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Münzviertel

Auf gute Nachbarschaft!

10. Januar 2013 | Von | Kategorie: Nachrichten

Fast überall in Hamburg machen Anwohner gegen neue Unterkünfte für Flüchtlinge und Obdachlose mobil. Die Bewohner des Münzviertels zeigen, dass es auch anders geht: Sie sorgen sich und haben großes Verständnis.

Jetzt soll alles ganz schnell gehen: 1500 neue Dauerunterkünfte für Obdachlose und Flüchtlinge will die Sozialbehörde binnen kürzester Zeit in ganz Hamburg eröffnen. Das ist auch höchste Zeit, denn die bisherigen Unterkünfte platzen aus allen Nähten. Bis in den Dezember mussten Flüchtlinge noch in Zelten schlafen, weil ein Umzug aus der Erstaufnahmestelle in feste Unterkünfte nicht möglich war. Und die Dauerunterkünfte für Obdachlose sind ausgelastet, weil die Bewohner auf dem Wohnungsmarkt keine Bleibe finden. Entsprechend überlastet sind auch die Notunterkünfte für den Winter, zum Beispiel das Winternotprogramm im ehemaligen Bürohochhaus an der Spaldingstraße.

Sozialsenator Scheele appelliert an die Solidarität der Anwohner

Jeder Bezirk muss seinen Teil zu den neuen Unterkunftsplätzen beitragen. In der Rothenhauschaussee in Bergedorf sollen noch in diesem Jahr 300 Plätze entstehen, in Eimsbüttel am Offakamp 180 und 70 Unterkunftsplätze  im Oststeinbeker Weg im Bezirk Mitte. Damit die zuständige  Sozial­behörde die Einrichtungen schnell eröffnen kann, ist sie auf das Wohlwollen der jeweiligen Nachbarn angewiesen. „Es wäre allen geholfen, wenn insgesamt ein Klima entstünde, dass wir das nur gemeinsam lösen können“, sagte Sozialsenator Scheele und appellierte an die Solidarität der Anwohner.

Die ist wohl nirgends so ausgeprägt wie im Münzviertel. Den dortigen Anwohnern wird einiges zugemutet: ­Hunderte Junkies besuchen dort täglich die Drogenberatungsstelle Drob Inn, 240 Obdachlose pilgern jeden Tag zum Winternotprogramm in der Spaldingstraße. Auch die Tagesaufenthaltsstätte Herz As und die Stadtmission sind bei ­Obdachlosen sehr beliebt. Das alles auf einer Fläche von wenigen Hundert Quadratmetern.

Unterkunftsleiter Andreas Bischke wird von den Nachbarn unterstützt. „Die Obdachlosen gehören zum Viertel dazu“, findet Klaus Stürmann.

Glaubt man einem Bericht der Tagespresse, ist die Situation im Viertel kaum auszuhalten. Vom „Ausnahmezustand“ ist zu lesen und dass die Anwohner um ihr Viertel fürchten. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich nichts ­verändert, Frauen würden sich kaum mehr auf die Straße trauen. Sodom und Gomorha im Münzviertel. Fragt man im Viertel nach, hört sich das ganz anders an. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich die Situation beruhigt, heißt es unisono. Mehr noch, man stößt auf großes Verständnis für Obdachlose und Drogenkonsumenten: „Wir gehören alle zu diesem Quartier“, sagt Klaus Stürmann vom Quartiersbeirat Münzviertel. „Die gehören einfach dazu!“ Eine ­beeindruckende Grundhaltung, die von vielen im Viertel ­geteilt wird. 240 Menschen in einem Bürogebäude unterzubringen, finden hier trotzdem alle zu viel. Zu viel für das Viertel, aber auch zu viel für die Leute, die darin wohnen müssen. Bei anderen Viertelbewohnern entsteht der Eindruck, dass für sie nicht die Obdachlosen das Problem sind, sondern deren Herkunft. „Da kommt auch ein großes Maß Ausländerfeindlichkeit zutage“, sagt Stürmann. Die meisten Nutzer des Winternotprogramms kommen in diesem Jahr aus Osteuropa. Manche stört das: „Für die sogenannten einheimischen Obdachlosen gibt es mehr Verständnis“, sagt Stürmann.

Tagsüber fehlen Aufenthaltsmöglichkeiten und Toiletten

Es gibt aber auch Probleme mit den Obdachlosen im Viertel. Insbesondere die direkten Nachbarn des Winternotprogramms sind davon betroffen. Sie berichten, dass ihre Hinterhöfe als Toilette missbraucht werden und dass sie regelmäßig zerbrochene Flaschen entsorgen müssten. Aber auch hier: Verständnis für die Obdachlosen. „Es ist keine Toilette da. Natürlich pinkeln die Leute überall hin!“, sagt ein direkter Nachbar der Massenunterkunft in der Spaldingstraße. Er hat sogar schon Exkremente in seinem Treppenhaus gefunden, die dort vermutlich ein Obdachloser aus der Spaldingstraße hinterlassen hat. Die Bewohner der Unterkunft dürfen das Gebäude nur von 17 bis 9 Uhr betreten. Den Rest der Zeit verbringen sie anderswo. „Warum richtet man nicht einen Aufenthaltsraum für den Tag ein?“, fragt sich der Anwohner. Dann bräuchten sie sich nicht im Umfeld der Massenunterkunft aufzuhalten, nicht in seinen Innenhof zu pinkeln. „Ich wäre der Letzte, der mit dem Finger auf die Leute zeigt!“ Vielmehr sieht er die Sozialbehörde in der Pflicht, sich auch um das Umfeld zu kümmern.

