Armut und Ausgrenzung

Hilfeempfängerin Annett B. erzählt von ihrem Leben am Rand der Gesellschaft

Hartz IV auf den Punkt gebracht: „Armut und Ausgrenzung“ heißt eine neue qualitative Studie des Diakonischen Werkes Hamburg. 35 Menschen, die etwa von Arbeitslosengeld II leben oder nur eine Rente bekommen, wurden über einen Zeitraum von einem Jahr gefragt: Wie geht es Euch? Nicht über Betroffene zu reden, sondern mit ihnen, war die Idee. Und die gefiel auch Annett B., 41, alleinerziehende Mama, Arbeitslosengeld-II-Empfängerin.

Annett B. erklärte sich sofort bereit, mitzumachen. Für sie war die Teilnahme so etwas wie Öffentlichkeitsarbeit, „damit wir auch eine Lobby bekommen“. Es ist ihr wichtig, zu erzählen, wie es ist, ihr Leben zu leben.

Annett wohnt mit ihrer 13-jährigen Tochter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Schnelsen. Im Wohnraum steht der Fernseher auf einem Servierwagen, der vielleicht schon hundert Jahre alt ist. Ein Erbstück von Oma. Deren Porträt in Öl hängt neben der Wohnungstür. Streng schaut die Dame unter ihrem Kopftuch hervor. Platz nimmt Annett in niedrigen, bunt bezogenen Sesseln. Die gehörten ihren Eltern und waren in den 1960er-Jahren mal neu. Der 41-jährigen Leipzigerin geht die Familie über alles.

AnnettB

Arm sein ist schlimm für Annett. Mit dem Einkommen nie bis zum Monatsende wirklich auszukommen. Nichts auf der hohen Kante zu haben. Immer nur Nein sagen zu ihrem Kind.

„Da wird man halt erfinderisch.“ Markenklamotten kommen nicht in Frage, T-Shirts vom Textil-Diskounter müssen´s auch tun – für Mutter und Tochter. Annett geht regelmäßig zur Tafel. „Sonst hätten wir manchmal am Ende des Monats nichts zu essen.“ So schlimm ist es wirklich, sagt ihr Blick.

Klar, dass Extras kaum drin sind. „Ich will, dass aus meiner Tochter etwas wird“, sagt Annett mit fester Stimme. Als Sandras Noten absackten, hätte sie gerne einen Nachhilfelehrer engagiert. Doch der ist unbezahlbar. „Ich setze mich mit ihr hin. Und was ich nicht kann, lernt sie auch nicht.“ Schulterzucken. Nicht weil es Annett egal wäre, sonder weil sie das nicht ändern kann.

„Meine Tochter hat sich ein Hobby ausgesucht, das nicht so viel kostet.“ Der Sportverein, bei dem Sandra angemeldet ist, unterstützt arme Familien und erlässt ihnen den Beitrag. Auch die Schule ihrer Tochter hilft hin und wieder aus. Wenn größere Beträge für Ausflüge oder Klassenfahrten fällig werden, beantragt sie bei der Schulleitung Unterstützung. Das fällt ihr schwer. „Meine Tochter geht aufs Gymnasium. Da gibt es nicht gerade viele Kinder von Langzeitarbeitslosen.“

Annett ist sehr stolz auf ihre Tochter, der sie kein regelmäßiges Taschengeld geben kann, und die es mit Verzicht und Hartnäckigkeit trotzdem schafft, zu sparen und sich Wünsche zu erfüllen.

Schwieriger als die Armut zu managen ist für Annett, das Alleinsein auszuhalten. „Du bist so isoliert“, sagt sie. Ob sie manchmal ausgeht? „Ich bleibe zuhause“, ist Annetts Antwort.

Annett zeichnet gerne. Große Bögen voll mit Linien und Quadraten, Strichen und Kreisen mit Wasserfarben. Viel Rot benutzt sie. Eine ganze Mappe mit ihren Bildern liegt da im Regal. Annetts Bewerbungsunterlagen sind immer auf dem neuesten Stand, jederzeit bereit zur Post gebracht zu werden. Nur dass ihr langsam niemand mehr einfällt, dem sie die schicken könnte.

