keine Luft mehr hat.“

Jörg Juhl, 43, Verpacker und Monteur: „Aber wir haben alle gute Kondition. Nur manchmal ist einer noch nicht ganz ausgeschlafen.“

Thomas Grahl, 39, Schürzenmacher: „Wir trainieren hart. Nach dem Spiel ist man aber kaputt.“

Renate Müller, 44, Schürzenmacherin: „Man darf auch nicht in den Kreis rein, sonst gibt’s Achtmeter.“

Jörg: „Manchmal gibt’s auch Fouls. Bein ab, Knie ab, Finger ab.“

Andrea Lundt, 41, Schürzenmacherin: „Hockey ist aber gut, da kann man Beweglichkeit lernen.“

Frank Jokisch, 40, Lagerarbeiter: „Und im Angriff, da muss man Tore schießen und gute Pässe machen.“


Gaspare Giacalone, 28, Küchenhilfe:
„Ich gebe lieber den Ball ab, weil Michi besser Tore schießen kann. Aber manchmal versuch ich’s auch.“

Andrea: „Wir müssen immer gucken, wo die eigenen Leute sind. Mit Blicken müssen wir uns unterhalten.“


Jörg:
„Ja, wir müssen vor dem Spiel reden, wie wir spielen wollen.“

Annette Woywode

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