Navigation
Kontakt

Auf Kneipentour mit Ralf

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 173/Juli 2007

Von Fans, Frechheiten und einem schmerzenden Zeh: Ralf Bröcker verkauft Hinz&Kunzt in den Lokalen von Bergedorf und Lohbrügge

(aus Hinz&Kunzt 173/Juli 2007)

Kurz nach 20 Uhr am Lokal Suhrhof in Bergedorf. Unter den Sonnenschirmen auf dem gepflasterten Hof sind vier Tische besetzt. Gäste trinken ein Feierabend-Bier, andere haben sich etwas zu essen bestellt.

Für Ralf Bröcker, 41, fängt die Arbeit gerade an. Er hat seinen Verkäuferausweis ans hellblaue Polohemd geklemmt, tritt an den ersten Tisch und sagt: „Haben Sie Interesse an einer Ausgabe von Hinz&Kunzt?“ Er sagt diesen Satz immer. Er hat andere Formulierungen ausprobiert, aber mit dieser fühlt er sich am wohlsten. Und das ist wichtig, gerade am Anfang der Tour, wenn er sich „warmlaufen“ muss.

Am ersten Tisch schütteln sie den Kopf. An den anderen auch. Ralf macht noch eine Runde durch die Gaststube, dann steht er wieder auf der Straße. 23 Zeitungen stecken in seiner blauen Umhängetasche. Ungefähr 15 Lokale in Bergedorf und Lohbrügge wird er heute ansteuern – eine Tour, die er mehrmals im Monat macht. „Am besten sind Freitag und Samstag“, erzählt Ralf. Und natürlich die Sommerabende, wenn die Tische vor den Restaurants und Cafés besetzt sind.

Ralf hat die Bergedorf-Lohbrügge-Tour seit November. Vorher lief er Lokale am Hofweg in Uhlenhorst ab. Außerdem verkauft er gelegentlich in der Innenstadt. Zweite Station: eine Brasserie, Caipirinha gibt’s als „Cocktail der Woche“ für fünf Euro. Diskret wartet Ralf, bis die Kellnerin an einem Tisch kassiert hat, dann trägt er sein Anliegen vor. Freundliche Ablehnung. Doch bei zwei anderen Gästen hat er Erfolg – die erste Einnahme an diesem Abend.

Unter der Markise der Pizzeria Lavastein trifft Ralf auf vier Damen. Eva Schultz muss er nicht überzeugen: „Ich finde Hinz&Kunzt super.“ Sie erzählt, dass sie heute „fremdgeht“. Denn normalerweise kauft sie das Magazin beim Stammverkäufer in ihrem Stadtteil, am Lohbrügger Markt. Aber dann nimmt sie diesen Monat eben zwei Hefte und verschenkt eins – um bei anderen Werbung für das Projekt zu machen. „Tschüs Ralf“, sagt Eva Schultz zum Abschied, als würde man sich schon lange kennen, und drückt dem Verkäufer unauffällig ein stattliches Trinkgeld in die Hand.

Ralf kann’s gebrauchen. Er ist arbeitslos, bekommt Hartz IV, stottert Schulden ab. Der gebürtige Duisburger hat keinen Beruf gelernt, aber hart gearbeitet: So tourte er sechs Jahre mit der Kelly Family durch Europa und klebte für die Band Plakate. Dann schuftete er als Zeitarbeiter im Bühnen- und Messebau, war in Köln für ein bundesweites Unternehmen für Veranstaltungstechnik tätig. Als die Firma ihr Kölner Lager schloss, stand Ralf ohne Aufträge da. Er konnte seine Miete nicht mehr bezahlen, verlor 2003 die Wohnung, reiste umher. In Hamburg lebte er auf der Straße und begann mit dem Hinz&Kunzt-Verkauf. Mit Unterstützung der H&K-Sozialarbeit bekam er ein Zimmer im Bodelschwingh-Haus der Diakonie und schaffte von dort den Sprung in die eigene Wohnung in Rothenburgsort.

Ralfs achte Station an diesem Abend ist ein edles italienisches Restaurant. Er verkauft zwei Zeitungen. Manchmal macht er „Spökes“, wirft einen trockenen Spruch in die Runde. „Wenn die Leute lachen, hast du gewonnen“, sagt er. Gute Stimmung hebt den Verkauf.