Annett wünscht sich einen Job als Sachbearbeiterin. „Etwas abwechslungsreiches, wo ich mit Menschen zu tun habe.“ Sie spricht Russisch und Englisch und kann sich gut ausdrücken. „Nur hochdeutsch kann ich nicht“, sagt die kleine Frau mit dem ostdeutschen Zungenschlag lachend.

Annett war, bevor ihre Ehe geschieden wurde und sie nach Hamburg zog, im Einzelhandel mit ihrem Ex-Mann selbstständig. Nach der Trennung bildete die gelernte Buchbinderin sich als Mediengestalterin weiter und fand einen Job in der Hansestadt. Doch als sie im Juni 2006 die Kündigung erhielt, fehlten ihr die notwendigen Beitragszeiten für den Bezug von Arbeitslosengeld. Das hieß für Annett B. und ihre Tochter: Arbeitslosengeld II. Von einem Tag auf den anderen.

Tagsüber arbeitet Annett bei dem Verein „Hamburger Medienpool“. Diesen sogenannten Ein-Euro-Job hat sie sich selbst gewünscht. Hier drechselt sie Tierfiguren aus Holzblöcken. Wozu, weiß sie selbst nicht so genau. Aber sie geht gerne hin. „Ich hab gesagt, ich mache jetzt auch mal was für mich.“ Erwartet werden, Kollegen haben, auch mal ein Lob hören: Das tut gut.

Werktags geht Annett auch noch morgens von 5 Uhr bis 6.30 Uhr putzen. 168 Euro ihres Lohns darf sie behalten. Der Recht wird aufs Arbeitslosengeld II angerechnet. Es lohnt sich trotzdem, findet sie: „Ich muss ein Vorbild für meine Tochter sein.“ Mit der hatte sie schon so „Grundsatzdiskussionen“. Und dann sagt Sandra Sachen wie: „Warum soll ich lernen? Du hast es ja auch zu nichts gebracht.“

Annett mag sich nicht damit abfinden, dass jemand, der was kann, nie wieder eine Chance bekommen soll. Andererseits: Beim Medienpool, wo sie ihren Ein-Euro-Job macht, da sind viele, die was können. Die können sogar viel. Und die wollen was leisten. Wie Annett. Aber sie sitzen da alle als Langzeitarbeitslose, haben 20, 100 oder 1000 Bewerbungen geschrieben und keine Chance bekommen. Annett versucht, sich nicht klein machen zu lassen „von dieser ganzen Situation“. Aber nach all den Jahren, da ist es schon verständlich, wenn einer anfängt an sich zu zweifeln.

Annett will sich einmischen. Deswegen hat sie bei der „Armut und Ausgrenzung“-Studie mitgemacht. Nach vielen Gesprächen haben die Teilnehmer gemeinsam Forderungen aufgestellt. Wie es für sie besser werden kann. Eine lange Liste ist das geworden. Zuerst kommt die Erhöhung des Regelsatzes. Und dass der auch für Menschen gelten soll, die bisher als Asylbewerber viel weniger bekommen. Nachhilfe muss kostenlos sein, das steht da auch. Ein ganz großer Wunsch ist: Dass der Alltag von Hilfeempfängern skandalisiert wird in den Medien. Dass Vorurteile nicht auch noch gefördert werden. Und: Dass gesagt und geschrieben wird „Arbeitslosengeld-II-Bezieher“ und nicht „Hartz-IV-Empfänger“.

Noch etwas Gutes hat die Studie für Annett gebracht: die Begegnung mit den anderen Teilnehmern. „So eine Gruppe“, sagt Annett, „die stärkt sehr.“ Da sind schon so etwas wie Freundschaften entstanden. „Da merkst du: Du bist doch nicht ganz allein auf dich gestellt.“

Text: Beatrice Blank
Foto: Mauricio Bustamante

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