Verschwendung

Aus der Tonne auf den Tisch

Kersten Reinke holt sein Essen beim Supermarkt. Aber nicht aus dem Regal, sondern nach Ladenschluss aus dem Abfallcontainer. Dass er dabei Geld spart, ist ihm nicht so wichtig – er will vor allem ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen.

20 Millionen Tonnen essbare Lebensmittel werden jährlich allein in Deutschland WEGGESCHMISSEN.

Es ist kurz vor 23 Uhr, als Kersten Reinke sich auf sein Rad schwingt, um für die nächsten Tage Lebensmittel zu holen. Ein eisiger Wind jagt Wolkenfetzen über den Himmel, die Straßen irgendwo im Hamburger Osten sind nass vom Regen. Kein Mensch ist unterwegs, die Häuser sind dunkel. Aber Kersten Reinke braucht keinen geöffneten Laden, um an sein Essen zu kommen. Denn der 53-Jährige geht nicht einkaufen, er geht „containern“. Er holt weggeworfene, aber noch essbare Lebensmittel aus den Mülltonnen der großen Supermärkte. „Es hat jedes Mal ein bisschen was von Abenteuer“, sagt er, während er seine Fahrradtaschen befestigt und seinen Rucksack aufsetzt. „So Jäger und Sammler.“

220 Millionen Tonnen Lebensmittel, so schätzt die Welternährungsorganisation FAO, werden Jahr für Jahr in den Industriestaaten weggeworfen, allein 20 Millionen Tonnen in Deutschland. Eine unvorstellbare Menge. Sie entspricht etwa 130 Mal dem Gewicht des Kreuzfahrtschiffes „Queen Mary 2“. Und das meiste wird nicht einmal weggeworfen, weil es verdorben ist, sondern weil die Supermärkte wie Designerläden aussehen wollen: Blitzende Äpfel, glänzende Auberginen. Außerdem kaufen die Märkte oft zu viel ein, um stets volle Regale bieten zu können – und es kommen nur Waren ins Regal, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. Dabei sagt sogar das Bundesministerium für Verbraucherschutz, dass dieses Datum nichts mit der Essbarkeit zu tun hat. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt lediglich den Zeitraum an, in dem der Hersteller garantiert, dass die Ware nichts an Form, Geschmack oder Konsistenz einbüßt. Trotzdem: Abgelaufenes Essen landet in der Regel im Abfall.

Einwandfreie Lebensmittel liegen in der vollgestopften Mülltonne

„Hier geht’s schon los“, sagt Kersten Reinke, der inzwischen beim ersten Supermarkt angekommen ist und eine grüne Mülltonne geöffnet hat. Und tatsächlich: Im Schein der kleinen Lampe, die Reinke an seinem Fahrradhelm befestigt hat, sieht man in der vollgestopften Tonne 15 eingeschweißte Brokkolis liegen, sechs in Plastik gehüllte Salatgurken, abgepackten Chicorée. Einwandfreie Lebensmittel. Reinke beginnt, sie in Plastiktüten zu packen, die neben dem Helm mit der Lampe, Gartenhandschuhen und einem Müllgreifer aus Metall zu seiner Ausrüstung gehören. Im großen Metallcontainer daneben findet er Bananen, Paprika, Joghurts, Fleischwurst und in Plastik verpackte Kirschtomaten. „Davon sind dann maximal zwei oder drei zerquetscht“, erklärt Reinke, während er die Packung im Schein seiner Lampe fachmännisch begutachtet. „Der Rest ist völlig in Ordnung. Da kann man mal sehen, was die hier wegwerfen. Wenn eine Banane braune Stellen hat – ab damit in den Müll.“ Sagt’s und zieht ein kleines Netz Perlzwiebeln aus der Tonne. „Das ist gut“, sagt er. „Meine Zwiebeln sind gerade alle.“

BEPACKT mit Essen aus der Tonne.

