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Ausgang mit Porgy und Mandy

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 152/Oktober 2005

Einen Hund und doppelt verglaste Fenster, mehr braucht man nicht im Münchhausenweg in Flughafennähe

(aus Hinz&Kunzt 152/Oktober 2009)

Unverhohlenes Misstrauen: „Wollen Sie uns auch aufschreiben?“, fragt Gertrud, und Georg hält die Leine von Hund Porgy etwas fester. Vor ein paar Tagen stand schon mal ein Fremder mit Notizblock vor ihnen – 35 Euro hat die Begegnung gekostet. Nur weil der zehnjährige Weißhaarterrier nicht angeleint war. „Eine Unverschämtheit“, findet Gertrud, „irgendwo muss der Hund ja laufen können.“ Im Moment sind Gertrud und Georg die einzigen von vielen Gassigängern im Park am Ende des Münchhausenweges, die ihren Hund angeleint haben: „Der Schweizer hat uns vorgewarnt, dass hier Leute mit Aktentaschen unterwegs sind“, so Georg. Dem wachsamen Eidgenossen mit seinem Schäferhund begegnen sie oft bei ihrer täglichen Tour durch den Park.

Gertrud lebt bald 45 Jahre in Niendorf. Georg zog vor 22 Jahren dazu. Kennen gelernt haben sich die beiden durch eine Freundin. „Alleinsein ist schließlich schwer“, sagt Gertrud, die wie Georg verwitwet ist. In einem Jahr ist ‚Silberhochzeit‘, auch wenn die beiden keinen Trauschein haben. Etwas später feiert Georg dann seinen 90. Geburtstag. Der St. Paulianer im Exil kann sich noch an die Zeit erinnern, als Altona preußisch war. Damals war es verboten, auf öffentlichen Plätzen Pferdehandel zu betreiben. Deswegen fanden die Geschäfte an der Grenze zwischen Altona und Hamburg statt. „Kam ein Polizist aus Altona, verschwanden die Händler nach Hamburg, und der Polizist durfte nicht hinterher“, erklärt Georg lachend.

Wenn mehr mit Pferden gehandelt würde, könnte dieser Trick auch hier am Münchhausenweg funktionieren: Ein paar hundert Meter weiter ist Hamburg zu Ende und Schleswig-Holstein beginnt. Noch dichter dran ist allerdings die Landebahn von Fuhlsbüttel.

Die Flugzeuge sind auch Thema am Altpapiercontainer vor dem Park. Hier stehen Ruth Mertens und Gisela Müller-Thönissen und erzählen, dass es mit dem Fluglärm besser geworden sei. „Früher wurden bei Wartungsarbeiten die Motoren der Flugzeuge nachts im Stand gestartet“, so Ruth Mertens, „da stand man aufrecht im Bett.“ Jetzt gebe es für die Tests eine extra Halle.

Der Lärm am Tag sei nicht so schlimm, erklärt Gisela Müller-Thönissen, schließlich verlaufe die Landebahn parallel zum Viertel, die Einflugschneise führt also nicht über den Münchhausenweg. Außerdem sponsorten die Flughafenbetreiber Schallschutzfenster genauso wie Lüftungsanlagen für die Schlafzimmer der Anwohner, damit niemand mehr bei offenem Fenster schlafen muss. Seither sei es zumindest in den Häusern hier durchgehend ruhig, sagt Müller-Thönissen.

Um die Gegend richtig kennen zu lernen, fehlt eigentlich nur noch ein Gespräch mit dem Wirt der Eckkneipe. Im Münchhausenweg heißt sie „Bierstübchen“, hat aber leider geschlossen. Außerdem wirkt sie auf den ersten Blick nicht sehr freundlich: „Einbruch zwecklos, Automaten werden täglich geleert“, macht ein selbst gebasteltes Schild klar, daneben zwei Aufkleber einer Alarmanlagenfirma. Da würde es nicht verwundern, wenn der Wirt eine Flinte neben dem Zapfhahn liegen hätte und neugierige Fragen überhaupt nicht schätzt.

Deswegen versuchen wir unser Glück gegenüber, im Kosmetik- und Fußpflegestudio. Vielleicht ist ja der Fußpfleger für einige Bevölkerungsteile das, was der Wirt für den Rest ist: Beichtvater und Psychologe in einem. Die Person, die alles erzählt bekommt, was die Gemeinde bewegt. Martina Spielvogel führt den Laden seit zwölf Jahren – in der Zeit hat sich einiges im Viertel verändert: „Früher gab es hier einen Tante-Emma-Laden, einen Schlachter, eine Post“, erinnert sie sich. Nach und nach hat alles zugemacht, wer jetzt Besorgungen machen will, muss in den Bus steigen: „Das ist gerade für die Älteren natürlich bitter.“ In ihrem Stuhl sitzt Elke Tiemann, sie ist vor zwölf Jahren weggezogen und kommt nur noch hierher, um ihre Tochter zu besuchen. Deswegen fallen ihr die Veränderungen noch stärker auf: „Niendorf war ja früher noch ein richtiges Dorf, hier gab es sogar noch Bauern“, sagt die 59-Jährige, die im Viertel geboren ist. „Das ist natürlich ganz anders geworden. Außerdem sind immer mehr Menschen weggezogen, in meiner Straße kenne ich nur noch drei oder vier Nachbarn von früher.“

Den schönsten Garten im Münchhausenweg hat übrigens Doris Krause. Ein wahres Blumenmeer umspült das Häuschen. Dazwischen rennt der schwarze Bordercollie Mandy herum. Der Garten macht viel Arbeit: „Von März bis Mitte September arbeiten wir täglich sicher zwei Stunden“, sagt die 46-Jährige, die gerade eine Pflanze an der Hecke beschneidet. Sie lebt hier zusammen mit ihrer Freundin, seit 17 Jahren sind sie ein Paar. „Früher war das vielleicht mal schwierig, als lesbisches Paar zusammenzuleben, da hat man dann eben gesagt, es wäre eine Wohngemeinschaft.“ Heute sei das aber ganz normal. Dennoch haben sie und ihre Freundin keine Heiratspläne. Denn Doris Krause weiß, was auch Gertrud und Georg seit fast 25 Jahren klar ist: In Niendorf braucht niemand einen Trauschein, um glücklich zu sein.

Marc-André Rüssau

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