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Arztpraxis auf Rädern

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2005: Hinz&Kunzt-Ausgaben 143 – 154, Archiv, Hinz&Kunzt 152/Oktober 2005

Seit zehn Jahren kümmert sich die Mobile Hilfe um die Gesundheit von Obdachlosen

(aus Hinz&Kunzt 152/Oktober 2005)

Pattrick gibt sich hart. „Zeckenbisse brennt man am besten mit der Zigarette weg“, erklärt er und zeigt ein paar kreisrunde Brandnarben auf dem Arm. Verstauchungen, doziert der 23-Jährige in den Armeeklamotten weiter, geben sich meist nach ein paar Tagen von selbst. Seine Tricks hat er aus einem Heft über das Überleben in der Wildnis. Seit drei Jahren übernachtet Pattrick draußen – da darf man nicht zimperlich sein. Nur jetzt hat er ein Problem, bei dem auch sein Überlebensheft wenig hilft: „Seit zwei Tagen kriege ich den Mund nicht mehr ganz auf!“ Und da selbst Pattrick nicht nur von Flüssignahrung leben kann, steht er jetzt zusammen mit einer Hand voll anderer Patienten vor dem Herz As, einer Aufenthaltsstätte für Obdachlose, und wartet darauf, dass der Behandlungsstuhl im weißen Mercedesbus der Mobilen Hilfe der Caritas wieder frei wird.

Im Moment kümmern sich dort Krankenpfleger Christopher William und Arzt Dr. Reinhard Hundertmarck um Klaus-Jürgen Fitzeck. Dessen Bein ist seit zwei Wochen rot und geschwollen. „Hautkrankheiten sehen wir sehr häufig“, erklärt Hundertmarck, „weil die Haut auf der Straße natürlich nicht in dem Maße gepflegt werden kann, wie es gut wäre.“ Fitzeck plagt ein Erysipel, umgangssprachlich Wundrose genannt, ausgelöst durch Bakterien, die in kleine Hautverletzungen eindringen.

Hundertmarck gibt ihm Penicillin, der Zivildienstleistende Satilmis Tepe tippt derweil den Namen des Medikaments ins Laptop. Die Mobile Hilfe führt eine Datenbank, in der die Behandlungen aller Patienten verzeichnet sind. Die ist mittlerweile ziemlich umfangreich, schließlich ist der Bus seit zehn Jahren erste Anlaufstelle für erkrankte Wohnungslose in der Hansestadt. Die Gründe, warum Obdachlose das rollende Behandlungszimmer vorziehen, sind vielfältig: Einige sind nicht krankenversichert, andere haben Angst, in einer Arztpraxis schief angeschaut zu werden. Oder sie können die zehn Euro für die Praxisgebühr nicht auftreiben. Wie viele Menschen das sind, wird an den Zahlen deutlich: 3280 Behandlungen zählten die Helfer allein im ersten Halbjahr, etwa 840 Obdachlose kamen in dieser Zeit zum Bus.

Christopher William ist fest bei der Caritas angestellt. Seit fünf Jahren fährt der 48-Jährige jeden Tag zu den Obdachloseneinrichtungen in der Stadt, etwa zur Bahnhofsmission oder zur Notunterkunft Pik As. Der gelernte Krankenpfleger ist froh, das Krankenhaus mit dem Bus getauscht zu haben: „Die Interaktion ist größer. Ich kann über einen langen Zeitraum Kontakt halten, ich lerne die Probleme von A bis Z kennen“, sagt William. „Dadurch geht dir alles aber auch näher, und du hast als einziger Pfleger größere Verantwortung als in einem Team in der Klinik.“

Unterstützt wird William von mehreren Ärzten, die abwechselnd mitfahren. Wie Reinhard Hundertmarck, der seit einem Jahr einmal pro Woche ehrenamtlich Obdachlose behandelt. Der 72-Jährige, der so aussieht, als könne er immer noch in jeder Krankenhausserie als Chefarzt über die Mattscheibe huschen, nennt als größten Unterschied zu der Zeit in seiner Kassenpraxis: „Obdachlose sind dankbarer. In meiner Praxis hörte ich etwa zwei- bis dreimal pro Woche ‚Danke‘, im Bus bedankt sich jeder zweite oder dritte Patient.“

Trotzdem machen beide nicht den Fehler, ihre Arbeit durch die rosarote Brille zu betrachten: „Manche stolpern total betrunken mit zwei Mann Hilfe zum Bus“, erklärt Hundertmarck, „und wenn jemand rumpöbelt, müssen wir auch schon mal Autorität zeigen.“ Außerdem bedrückt sie, dass nicht alle Probleme der Patienten gelöst werden können. „Sodbrennen kommt beispielsweise oft von zu viel Alkohol“, so William, „wir können nur die Schmerzen behandeln – danach trinkt der Patient weiter.“ Der Drang, der Realität durch Suchtmittel zu entfliehen, sei größer als die Sorge um die Gesundheit.

Bieten kann die Mobile Hilfe keine High-Tech-Medizin. Außer einem Behandlungsstuhl und durch Spenden finanzierte Medikamente hat die rollende Praxis nichts dabei. Dafür ist die Beziehung zu den Patienten enger als anderswo: „Die Mitarbeiter der Mobilen Hilfe sprechen auch mal einfach so mit dir“, sagt Gunnar, ein schlanker Mann mit sanften Gesichtszügen, der sich einmal im Monat Vitamintabletten abholt. „Wenn ich depressiv bin, bauen mich solche Gespräche wieder auf.“

Das brauchen nicht nur Obdachlose. „Es kommen auch immer mehr Menschen zum Bus, die eine Wohnung haben“, so William. Maria beispielsweise, die sich mit einer Gehhilfe bewegt, lebte nie auf der Straße. Trotzdem zieht die 84-Jährige den Bus der gewöhnlichen Praxis vor: „Seit mein Sohn verstorben ist, muss ich was machen, um unter Leuten zu sein. Und die Ärzte hier nehmen sich Zeit.“ Bei ihr haben die Schuhe eine wunde Stelle an den Knöcheln hinterlassen, glücklich nimmt sie ein Döschen Salbe von Hundertmarck entgegen. Und auch das Geheimnis um die Mundsperre von Überlebenskünstler Pattrick wird gelüftet. Es sind die Weisheitszähne. Er bekommt ein Schmerzmittel und die Überweisung zum Zahnarzt.

Marc-André Rüssau

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