Frechheiten gibt es auch, aber selten. Ein angetrunkenes Paar nahm eine Zeitung und ließ den verdutzten Verkäufer ohne Bezahlung stehen. Ralf verzichtete darauf, das Geld einzufordern: „Mit Betrunkenen diskutiere ich nicht.“ Oder der Gast, der den H&K-Verkäufer mit den Worten begrüßte: „Da kommt der Bettler.“ Ralf reagierte schnell, geschickt und mutig: Er trat auf den Mann zu und bot, ohne eine Miene zu verziehen, die Zeitung an. Der Mann kaufte. Seiner Begleiterin am Tisch war die Angelegenheit so peinlich, dass ihre Gesichtsfarbe mehrfach wechselte. „Absolute Ausnahme“, sagt Ralf lächelnd. „99,99 Prozent der Leute sind in Ordnung.“

Zügig geht es weiter, der Abend ist schwül, Ralf hat Schweißperlen auf der Stirn. Sechs Jahre lang kämpfte er mit Hepatitis C. Jetzt ist er wieder gesund, aber nicht mehr so fit. Früher, beim Plakatieren für die Kellys und beim Entladen der Lkws für den Bühnenbau, war er der Schnellste. Aber mit seinem früheren Tempo kann er nicht mehr mithalten.

Während der ganzen Tour schmerzt sein linker Zeh. Weil er sich in einer Kleiderkammer zu kleine Schuhe ausgesucht hatte und damit mehrmals anstieß, litt das Gelenk. Der Zeh krümmte sich und versteifte. Inzwischen haben Ärzte den Zeh gerichtet, mit einer Schraube und einem Nagel. Die werden im Sommer entfernt. „Ich bin Sternzeichen Fisch“, sagt Ralf lakonisch. „Die haben immer Probleme mit den Füßen.“

In den Bühnen- und Messebau wird er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zurückkehren. Der Staplerschein, den er im vergangenen Jahr pflichtgemäß erwarb, hilft ihm auch nicht weiter. Im August wird Ralf nun an einem Training für Hartz-IV-Empfänger teilnehmen, um berufliche Perspektiven herauszufinden. Vielleicht etwas am PC? Netzwerkadministrator? Aber da habe sein Berater schon abgewunken, sagt Ralf. Ihm fehle die Qualifikation, und der Job sei ohnehin überlaufen.

Der Verkäufer hat den Tunnel am Bergedorfer Bahnhof durchquert. Auf der Lohbrügger Seite steuert er das Schweinske an, die Taverna Nostos und schließlich das Kulturzentrum Lola. In der Kneipe dominiert dunkles Rot. Die letzte Zeitung an diesem Abend geht an die 26-jährige Katharina Bartsch, die in Wentorf wohnt, in Reinbek arbeitet, in Pöseldorf studiert – und heute Abend in Lohbrügge verabredet ist. Das Kneipen-Team hat neulich schon ein Heft gekauft, es steht im Zeitschriftenständer für die Gäste.

Knapp zwei Stunden war Ralf unterwegs, zwölf Zeitungen hat er verkauft, macht 10,20 Euro plus Trinkgeld. 6 Euro gehen ab für die HVV-Tageskarte, eine Monatskarte leistet er sich nur ab und zu.

Feierabend. Ralf dreht sich eine Zigarette und geht zur S-Bahn. Zu Hause wird er noch etwas essen, vielleicht fernsehen und dann zu Bett gehen – ausschlafen für den nächsten Arbeitstag als Hinz&Kunzt-Verkäufer.

Detlev Brockes

Tour

Mehr als 60.000 Zeitungen verkauft Hinz&Kunzt jeden Monat. Die meisten der rund 400 Verkäufer haben feste Plätze, zum Beispiel an Einkaufszentren oder U-Bahn-Stationen. Einige Verkäufer bieten das Heft auf festen Touren in Kneipen an. Mit den Gastwirten ist das abgesprochen.

Zeitungen

Verkäufer bezahlen bei Hinz&Kunzt 75 Cent pro Zeitung. Diese Summe müssen sie vorlegen. Für 1,60 Euro dürfen sie das Heft verkaufen. So bleibt ihnen ein Erlös von 85 Cent pro Heft.

Eigene Wohnung

Wer als Hinz&Kunzt-Verkäufer anfängt, muss wohnungslos sein. Aber wer eine Wohnung gefunden hat, muss deshalb nicht aufhören. Denn oft braucht es lange, bis Menschen nach der Obdachlosigkeit wieder Fuß fassen – trotz eigener Wohnung. Die Anbindung an Hinz&Kunzt hilft

Tags: , ,

Schreibe einen Kommentar