Reinke ist nicht der Einzige, der sich mit der Wegwerfmentalität und dem Ausmaß an Verschwendung nicht abfinden will. „Man glaubt’s ja gar nicht, wenn man es nicht selber gesehen hat“, sagt Reinke. Es gibt immer mehr Menschen wie ihn – oft junge Leute und Studierende oder Leute mit wenig Geld –, die sich aus dem Müllcontainer ernähren. „Containern“ oder „Mülltauchen“ nennen sie diese Praxis, aber auch „Dumpstern“, nach dem englischen Wort für Mülltonnen. Über Internetseiten wie containern.de oder mülltauchen.de tauschen sie Erfahrungen aus und diskutieren ethische und rechtliche Aspekte des Containerns. Denn juristisch bewegen sich Mülltaucher in einer Grauzone: Der Müll gehört rechtlich dem Supermarkt oder der Entsorgungsfirma, Containern kann daher als Diebstahl gewertet werden. Falls man über einen Zaun klettert oder ein Schloss aufbricht, können Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung dazukommen.

Seit Reinke vor eineinhalb Jahren mit dem Containern begonnen hat, kauft er kaum noch Lebensmittel. „Wenn du zwei Mal die Woche losgehst, kannst du dich davon ernähren“, sagt er. Sein Brot backt er selbst. Außerdem nähme er aus dem Müll auch Dinge mit, die er sich früher nie gekauft hätte. „Seit ich containern gehe, esse ich wesentlich mehr frisches Obst und Gemüse.“ Angefangen hat Reinke im Sommer 2010, weil er eine Aufgabe brauchte.

Anfangs fiel ihm das Tauchen im Müll schwer

Vor vier Jahren hatte er einen schweren Fahrradunfall, ein Autofahrer hatte ihn in einer Einfahrt umgefahren. Aufgrund von Nervenquetschungen hat Reinke chronische Schmerzen im linken Fuß, muss starke Schmerzmittel nehmen und ist arbeitsunfähig. Weil er gern kocht und auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam geworden war, sprach er irgendwann den Leiter eines Supermarktes an, ob er nicht weggeworfene Lebensmittel kostenlos bekommen könnte. „Ich hatte Glück, an einen sehr sympathi- schen Mann zu geraten“, sagt er. „Den hat es selbst angekotzt, dass er so viel wegwerfen musste.“ Schon bald stellten zwei Supermärkte regelmäßig Essen für Reinke raus, nach und nach wagte er sich auch an die Container. „Das ist mir sehr, sehr schwer gefallen“, sagt Reinke. „Weil’s Müll ist, und weil’s verboten ist.“

Heute ist Reinke vom Containern überzeugt. „Das kann nicht falsch sein“, sagt er. „Ich weiß, dass das letztlich Diebstahl ist. Aber mein Gewissen sagt mir: Das Gesetz, dass das zum Diebstahl erklärt, ist eben falsch.“ Zumal er nur an Mülltonnen geht, die frei zugänglich sind. Wenn er Leute vom Containern überzeugen will, macht er es so: „Da werden Tonnen von Bananen um den halben Globus verschifft, und hier werden sie nach vier Tagen zentnerweise weggeworfen. Überleg mal, was das allein an Brennstoffverbrauch und Umweltverschmutzung bedeutet. Das ist Irrsinn.“

Im Schatten der Dunkelheit sucht und findet Kersten Reinke ESSBARES.