Noch im Sommer hatte die Behörde den Nachbarn versprochen, dass in der Spaldingstraße in diesem Winter nur 160 Menschen pro Nacht untergebracht würden. Das war unehrlich, weil da bereits vorhersehbar war, dass das nicht ausreichen würde. Verständlich, dass die Anwohner sich darüber geärgert haben. Inzwischen hat die Stadt einiges optimiert: Der Austausch zwischen Behörde und Anwohnern hat sich verbessert, und die Müllabfuhr kommt jetzt regelmäßig, um die Straßen zu säubern. Auch die Polizei zeigt stärkere Präsenz im Viertel. Vermutlich zum letzten Mal: Es ist wohl das letzte Winternotprogramm in der Spaldingstraße. „Wir können uns das im nächsten Jahr nicht mehr dort vorstellen“, sagt Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD) zu Hinz&Kunzt. „Auch weil das Gebäude innen drin in einem sehr schlechten Zustand ist.“ Ohnehin sei die Abrissgenehmigung für das ­marode Gebäude bereits erteilt, sodass es im kommenden Winter wohl nicht mehr stehen wird.

Einrichtungsleiter Bischke: „Wir haben gute Unterstützung von den Anwohnern“

Die Geduld bei den meisten im Viertel ist groß. Keine Selbstverständlichkeit: „Der ganze Stadtteil ist liberal, sonst wäre das nicht möglich“, sagt Stadtmissions-Geschäftsführer Ulrich Hermannes. „Es gibt bislang keine Beschwerden aus der Nachbarschaft bei der Stadtmission oder dem Herz As.“ Das Problem sieht er eher innerhalb der Einrichtungen: Die sind nämlich hoffnungslos überfüllt. „Wir fahren seit Jahren auf 200 Prozent“, bestätigt An-dreas Bischke vom Herz As. In die Tagesaufenthaltsstätte kommen meistens viel mehr Obdachlose, als es Plätze gibt. „Das macht die ganze Atmosphäre hier kaputt.“ Oft müssen die Mitarbeiter sogar die Türen schließen. Das habe jedoch mit dem nahen Winternotprogramm in der Spaldingstraße kaum etwas zu tun, auch ohne dies Notprogramm sei die Einrichtung überfüllt, betont Bischke. Immerhin bekommt er jetzt etwas Unterstützung: Die Sozialbehörde hat bis zum 30. April eine zusätzliche halbe Stelle bewilligt. Das ist zwar eine Entlastung, aber keine Lösung des Problems. Mit den Nachbarn des Herz As gibt es dafür kaum Probleme, von vereinzeltem Unmut abgesehen. „Wir haben gute Unterstützung von den Anwohnern“, sagt Bischke. „Das ist ein Genuss!“ Es wäre schön, wenn das überall in Hamburg so wäre. Aber die Stadt muss den Anwohnern auf Augenhöhe begegnen und sich um Probleme kümmern. Ein Toilettenhäuschen vor der Unterkunft wäre schon mal ein Anfang.

Text: Benjamin Laufer
Foto: Mauricio Bustamante

Neue Unterkünfte für Hamburg

An fast allen Standorten in der Stadt, an denen neue Unterkünfte eröffnet werden, regt sich Widerstand bei den Anwohnern. In Moorfleet beklagen sich einige Bürger über die Unterbringung von 100 Flüchtlingen in einer alten Schule: „Die  Belastungen, die man einer Bevölkerung zumuten kann, haben in einer zivilisierten Gesellschaft auch Grenzen“, schreiben sie in einem Beschwerdebrief. Auch im Offakamp in Eimsbüttel gibt es Gegenwind. Vorgeblich aus Sorge um die Gesundheit der Flüchtlinge: Der Boden unter den Gebäuden und Containern, in denen sie untergebracht werden, sei verseucht. Früher sei hier mal eine Müllkippe gewesen. „Würde sich aus der Nutzung eine Gefahr ergeben, würden wir dort keine Unterbringung machen“, beschwichtigt Bettina Prott von der Sozialbehörde.

Die meisten Unterkunftsplätze in Hamburg stellt der Bezirk Nord: 2000 Flüchtlinge und Obdachlose leben hier. Beschwerden gibt es selten. Torsten Grube vom Unterkunftsbetreiber Fördern und Wohnen betont: „Das liegt sicher daran, dass wir an Runden Tischen und bei der Stadtteilkonferenz mitarbeiten.“ Dort komme alles auf den Tisch und werde „abgearbeitet“. „Das ist eine große Integrationsleistung“, sagt Sozialdezernentin Yvonne Nische. „Trotzdem finden wir, dass die anderen Bezirke jetzt auch mal dran sind.“ BELA/BIM

 

 

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