Und Reinke weiß, dass er mit seiner Überzeugung nicht allein ist. Schon öfter habe er beim Containern Passanten und sogar Wachleute getroffen, sagt er. Die Reaktionen seien immer positiv. „Ich habe das Gefühl, dass auch die Märkte gar nicht dagegen sind“, sagt er. „Vor Weihnachten hat jemand viereinhalb Kilo zerbrochene Schokoladen-Weihnachtsmänner extra in einen Karton gepackt, fein säuberlich obenauf im Container. Da fehlte nur noch die Weihnachtskarte.“

Auch sonst kann man beim Mülltauchen verrückte Dinge erleben: Einmal fand Reinke eine ganze Palette Mehl – weggeworfen, weil einige Tüten zerrissen waren. Einmal traf er Lieferanten, die nachts mit dem LKW leere Paletten abholten. „Mit denen habe ich mich total nett unterhalten, während ich den Container durchsucht habe.“ Und an einem Abend fand er auf einen Schlag 7,5 Kilo Delikatessschinken, der einen Tag später abgelaufen wäre. „Den habe ich eingefroren und davon wochenlang Soljanka gekocht.“

Weil Reinke all die guten Sachen unmöglich alleine essen kann, profitieren auch seine Nachbarn von seinen nächtlichen Beutezügen. „Alles Leute, bei denen am Ende vom Geld noch Monat übrig ist“, sagt Reinke. Weil er sonst nur zu Hause sitzen würde, macht er Apfelmus aus weggeworfenen Bio-Äpfeln, kocht für seine Nachbarn Container-Menüs und hängt im Flur Bananen an die Türklinken. „Am Anfang wollten einige das containerte Essen nicht haben“, sagt Reinke und lacht. „Aber heute wird da gar nicht mehr nach gefragt. Und wenn du siehst, wie die sich freuen, das tut richtig gut.“

Inzwischen ist Reinke beim dritten Supermarkt angekommen, dem letzten auf seiner Tour. Beim zweiten hat er einen Sack Äpfel, Zucker, Trockenerbsen und eine Flasche Shampoo erbeutet, bei der lediglich der Deckel fehlt. Doch jetzt muss sogar Reinke staunen. „Guck dir das an“, sagt er. Im Container liegen 80 Packungen geräucherte Lachsforelle, die erst morgen ablaufen. „Gourmet-Premium-Qualität“, liest Reinke vor. Fisch nehme er eigentlich nie mit, sagt er. „Aber wenn die Farbe noch so kräftig rot ist, ist der Fisch völlig in Ordnung.“ Stück für Stück holt er die Delikatesse aus der Mülltonne. „Da werde ich morgen frisches Brot backen“, sagt er und strahlt bis über beide Ohren. „Und dazu gibt’s dann Lachsforelle mit Meerrettich. Da weiß ich jetzt schon, dass ich vielen Leuten eine Freude mache.“ Und dann macht er sich auf den Heimweg – mit einem vollen Rucksack, zwei vollgepackten Fahrradtaschen und einer großen, schweren Tüte am Lenker.

Text: Hanning Voigts
Fotos: Mauricio Bustamante

Stichwort: Lebensmittelverschwendung

Lebensmittelverschwendung ist nicht nur bei Mülltauchern ein Thema: Die Tafel-Bewegung holt seit den 90er-Jahren unverkäufliche, aber noch genießbare Lebensmittel bei Supermärkten ab und verteilt sie an Bedürftige. Auch die Politik hat das Problem erkannt: Mit der Kampagne „Jedes Mahl wertvoll“ klärt das Bundesministerium für Verbraucherschutz über Verschwendung auf – und darüber, dass fast alle Lebensmittel auch nach dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch essbar sind (www.bmelv.de).
Die Verbraucherzentrale hat jetzt überprüft, wie gut Supermärkte Lebensmittel präsentieren, die fast abgelaufen sind. Dabei kam heraus: Die Läden bieten ihren Kunden zu wenig Anreize, solche Produkte zu kaufen. Die Ergebnisse im Einzelnen: www.vzhh.de.
Derzeit gibt es auch einen Prozess gegen einen Mülltaucher: Weil er Kekse aus dem Müllcontainer einer Großbäckerei mitgenommen haben soll, steht ein 52-Jähriger in Lüneburg vor Gericht. In dem Prozess geht es allerdings nicht um Diebstahl, sondern um Hausfriedensbruch – der Mann soll beim Containern über einen Zaun geklettert sein.

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